So stehen die Karrierechancen von Frauen im Detailhandel

Leiten Frauen oder Männer die Filialen von Coop, Migros, Aldi, Lidl und Co.? Die grosse TA-Auswertung liefert erstaunliche Ergebnisse.

Ein gewohntes Bild: Weibliche Angestellte an der Supermarkt-Kasse – hier in einer Migros-Filiale. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

Ein gewohntes Bild: Weibliche Angestellte an der Supermarkt-Kasse – hier in einer Migros-Filiale. Foto: Alessandro Della Bella (Keystone)

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«Wir pflegen eine Kultur von Respekt, Wertschätzung und Chancengleichheit.» So steht es im Nachhaltigkeitsbericht von Coop, der gestern erschienen ist. In den Filialen ist von Chancengleichheit wenig zu sehen. Das zeigt eine TA-Auswertung aller Standorte, die im Internet die Namen der Filialleiter ausweisen.

Obwohl Frauen bei Coop aktuell 62 Prozent der Belegschaft im Detailhandel ausmachen, sind sie nur in 34 Prozent der knapp 1200 Supermärkte, Pronto- und Take-it-Läden die Chefs. An grösseren Standorten ist das Verhältnis noch schiefer. In Coop-Hotels, -Restaurants oder -Bau-und-Hobby-Märkten sind Frauen in nur 10 Prozent der 235 Filialen am Ruder.

Lidl hat den grössten Anteil an Filialleiterinnen Grafik vergrössern

Bei der Konkurrenz zeichnet sich ein anderes Bild ab. In den 100 Landi-Läden, die im Internet zu finden sind, stellen Frauen an 41 Prozent der Standorte die Filialleiterin. Beim Detailhändler Spar sind Frauen gar in 44 Prozent der Fälle die Chefs. Das ist ein grösserer Anteil als bei den Männern, diese kommen auf 42 Prozent. Die restlichen 14 Prozent sind als Familienbetriebe gelistet.

Eine Auswertung der Detailhändler Aldi und Lidl war nicht möglich, bei der Migros nur bedingt. Diese Unternehmen publizieren die Namen ihrer Filialleiter nicht im Internet. Auf Anfrage wiesen die Discounter Lidl und Aldi aus, dass ihre Marktleiter-Frauenquote bei 50 respektive 45 Prozent liege – ebenfalls deutlich höher als bei Coop. Überprüfen lassen sich die Zahlen nicht.

Die Migros hingegen fällt wie Coop ab. Bei der Analyse der Frauenquote auf Ebene Filialleiter konnte nur die Migros-Genossenschaft Basel ausgewertet werden. Sie publiziert die Namen der Marktführer im Geschäftsbericht. Diese verraten: 28 Prozent der 43 Supermärkte haben weibliche Chefs, obwohl in den Basler Filialen über 70 Prozent der Angestellten Frauen sind. Der Genossenschaftsbund bestätigte, dass Basel re­präsentativ für die ganze Schweiz sei. Die Frauenquote bei den Filialleitern schwanke schweizweit zwischen 20 und 30 Prozent.

Coop rechnet anders

Warum haben Frauen ausgerechnet bei den beiden Grossen des Detailhandels schlechtere Karrierechancen als bei der Konkurrenz? Coop sieht keinen Handlungsbedarf. Die Medienstelle liess ausrichten: «Der Anteil der weiblichen Kadermitarbeitenden in den Food-Verkaufsstellen, das heisst Geschäftsführerinnen und stellvertretende Geschäftsführerinnen, beträgt rund 51 Prozent.» Die Statistik des Detailhändlers sieht besser aus, indem er die Stellvertreterinnen zum Kader hinzuzählt. Dies, obwohl das Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien (Bass) in einer kürzlich publizierten Analyse der Lohnstrukturerhebung des Bundes aufzeigen konnte, dass stellvertretende Filialleiter von Lohnerhöhungen meist nicht profitieren.

Die Migros-Pressestelle schrieb: «Wir möchten darauf hinweisen, dass der Vergleich mit Spar, Aldi oder Landi differenziert gemacht werden muss.» Bei kleinen Ladenformaten seien die Filialleiter in der Regel für Teams von etwa vier Personen zuständig.

Eigentlich schenken beide Unternehmen dem Thema Chancengleichheit von männlichen und weiblichen Angestellten seit Jahren viel Aufmerksamkeit. So bemängelt die Migros regelmässig das fehlende Gesamtbild der schweizerischen Familienpolitik. Der mit über 100'000 Angestellten grösste Schweizer Arbeitergeber lobt sich im Geschäfts­bericht dafür, wie er «für Frauen wie Männer die Brücke zwischen Familie und Beruf schlägt».

Spar und Landi mit ruhigeren Tönen

Im Gegensatz zu Migros und Coop machen Spar oder Landi um die Chancengleichheit weniger Aufhebens. Sie kommen aber auf bessere Werte. Natalie Imboden, Branchenverantwortliche Detailhandel bei der Unia, erklärt, dass die Betriebsgrösse durchaus eine Rolle spielen könnte. «Je grösser ein Supermarkt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass ihn eine Frau führt.» Das bestätigt die TA-Auswertung: Von den 32 grossen Coop-City-Einkaufszentren werden nur 8 von Frauen geführt; in der Region Basel werden alle vier MMM-Supermärkte von Männern geleitet.

Allerdings ist das Verhältnis unter den kleinen Doppel-M-Standorten der Migros nicht viel besser. Von den in Basel und Umgebung liegenden 20 Standorten sind nur 4 unter der Leitung von Frauen. Wenn man bei Coop nur die kleinen und mittelgrossen schweizweit 888 Supermärkte betrachtet, werden 33 Prozent der Filialen von Frauen geleitet. Nur bei den Vitality-Apotheken sind sie knapp in der Mehrheit: 34 Filialleiterinnen gegen 33 Filialleiter.

«Das wäre kein gutes Signal»

Das Hauptproblem liege woanders, glaubt Imboden: «Es gibt im Detailhandel auf der Kaderstufe eine geringe Akzeptanz von alternativen Arbeits- und Teilzeitmodellen.» In einer Branche, in der immer unregelmässigere Arbeitszeiten Realität werden, sei das problematisch. Die Gewerkschafterin kennt etliche Coop- und Migros-Filialen, in denen Frauen als stellvertretende Ladenleiterinnen tätig sind. «Sobald es darum geht, Chefin zu werden, wird es schwieriger für Frauen, weiterzukommen, besonders, wenn sie 60 oder 80 Prozent arbeiten wollen», sagt Imboden.

Das bestätigte sich im Gespräch mit Leiterinnen in Migros- und Coop-Filialen. Eine Coop-Markt-Leiterin aus der Ostschweiz, die anonym bleiben will, sagte: «Teilzeitfilialleiterin, das geht in meinem Job gar nicht.» Ob sie denn Teilzeit arbeiten wolle? «Ganz am Anfang habe ich nach 80 Prozent nachgefragt. Ich wurde nur ausgelacht.»

Eine Migros-Ladenleiterin aus dem Kanton Bern verrät: Es lohne sich nicht, sich als Marktführerin nach Teilzeit zu erkundigen. «Das wäre in der Zentrale kein gutes Signal.» Offiziell sagt die Migros: «Teilzeitarbeit ist nicht üblich in der Funktion des Filialleiters, aber nicht ausgeschlossen.» In der Migros Luzern gebe es eine Filiale, die von zwei Frauen geführt werde.

Landi tickt hier anders. Jolanda Marti, Leiterin der Filiale in Widen AG, gibt an, bald wegen einer Weiterbildung auf ein Pensum von 80 Prozent reduzieren zu können. Sie sagt: «Teilzeit ist nur möglich, wenn ein sehr gutes Team hinter einem steht.» Doch ihr habe die Landi-Genossenschaft keine Steine in den Weg gelegt. Marti ist damit nicht allein. Eine kurze E-Mail-Umfrage in Landi-Filialen zeigt, dass rund 10 Prozent der Märkte von Chefs in Teilzeitpensen geführt werden. Oder vielmehr: von Chefinnen.

Erstellt: 15.04.2016, 22:34 Uhr

2000 Namen abgeglichen

So kam die Auswertung zustande

Nur Coop, Spar und Landi publizieren die Namen ihrer Filialchefs auch im Internet. Diese Namen auf knapp 2000 Filial-Websites wurden mit einer Software automatisch gesammelt und mit einer Namensdatenbank abgeglichen, um das Geschlecht zu ermitteln. Die Zahlen von Aldi und Lidl sind Eigenangaben. Von der Migros wurde nur die Genossenschaft Basel berücksichtigt, die als einzige die Filialleiternamen im Geschäftsbericht publiziert. Migros Schweiz gab an, dass sich die Frauenquote bei Filialleitern schweizweit zwischen 20 und 30 Prozent bewege. (bsk)

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