«Bei 5G nimmt es Salt gemächlich»

Der Chef von Salt bestätigt, dass der Telecomanbieter beim schnellen 5G-Netz bewusst zurückhaltend verfährt.

«Die kurzfristige Wirkung von 5G wird überschätzt»: Salt-Chef Pascal Grieder. Foto: Olivier Vogelsang

«Die kurzfristige Wirkung von 5G wird überschätzt»: Salt-Chef Pascal Grieder. Foto: Olivier Vogelsang

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Pascal Grieder ist seit einem Jahr Chef des drittgrössten Schweize Mobilfunkanbieters. Im Interview bestätigt er erstmals, dass Salt beim ultraschnellen Standard 5G bewusst zurückhaltender als die Konkurrenz verfährt.

Salt hat erstmals Zahlen zu den Festnetzkunden veröffentlicht. Über 50000 Nutzer per Ende Juni bei 4 Millionen Haushalten, das ist ziemlich bescheiden.
Pascal Grieder: Im Gegenteil. Für Schweizer Verhältnisse sind das gute Zahlen. Vergessen wir nicht, dass die Wechselbereitschaft der Kunden hierzulande relativ gering ist. Wir haben seit dem Start fast die Hälfte aller Neukunden in unserem Einzugsgebiet gewonnen.

Die Information machen Sie ein Jahr nach der Lancierung von Salt Fiber öffentlich – weil Sie warten mussten, bis das Resultat ansehnlich ist?
Das hat damit nichts zu tun. Wir wollten der Konkurrenz keine Anhaltspunkte darüber geben, wie sich unser neues Angebot verkauft. Um die Zahl von 50000 besser einzuordnen: Einerseits erreichen wir mit dem Produkt lediglich 1,45 Millionen Haushalte, weil es dazu einen Glasfaseranschluss braucht. Andererseits waren wir im ersten halben Jahr nach der Lancierung zurückhaltend mit Werbung für Salt Fiber. Wir mussten zuerst die Abläufe beim Kundendienst glattziehen.

Bislang konnte Salt behaupten, mit 10 Gigabit pro Sekunde die schnellste Internetgeschwindigkeit der Schweiz anzubieten. Kabelfernsehen Bödeli hat nachgezogen. Wurden Sie von einer kleinen Firma aus dem Berner Oberland übertölpelt?
Ich gratuliere Kabelfernsehen Bödeli zu diesem Erfolg. Toll gemacht, im Ernst! Ich fühle mich in meiner Lage aber nach wie vor sehr wohl. Die 10 Gigabit pro Sekunde von Salt Fiber sind ja nicht das einzige Alleinstellungsmerkmal. Es ist das Gesamtprodukt, das zählt.

Unabhängige Messungen von Netzwerk-Scannern zeigen aber, dass Salt Fiber bei weitem nicht so schnell ist wie angegeben. Verkaufen Sie eine Mogelpackung?

Bestimmt nicht. Die 10 Gigabit pro Sekunde kommen auf jeden Fall und wir halten auch Platz 1 in Geschwindigkeit auf Glasfaser in der Schweiz. Wir zeigen das jedem Kunden, der das bezweifelt. Die langsameren Werte lassen sich einfach erklären. Die Messungen fanden wohl über drahtlose Internetverbindungen statt. Diese sind noch gar nicht in der Lage, 10 Gigabit pro Sekunde zu übertragen. Höhere Geschwindigkeiten soll auch der neue Mobilfunkstandard 5G bringen. Salt hält sich mit konkreten Ankündigungen vornehm zurück. Warum?

5G ist für die Telekommunikation und damit für Salt hoch relevant. Wie bei vielen Innovationen wird jedoch die kurzfristige Wirkung überschätzt und der langfristige Effekt unterschätzt. Deshalb schlagen wir bei 5G ein etwas gemächlicheres Tempo an als unsere Konkurrenten. Das ist auch der Grund weshalb wir keine genauen Daten für die Lancierung von 5G bekannt geben, nur einen Zeithorizont bis Ende Jahr. Wir wollen warten, bis eine stärkere Nachfrage im Markt vorhanden ist. Heisst das, dass die Salt-Kunden behäbiger auf neue Technologien reagieren?

Unterschätzen Sie unsere Kunden nicht. Sie sehen die Entwicklungen eher realistisch. Diese Woche hat Apple die neuen iPhones präsentiert. Diese Geräte unterstützen 5G nicht. Ich habe keinen einzigen Bericht gelesen, der das kritisiert. Das zeigt für mich, dass die Nachfrage noch gering ist. Das wird sich aber ändern. Und dann werden wir bereit sein. Es gibt keine Ambition, auf Ende Jahr mit Swisscom und Sunrise gleichzuziehen. Aber es gibt den Ehrgeiz, mittelfristig in 5G auf Augenhöhe mit den Wettbewerbern zu sein, wie wir es heute auch in 4G sind.

Läuft Salt nicht die Gefahr, von Swisscom und Sunrise abgehängt zu werden? Beide Anbieter bauen ihr 5G-Netz fleissig auf.

Ich fühle mich wohl mit unserer Strategie, nichts zu überstürzen. Swisscom und Sunrise geht es in erster Linie darum zu zeigen, wer in der Schweiz die Nummer eins bei 5G ist. Salt will seinen Kunden ein weltklasse Netzerlebnis bieten. Wir brauchen mit unserem Netz heute noch nicht mehrere hundert 5G-Antennenstandorte, um dieses Versprechen einzuhalten.

Der Widerstand in der Bevölkerung gegen 5G nimmt zu. Überrascht Sie das Ausmass?

Die Mobilfunkgegner sind schon gegen das 3G- und 4G-Netz vorgegangen. Ich nehme die Sorgen der Menschen ernst. Mühe habe ich aber dann, wenn Ängste durch Falschinformationen geschürt werden. Ich suche bei jeder Gelegenheit den Kontakt mit den Skeptikern und versuche aufzuklären. Mein Eindruck ist, dass nach dem lauten Aufschrei im Frühling die Kritik leiser geworden ist. Das hat damit zu tun, dass sich die Konsumenten inzwischen ernsthaft informieren.

Die Antennengegner haben aber gerade eine härtere Gangart eingeschlagen. Der Verein "Schutz vor Strahlung" hat neu eine Baurechtsabteilung geschaffen, welche die Bevölkerung bei Einsprachen unterstützen soll.
Ich bedaure es sehr, dass sich eine kleine Minderheit der Verbesserung der Schweizer Mobilfunk-Infrastruktur für die Allgemeinheit in den Weg stellt. Insbesondere weil man mit 5G weniger Leistung braucht, um eine gegebene Datenmenge zu übermitteln. Damit wollen Sie die Kritiker überzeugen?

Nicht nur. Weltweit nutzen über eine Milliarden Menschen Mobilfunk. Wir leben in einem Zeitalter der Daten. Es gibt wissenschaftlich gesehen keinerlei Hinweise darauf, dass Antennenstrahlung die Gesundheit schädigt. 5G in der Schweiz läuft auf denselben Frequenzen wie die bisherigen Standards, die seit 20 Jahren in Betrieb sind. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass die fünfte Mobilfunkgeneration plötzlich schädlich sein soll.

Was, wenn die Wissenschaft künftig zu einem anderen Schluss kommen sollte?

Sollte sich einmal herausstellen, dass Mobilfunk tatsächlich schädlich für unsere Gesundheit ist, dann werden nicht die Antennen das Problem sein, sondern die Smartphones. Die Nutzer sind mehr der Strahlung ausgesetzt, die von den Geräten kommt als von den Sendemasten. Und je weiter weg die Antennen sind, desto stärker strahlt ihr Handy.

Erwarten Sie durch Einsprachen Verzögerungen beim Bau des 5G-Netzes?

Ganz klar. Es ist ziemlich dreist, dass uns die Eidgenossenschaft 5G-Lizenzen für 94 Millionen Franken verkauft, aber einzelne Kantone uns den Aufbau des Netzes mit vorübergehenden Baustopps willentlich erschweren. Ich erwarte vom Bund, dass er seine Verantwortung als Verkäufer wahrnimmt und dafür sorgt, dass die Kantone ihren Verpflichtungen uns gegenüber nachkommen.

Das grosse Thema in der Branche ist derzeit die Übernahmeschlacht um UPC durch Sunrise. Ihre Einschätzung?

Da ich weder Aktionär von Sunrise oder UPC bin, betrachte ich die Ereignisse als interessierte Führungskraft eines Mobilfunkanbieters von der Seitenlinie aus. Ich kann höchstens erläutern, was eine Übernahme von UPC durch Sunrise für Salt bedeuten würde.

Bitte.

Im Mobilfunk und Festnetz sind wir gut aufgestellt, um uns gegen eine neue Sunrise zu behaupten. Wir wurden in den Segmenten gerade von der Bevölkerung zur Nummer 1 für Privatkunden gewählt, was wiederspiegelt, wie stark unser Angebot hier ist. Ich erwarte die grössten Veränderungen im Geschäftskundenbereich. Kommt die Übernahme zustande, werden wir in diesem Markt eine schlagkräftigere Sunrise erleben. Das dürfte Marktführerin Swisscom aufrütteln, die eine beherrschende Rolle einnimmt. Dadurch könnte Salt als Angreifer indirekt profitieren, weil mehr Bewegung ins Geschäft mit den Firmenkunden käme, wo wir einen strategischen Schwerpunkt legen.

Ist die Bereinigung im Markt auch bei den Kunden ein Thema?

Wir merken, dass vor allem Festnetz-Kunden verunsichert sind. Bereinigt sich ein Markt, heisst das für Konsumenten auch immer Veränderung. Das wiederum führt dazu, dass sich Kunden vermehrt einen Gesamtüberblick über das Angebot im Markt verschaffen. Davon profitiert im Moment auch Salt.

Erstellt: 15.09.2019, 21:00 Uhr

Von McKinsey zu Salt

Pascal Grieder ist seit September 2018 Chef von Salt mit 1,2 Millionen Mobilfunkkunden. Zuvor arbeitete der 42-Jährige beim Beratungsunternehmen McKinsey. Er beriet dort international tätige Telecomfirmen. Grieder ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er ist mit seiner Familie in der Umgebung von Morges VD gezogen, um in der Nähe des Salt-Hauptsitzes in Renens VD zu wohnen.

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