Streit zwischen Bergbahnen trifft Touristen

Für die Skigebiete Wildhaus und Chäserrugg gibt es dieses Jahr kein gemeinsames Ticket, die Verbindungspisten bleiben geschlossen.

Zwei Skigebiete, zwei Pässe: Wintersport im Toggenburg wird komplizierter. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Zwei Skigebiete, zwei Pässe: Wintersport im Toggenburg wird komplizierter. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die erbitterte Rivalität zwischen zwei Bergbahnen im Toggenburg bekommen die Touristen in diesem Jahr direkt zu spüren. Erstmals seit 19 Jahren wird es in der anstehenden Winter­saison für die benachbarten Skigebiete Wildhaus und Chäserrugg kein gemeinsames Ticket geben. Die Verbindungspisten zwischen beiden Seiten bleiben ge­schlossen. Das bedeutet für die Wintersportler: Sie müssen entweder zwei Billette lösen oder sich für eine der zwei Destinationen ­entscheiden.

Im Konflikt stehen sich die Bergbahnen Wildhaus AG und die Toggenburg Bergbahnen AG unversöhnlich gegenüber. Beim letztgenannten Unternehmen sitzt ein erfolgreicher Sportler im Verwaltungsrat: Simon ­Ammann, mehrfacher Olympiasieger im Skispringen. Auslöser des Streits ist, dass sich beide Betriebe nicht auf einen Verteilschlüssel für die Einnahmen einigen konnten. Dem Vernehmen nach erwirtschaften beide Skigebiete zusammen rund 8 Millionen ­Franken pro Wintersaison.

Ist der Alleingang sinnvoll?

Treue Feriengäste reiben sich verwundert die Augen: «Viele Besitzer von Saisonabonnements wie wir haben die Karte für die neue Saison nicht gelöst, da wir an unseren Skitagen immer im gesamten Gebiet gefahren sind. Dies ist nun nicht mehr möglich», sagt Marcel Lampart. Er wohnt im Kanton Aargau und verbringt seit sechs Jahren den Winter und den Sommer zusammen mit seiner Lebenspartnerin in Wildhaus. Er respektiere die wirtschaftliche Eigenständigkeit der zwei Bergbahnen. Aber: «Ist der Alleingang in diesem Fall sinnvoll für die wunderbare Tourismusregion Toggenburg?»

Das fragen sich auch andere Gäste und Einheimische in den sozialen Medien. In einer Facebook-Gruppe wehren sich über 800 Mitglieder gegen die Trennung der Toggenburger Bergbahnen. «Österreich und Pizol sind ein Katzensprung! Als Ferien­hausbesitzerin werde ich nach 60 Jahren diese Variante wählen müssen, leider», schreibt eine Facebook-Nutzerin. Toggenburg Tourismus zeigt Verständnis für den Frust: «Wir bedauern die aktuelle Situation», beteuert Max Nadig, der Präsident der Organisation. Er könne einzig darauf hinweisen, dass «alle Bahnen laufen und sämtliche Pisten wie gewohnt top präpariert sein ­werden».

«Falls die Bergbahnen im kommenden Jahr keinen Schritt aufeinander zugehen, werden wir uns überlegen, unsere Ferienwohnung zu künden.»Marcel Lampart, Feriengast

Die Toggenburg-Bergbahnen beharren auf ein Zusammen­gehen mit dem Mitbewerber. «Ein gemeinsames Skiticket kann nur von einer vereinten Struktur angeboten werden, da es sonst immer eine Quersubventionierung der Achse Wildhaus von der ­Toggenburg Bergbahnen AG bedingt», sagt Marketingleiter Alex Singenberger.

Die benachbarte Bahn habe andere Ideen und Pläne. Das ­gelte es unternehmerisch zu akzeptieren, sagt Urs Gantenbein, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bergbahnen Wildhaus. «Wir konzentrieren uns voll auf die Wintersaison und das operative Geschäft.»

Hotels auch betroffen

Seit vier Jahren schwelt die Auseinandersetzung. Sie ­gipfelte im Sommer 2017 in einem unfreundlichen Übernahmeversuch der Toggenburg-Bergbahnen. Das Unternehmen aus Unterwasser hatte in Zeitungsinseraten ein Tauschangebot für Aktien der Bergbahnen Wildhaus veröffentlicht. Der Preis wurde in Wildhaus aber als zu tief beurteilt. Die Toggenburg-Bergbahnen haben daraufhin ihre Offerte zweimal verlängert. Das aktuell gültige Angebot läuft Ende August 2020 aus.

Die Folgen des Disputs bekommen auch die Hotels im Toggenburg zu spüren. ­Stammgäste stornieren ihre Buchungen. Selbst das Reka-Feriendorf in Wildhaus ist betroffen. Es meldet einen ­Buchungsrückgang um rund zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Grafik vergrössern

Die Schweizer Reisekasse tritt deshalb die Flucht nach vorne an, um ihre Abhängigkeit von den beiden Bergbahnen zu ­verringern. Reka investiert rund 1 Million Franken in das Feriendorf in Wildhaus. Mit diesem Geld werden 25 der 57 Ferienwohnungen erneuert. Es gibt neue Böden, neue Anstriche, neue Möbel und zum Teil neue Bäder.

«Mit diesem Angebot wollen wir vor allem in der Nebensaison auch Best Agers ansprechen», sagt Reka-Vizedirektor Damian Pfister. Gemeint ist die Altersgruppe ab 50 Jahren. Reka preist somit nicht mehr nur das Skifahren im Toggenburg an, sondern vermehrt auch Aktivitäten wie Fahrradfahren, Wandern oder Klettern.

Die Fronten sind verhärtet

Versuche, den Streit zu schlichten, sind mehrmals gescheitert. Nicht nur der Kanton St. Gallen und das Staatssekretariat für Wirtschaft haben es nicht geschafft, zwischen den zerstrittenen Firmen zu vermitteln. ­Zuletzt nahm Toggenburg Tourismus einen Anlauf, die Bahnbetreiber an einen Tisch zu bekommen. Doch die Tourismusorganisation hat ebenfalls das Handtuch geworfen.

Feriengast Marcel Lampart und seine Partnerin verlieren nun die Geduld: «Falls die Bergbahnen im kommenden Jahr keinen Schritt aufeinander zugehen, werden wir uns überlegen, unsere Ferienwohnung zu künden.»

Erstellt: 02.12.2019, 09:20 Uhr

Artikel zum Thema

«Mörderische Konkurrenz» bei Toggenburger Skiliften

Sie sind Nachbarn – und haben Krach. Der Konflikt zwischen zwei Skiliftbetreibern zeigt grundsätzliche Probleme des Schweizer Wintertourismus. Mehr...

Auch der Gewinn schmilzt

Weil der Permafrost auftaut, kommen auf Seilbahnen steigende Kosten zu. Mehr...

Bergbahn-Milliardär profitiert im Wallis von Steuergeldern

In Crans-Montana herrscht Streit, Investor Radovan Vitek treibt die Gemeinde vor sich her. Recherchen zeigen nun, wie seine Firmen zu öffentlichen Darlehen kommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...