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Banken droht Ungemach

Die Abschaffung des Eigenmietwerts kann für die Banken unangenehme Folgen haben. Das Hypothekengeschäft droht, weniger Gewinn abzuwerfen.

Die Eigenheimbesitzer dürften vom Wegfall des Eigenmietwerts profitieren. Foto: Plainpicture
Die Eigenheimbesitzer dürften vom Wegfall des Eigenmietwerts profitieren. Foto: Plainpicture

Wenn es nach der Wirtschaftskommission des Ständerats geht, dann soll es dem Eigenmietwert bald an den Kragen gehen. Diese Idee dürfte vielen Hausbesitzern gefallen, vor allem solchen, die aus steuerlichen Gründen ihre Hypothekarschulden nicht zurückzahlen. Laut Manuel Ammann, Finanzprofessor an der Universität St. Gallen, gibt es für Privatpersonen im heutigen System durchaus steuerliche Anreize, um Schulden nicht abzubezahlen: «Es kann sich etwa lohnen, eine Hypothek stehen zu lassen und dafür ein Aktienportfolio aufzubauen – auch, weil es in der Schweiz keine Besteuerung von Kapitalgewinnen gibt», sagt Ammann.

Von dieser Praxis profitieren die Schweizer Banken. Zu diesem Schluss kommt eine im März publik gemachte Studie von Moody’s, einer der weltweit einflussreichsten Ratingagenturen. Dort heisst es, dass zur Steueroptimierung gehaltene Hypotheken den Banken fortlaufend Zinserträge generierten. Das Zinsdifferenzgeschäft ist denn auch für die meisten Kantonal-, Raiffeisen- und Hypothekarbanken die wichtigste Einnahmequelle, mit einem Anteil von bis zu 70 Prozent der gesamten Erträge.

Ammann erwartet, dass sich die Abschaffung des Eigenmietwerts auf die Branche auswirken würde. Doch der Wissenschaftler relativiert: «Dessen Ausmass ist stark von der Ausgestaltung der Vorlage abhängig.» Der Vorschlag, der nun auf dem Tisch liegt, sieht einen gewissen Spielraum bei den Abzugsmöglichkeiten vor, womit nicht alle steuerlichen Anreize eliminiert wären. Im Grundsatz sei aber davon auszugehen, so Ammann, dass es zu einer Wachstumsverlangsamung im Hypothekenbereich käme.

«Betroffen sind vor allem Banken, die bereits heute die kritische Grösse unterschreiten.»

Manuel Ammann, Finanzprofessor an der Universität St. Gallen

Dieser Meinung ist auch Philipp Rickert. Er ist Leiter Financial Services bei KPMG Schweiz. «Ohne Eigenmietwert dürften Hypotheken schneller amortisiert werden – wenn dies finanziell denn möglich ist», sagt er. Einig sind sich die beiden Ökonomen auch darin, dass sich eine derartige Systemänderung nicht über Nacht in den Büchern der Banken niederschlägt, sondern ein gradueller, langjähriger Prozess sei. Denn Umschichtungen von Vermögen, wie von mehrjährigen Hypotheken, brauchen Zeit. Für die Banken wären solche Umschichtungen gleich doppelt schmerzhaft, sagt Rickert: «Die Kunden würden das Geld, das zur Amortisation verwendet wird, zu grossen Teilen aus der Vermögensverwaltung abziehen, was sich ebenfalls negativ auf die Erträge der Banken auswirken dürfte.»

Für die Branche sind das insgesamt keine guten Aussichten. Laut Ammann könnten die Veränderungen, welche eine Änderung der Steuerpraxis mit sich bringen, den Konsolidierungsdruck im Bankensektor erhöhen. «Betroffen sind vor allem Banken, die bereits heute die kritische Grösse unterschreiten und nicht genügend Mittel haben, um in die Zukunft wie etwa die Digitalisierung zu investieren», sagt Ammann.

Verschuldung könnte sinken

Positiv auswirken dürfte sich die Abschaffung des Eigenmietwerts auf die Verschuldung der Schweizer Privathaushalte, sagt Professor Ammann. Seit Ausbruch der Finanzkrise – also vor rund zehn Jahren – steigt diese kontinuierlich an. Laut der Schweizerischen Nationalbank erhöhten sich die Ausleihungen um sagenhafte 40 Prozent auf rund 128 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Ammann geht davon aus, dass die heutige Steuerpraxis nicht alleiniger, aber wesentlicher Grund für die hohe Verschuldung sei. «Eine Abschaffung des Eigenmietwerts könnte dabei helfen, die Verschuldung wieder auf einen nachhaltigeren Pfad zu führen», sagt er und fügt an: «Eine Verlangsamung wäre positiv. Denn der Anstieg der Verschuldung ist mit Systemrisiken verbunden.»

Beide Ökonomen weisen darauf hin, dass heute noch viele Unsicherheiten bestehen – vor allem darüber, ob das Parlament den Empfehlungen der Wirtschaftskommission des Ständerats auch tatsächlich folgt.

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