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Swisscom-Panne: Bund kündigt Untersuchung an

Am Dienstagabend haben landesweit Notrufnummern, Internet und TV nicht funktioniert. Es ist die fünfte grosse Störung seit zwei Jahren.

Kein Internet, keine Anrufe: Swisscom-Kunden konnten gestern wegen einer Störung nicht einmal den Notruf erreichen. (Bild: Franziska Rothenbühler)
Kein Internet, keine Anrufe: Swisscom-Kunden konnten gestern wegen einer Störung nicht einmal den Notruf erreichen. (Bild: Franziska Rothenbühler)

Bei Wartungsarbeiten hat die Swisscom in der Nacht zum Mittwoch grosse Teile ihres Netzes lahm gelegt. Betroffen waren erneut auch die Notrufe. Nach der zweiten grossen Panne innerhalb eines Monats will das Bakom die Ursachen nun selber untersuchen.

Von 22.33 Uhr am Dienstagabend bis 00.10 Uhr am Mittwochmorgen ging für viele Swisscom-Kunden gar nichts mehr: Keine 4G-Mobiltelefonie, kein mobiles Internet, aber auch keine Festnetzverbindung und kein Internet zu Hause.

Wie Swisscom Stunden später bekannt gab, kam es in der Nacht bei geplanten Wartungsarbeiten für die Erweiterung der Netzkapazität zu «mehrfachem menschlichem Fehlverhalten». Dieses führte zu einer «grossen, schweizweiten Störung im Swisscom-Netz». Lediglich die 3G- und die 2G-Handys seien verschont geblieben.

Weil das Unternehmen selber vom Ausfall betroffen war, hätten die benötigten Spezialisten nur erschwert aufgeboten werden können und die Störungsanalyse und -behebung sei so noch verzögert worden. Erst als die Wartungsarbeiten gestoppt und rückgängig gemacht waren, stand das Netz kurz nach Mitternacht wieder zur Verfügung.

Auch die Notrufnummern 112, 117, 118, 144 und 147 waren während dieser Zeit zum Teil nicht erreichbar und einzelne Notrufweiterleitungen funktionierten nicht. Noch in der Nacht meldeten zahlreiche Polizeidienststellen, dass Hilferufe nur über spezielle Handynummern abgesetzt werden könnten. Auch Alertswiss, die Katastrophe-Alarm-App des Bundes, war offline.

Keine Kontaktmöglichkeit

Polizei, Feuerwehr und Sanität verfügen bei Notfällen über eigene Kommunikationskanäle wie Funknetze und Pager. Doch das Problem bei einem landesweiten Netzausfall des grössten Anbieters ist nicht die Kommunikation unter den Blaulichtorganisationen, sondern die Erreichbarkeit der Notrufstellen durch die Bevölkerung.

Die Feuerwehren zum Beispiel stünden «am Ende der Nahrungskette» und seien darauf angewiesen, dass die Information zu ihnen komme, sagte der Kommunikationsverantwortliche des Schweizerischen Feuerwehrverbandes (Swissfire), Philipp Siedentopf.

Auf dem Land bestehe im Brandfall wenigstens die Chance, dass die Leute Bekannte bei der Feuerwehr hätten, die sie im Notfall kontaktieren könnten. Doch in der Stadt gebe es bei einem Brandausbruch während einer Swisscom-Panne wohl keine andere Möglichkeit, als auf der Strasse jemanden mit einem anderen Netz zu suchen.

Untersuchung angekündigt

Entsprechend besorgt zeigte sich die Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren (KKJPD). Es sei «für die Bevölkerung beunruhigend, wenn während gewisser Zeiten keine Notrufe möglich sind», sagte der Aargauer KKJPD-Präsident Urs Hofmann auf Anfrage.

Gemäss Fernmeldegesetz ist die Swisscom verpflichtet, den Zugang zu den Notrufdiensten zu gewährleisten. Bereits Mitte Januar hatten Störungen auf dem Swisscom-Netz die Notfallnummern in weiten Teilen der Schweiz lahmgelegt. Verantwortlich dafür war eine fehlerhafte wichtige elektronische Komponente gewesen.

Nach der zweiten Panne kündigte nun das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) «eine vertiefte Abklärung der Ursachen» an, wie es auf Anfrage mitteilte. Es verfüge zur Zeit aber noch nicht über einen detaillierten Fehlerbericht. Deshalb seien genaue Aussagen zum Fehler und zum Verlauf der Fehlerbehebung noch nicht möglich. Sollte das Bakom Rechtsverletzungen feststellen, kann es gemäss Gesetz von der Swisscom Massnahmen verlangen, damit die Verletzung nicht wieder vorkommt, die Konzession durch Auflagen ergänzen und diese im schlimmsten Fall sogar einschränken, suspendieren, widerrufen oder entziehen.

Gespräche mit Swisscom

Die KKJPD werde die Vorfälle «im Rahmen der existierenden Gremien» für die Kommunikation der Sicherheitsorgane, aber auch «im direkten Kontakt mit der Swisscom ansprechen», sagte Hofmann weiter. Und das Telekomunternehmen selber will nach eigenen Angaben zusammen mit den Notruforganisationen auch alternative Erreichbarkeiten überprüfen - wie zum Beispiel über Mobiltelefone.

Auch Swissfire habe bei den verantwortlichen Stellen Bedürfnisse angemeldet und Gesprächsbereitschaft signalisiert, sagte Siedetopf. Er wisse, dass sich die entsprechenden Behörden mit dem Fall beschäftigten, und der Verband vertraue auf die Gespräche zwischen den Behörden und der Swisscom.

Notrufnummern ausgefallen

Zahlreiche Dienststellen der Rettungsdienste teilten über Twitter beziehungsweise in Medienmitteilungen mit, dass sämtliche Notrufnummern ausgefallen seien. Polizei und Sanität waren zum Teil nur noch via Mobilkommunikation erreichbar. Die entsprechenden Handynummern waren in den Tweets angegeben worden.

Nach rund anderthalb Stunden funktionierten die Notrufnummern aber vielerorts wieder, wie zahlreiche Polizeidienststellen ebenfalls über Twitter am Mittwochmorgen mitteilten. Von dem Unterbruch in der Kommunikation waren beispielsweise der Kanton Basel-Landschaft und die Städte Basel, Winterthur ZH sowie St. Gallen betroffen. Die Polizei Basel-Landschaft erklärte obendrein, dass die App Alertswiss ebenfalls nicht funktionierte.

Ganzes Land betroffen

Auch im Tessin und in der Romandie funktionierten die Notrufnummern teilweise nicht mehr, wie einzelne Polizeidienststellen ebenfalls über Twitter mitgeteilt hatten. Auch hier dienten Handynummern der Sicherheitsbehörden als Ersatz. Stark betroffen war der Kanton Freiburg.

Die Einsatzzentrale der Kantonspolizei Zürich sagte zu Keystone-SDA, dass während der Zeit des Ausfalls über die Ausweichnummern keine Notrufe eingegangen seien. Auch bei der Waadtländer Kantonspolizei wurden die alternativen Nummern nicht angewählt.

Weite Teile der Schweiz waren vom Ausfall betroffen. Bild: allestörungen.ch
Weite Teile der Schweiz waren vom Ausfall betroffen. Bild: allestörungen.ch

Die Kantonspolizei Bern schrieb am Morgen auf Twitter, die Funkverbindungen der Blaulichtorganisationen hätten jederzeit funktioniert. Ausserdem seien die grossen Wachen besetzt und die Aussenpräsenz verstärkt worden. Die Polizei Basel-Landschaft erklärte ausserdem, dass die App Alertswiss ebenfalls nicht funktioniere.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (Babs) teilte auf Anfrage mit, natürlich sei es auch für den Bevölkerungsschutz relevant, wenn die Notfallnummern nicht funktionieren. Doch das Babs verfüge bei Notfällen über alternative Kommunikationsmöglichkeiten, nämlich die klassischen Kanäle Radio und Sirenen. Diese seien krisenresistent, sagte Babs-Sprecher Andreas Bucher.

Die Frage, was passiert, wenn die Kunden Twitter gar nicht erreichen und die Mobiltelefonie ja eben nicht funktioniert, wurde bislang von der Swisscom nicht beantwortet.

Politiker wollen Antworten

Die letzte grosse Störung liegt erst knapp vier Wochen zurück. Seit Anfang 2018 gab es mit der neusten bereits fünf grössere Ereignisse. Auch beim Unterbruch vom 17. Januar waren Notrufnummern betroffen (zum Bericht). Das rief die Politik auf den Plan. Mehrere Parlamentarier, die in den Fernmeldekommissionen des National- und des Ständerats sitzen, kündigten an, die Swisscom auf die Probleme anzusprechen.

Politiker von links bis rechts zeigten sich besorgt, weil auch der telefonische Kontakt zu den Blaulichtorganisationen beeinträchtigt gewesen war. Auch auf die Frage, ob es zwischenzeitlich Gespräche mit der Politik gab, erhielt die Redaktion dieser Zeitung von der Swisscom bislang keine Antwort.

CVP-Ständerat und Präsident der ständerätlichen Fernmeldekommission Stefan Engler wollte im Januar wissen, was der Grund für die Störung war und was die Folgen für das künftige Risikomanagement sind, wie er dieser Zeitung gesagt hatte. Und wie viel die Swisscom für die Erneuerung und den Unterhalt des bestehenden Netzes aufwendet.

Allerdings lässt sich der Vorwurf, die Swisscom vernachlässige den Netzunterhalt, nicht erhärten. Denn alleine im Jahr 2018 hatte der Marktführer in der Schweiz deutlich mehr als die Konkurrenten in die Infrastruktur investiert – nämlich 1,6 Milliarden Franken.

Sparprogramm und Stellenabbau

Allerdings läuft bei der Swisscom ein Sparprogramm, in dessen Rahmen sie jährlich Jobs abbaut (zum Bericht). So hatte das Unternehmen 2018 541 Vollzeitstellen gestrichen. Gewerkschaften vermuten deshalb einen indirekten Zusammenhang mit den sich häufenden Störungen.

Syndicom etwa ist der Ansicht, dass die Kürzungen bei Kosten und Personal zu Stress, Überstunden oder weniger Zeit für Planungsarbeiten führten. Der Druck auf die Mitarbeiter und die interne Unsicherheit seien hoch, hiess es nach der Störung im Januar. Die Swisscom verneinte einen solchen Zusammenhang. Rückendeckung erhielt sie vom Bundesamt für Kommunikation: Die Swisscom habe in den letzten zehn Jahren die Vorschriften zur Dienstqualität «vollumfänglich erfüllt», teilte es mit.

Ausfall auch in Deutschland

Heute Morgen kam es auch in Deutschland zu einem Ausfall der Telekommunikation. Landesweit waren Internet- und Festnetzverbindungen betroffen, wie «Focus» berichtete. Zur Panne sei es während einer Softwareaktualisierung gekommen. Kunden der Anbieter Telekom, Vodafone, 1&1 und O2 waren betroffen.

Bereits in der Nacht des 17. Januar, als es zur letzten grossen Störung bei der Swisscom kam, waren ebenfalls grossflächig Probleme in deutschen Telefonnetzen aufgetreten. Die Swisscom schloss einen Zusammenhang zwischen den Ausfällen in Deutschland und in der Schweiz aus. Vodafone hatte unter anderem den Ausfall eines Servers als Grund für die Störung gemeldet.

Bereits die fünfte Swisscom-Panne

Schon vor zwei Jahren traten bei der Swisscom zwei grosse Störungen auf. Anfang 2018 war die Festnetztelefonie für Geschäftskunden innerhalb einer Woche zweimal eingeschränkt. Ein Softwarefehler hatte zu den Beeinträchtigungen geführt.

Im März 2019 fielen in der ganzen Schweiz das Mobilfunknetz, das Internet und der Fernsehanschluss aus. Verantwortlich für die knapp einstündige Störung war ein technischer Defekt. Zunächst war über eine Überlastung spekuliert worden, wonach zu viele Kunden gleichzeitig online waren (zum Bericht).

SDA/red

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