«Bei Joiz kam ein weiteres Problem hinzu»

Joiz steht vor dem Konkurs. Worin der Medienökonom Bjørn von Rimscha den wichtigsten Grund für das Ende des Jugendsenders sieht.

Der Schweizer TV-Sender Joiz schliesst: Nicht alle Investoren wollten ihn weiterfinanzieren.

Der Schweizer TV-Sender Joiz schliesst: Nicht alle Investoren wollten ihn weiterfinanzieren. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Am Schluss bekamen die Pessimisten recht. Obwohl er ein digitaler Vorreiter war, wird der Jugendsender Joiz in der Schweiz eingestellt. Ab heute Abend werden keine neuen Sendungen mehr produziert. 75 Mitarbeiter sind vom Ende des Kanals betroffen. Laut Bjørn von Rimscha, Professor für Medienökonomie an der Uni Mainz, scheiterte die TV-Station an den hohen Kosten. Die Konkurrenz ist heute auf Youtube zu Hause. Sie produziert dort wahnsinnig günstige Inhalte.

Joiz hat neue Formate ausprobiert und hat eine eng definierte Zielgruppe. Weshalb ist Joiz doch gescheitert?
Die ganze Branche leidet, doch kam bei Joiz noch ein besonderes Problem hinzu. Der Sender hat zwar eine spezielle Zielgruppe, nur ist die vom Fernsehen bereits entwöhnt. Sie ist auf Plattformen wie Youtube, Facebook und Instagram unterwegs. Die potenziellen Zuschauer wieder ans Fernsehen zu binden, ist schwierig. Hinzu kommen die vergleichsweise hohen Kosten bei Joiz. Zwar sind die Strukturen von Joiz schlank, doch die Produzenten von Youtube-Clips arbeiten noch günstiger. Sie brauchen nur eine Kamera und haben damit alle Freiheiten.

Am Schluss waren einfach die Kosten zu hoch?
Ja. Hinzu kommt der Anspruch, ein Ganztagsprogramm zu machen. Um das zu füllen, müssen bei einem Sender auch einmal langweilige Produktionen gezeigt werden. Das vergrault heute die jungen Zuschauer. Ihre Alternative ist das Internet. Dort gibt ein Zuschauer in der Suchmaske ein, was er sehen will, und er bekommt sofort ein Programm, das ihn interessiert.

Joiz soll in der Schweiz zeitweise Gewinn geschrieben haben. Dennoch waren einzelne Geldgeber offenbar nicht mehr bereit, die nächste Finanzierungsrunde mitzutragen. Haben sie zu schnell die Geduld verloren?
Nein, Joiz gibt es seit fünf Jahren. Risikoinvestoren wollen auch bei mediennahen Start-ups rasch Ergebnisse sehen. Die Idee, das Konzept ins Ausland zu tragen, hat sich nicht realisieren lassen. Daher hätten die Kosten weiter sinken müssen. Das schien keine Option mehr zu sein, daher wurde der Stecker gezogen.

Was könnten sich andere Sender von Joiz abschauen?
Der Sender war authentisch. Er hat die Schweizer Jugendkultur abgebildet und Jugendliche vor die Kamera geholt. Fernsehen für Jugendliche erinnert sonst eher ans angestaubte Schul-TV. Es zeigt sich auch, dass Eigenproduktionen das Profil schärfen. Auch SRF stellt seine eigenen Produktionen für die Redaktion Volkskultur selbst her. Das macht Sinn, die eigene Perspektive bekommt ein Sender nur hin, wenn er es selber macht. Sollte nun aber Joiz Deutschland den Sendeplatz von Joiz Schweiz übernehmen, dann fällt diese Authentizität weg.

Wo sehen Sie Potenzial für ein künftiges Schweizer Programm?
Es braucht ein Alleinstellungsmerkmal. Die Inhalte auf dem internationalen Fernsehmarkt sind sehr aufwendig produziert. Da kann kein Schweizer Sender mehr mithalten. Zudem lassen sich die Inhalte nicht ins Ausland verkaufen. Es bleibt nur übrig, ein eigenständiges Programm für die Schweiz zu entwickeln. Interessant könnte es für einen Sender auch sein, als Aggregator von Schweizer Youtube-Kanälen aufzutreten. Auch wenn die Youtuber-Szene hier noch nicht besonders ausgeprägt ist.

Die Gründer von Joiz wollen die Plattform als eigenständige Technologiefirma weiterführen. Stehen die Chancen als Zulieferer der Medienbranche besser?
In Deutschland platzieren die Öffentlich-Rechtlichen ihre Inhalte für Jugendliche auf Facebook und Instagram. Sie brauchen keine eigenständige Medienplattform. Eine kleine Nischenplattform könnte daher nur in einem sehr bescheidenen Rahmen erfolgreich sein.

Sind Sie für die Zukunft des deutschen Ablegers von Joiz optimistisch? Dieser ging schon einmal pleite, soll nun aber selbstständig weiterbestehen.
Joiz Deutschland ist nach der Insolvenz auf die Kostenbremse getreten. Es hat sich zu einem Aggregator für Onlinefilme entwickelt. Das ist das richtige Vorgehen. Die Marge im Mediengeschäft ist gut für die Verteiler, aber nicht für die Produzenten von Inhalten.

Die Werbeeinnahmen geraten durch das zeitversetzte Fernsehen zunehmend unter Druck. Was bedeutet das für die Schweizer Privatsender?
Das zeitversetzte Fernsehen ist nicht das Problem. Die Zuschauer nutzen das klassische Fernsehen einfach immer weniger. Streaminganbieter wie Netflix und Co. werden zunehmend beliebter. Werbung im Fernsehen wird so teurer, da über die klassische TV-Werbung weniger Zuschauer erreicht werden. Die Folge davon ist, dass die Werbung stärker ins Programm drückt oder in einen persönlichen Kontext gepackt wird, wie das etwa auf Youtube möglich ist.

Wie ist Ihr Ausblick für das Schweizer Privatfernsehen?
Der Sender 3 Plus macht vieles richtig. Er bezieht genügend Sendungen aus dem internationalen Markt, was günstig ist. Es wird aber keinen Sender geben, der auf Augenhöhe mit den ausländischen Angeboten konkurrieren kann. Wenn, dann muss er eine besondere Nische besetzen. Besonders bei regionalen und selbst produzierten Angeboten geht das nicht ohne einen Zustupf aus dem Gebührentopf.

Erstellt: 24.08.2016, 08:21 Uhr

Bjørn von Rimscha ist Medienökonom an der Uni Mainz. Er lehrte mehrere Jahre an der Uni Zürich.

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