Überhitzter Hypothekarmarkt: «Die Warnung der Nationalbank nehmen wir ernst»

Um eine Staatsbank retten zu können, müssten Kantone ein Vielfaches ihrer Steuereinnahmen aufwenden. Dennoch sieht der Präsident der Kantonalbanken keine grossen Risiken für den Staat.

Die Verpflichtung zu mehr Eigenkapital bringt den Banken keinen Wettbewerbsnachteil: Kantonalbank-Präsident Peter Siegenthaler.

Die Verpflichtung zu mehr Eigenkapital bringt den Banken keinen Wettbewerbsnachteil: Kantonalbank-Präsident Peter Siegenthaler. Bild: Béatrice Devènes

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Die Bilanzsummen der Kantonalbanken zeigen, dass die Kantone zum Teil hohe Risiken tragen. Können Sie als neuer Präsident des Verbandes Schweizerischer Kantonalbanken gut schlafen?
Grundsätzlich muss ich mir um die Kantonalbanken keine grossen Sorgen machen, da sie gestärkt aus der Krise hervorgegangen sind. Aus meiner Sicht ist jedoch die Bilanzsumme alleine kein geeigneter Massstab, um das Risiko abschätzen zu können. Wichtiger ist das Verhältnis zwischen den Schulden und dem Eigenkapital. Im Gegensatz zu den Grossbanken haben die Kantonalbanken ihre Eigenmittel im Verhältnis zu ihren Verpflichtungen nie zurückgeführt und verfügen über eine solide Eigenmittelbasis. Für Sicherheit sorgt auch das konservative Geschäftsmodell und damit die Werthaltigkeit der Aktiven.

Käme es dennoch zu einem Crash, müssten die Kantone für eine Rettung bis zum 25-fachen ihrer Steuereinnahmen aufwenden.
Der blosse Vergleich zwischen der Bilanzsumme und den Steuereinnahmen macht wenig Sinn. Ein Totalverlust ist bei einer Kantonalbank unrealistisch, da die Aktiven bis zu 75 Prozent aus Hypothekarkrediten bestehen. Immobilien werden nicht sofort wertlos. Verluste bei einer Kantonalbank könnten aber unangenehme Auswirkungen haben. Schon allein als Eigentümer sind die Kantone auch Risikoträger. Ein schlichtes Fallenlassen einer Kantonalbank ist für einen Kanton sicherlich keine Option. Der entscheidende Unterschied zu einer Grossbank besteht darin, dass UBS oder CS im Finanzsektor viel intensiver vernetzt sind. Ihre Insolvenz droht zahlreiche andere Banken in den Abgrund zu reissen. Deshalb sind sie systemrelevant und damit «too big to fail».

Die Vergangenheit zeigt ein düstereres Bild. Sechs Kantone mussten ihre Banken retten. Die Nationalbank hielt kürzlich fest, dass im überhitzten Hypothekarmarkt auch Risiken bei Staatsbanken bestehen.
Es gibt eine sehr starke Nachfrage nach Wohneigentum und sehr tiefe Zinsen. Die Warnung der SNB müssen wir ernst nehmen. Strenge Vergabekriterien sind heute sehr wichtig. Ich bin aber überzeugt, dass die Kantonalbanken aus früheren Immobilienkrisen ihre Lehren gezogen haben.

Einige der Kantone, die ihre Staatsbank retten mussten, haben die Staatsgarantie abgeschafft oder stehen kurz davor. Warum reduzieren nicht alle ihre Haftung?
Das Gesetz lässt offen, ob Kantone eine Staatsgarantie wollen oder nicht. Im Krisenfall ist es so oder so unrealistisch, dass ein Kanton eine Kantonalbank einfach so fallen lässt, auch wenn keine explizite Staatsgarantie besteht. Deshalb ist wichtig, dass die Kantonalbanken die Politik einer starken Eigenkapitalbasis fortsetzen, ja möglichst noch verstärken.

Spielt es also gar keine Rolle, ob eine Staatsgarantie vorhanden ist?
So vereinfacht würde ich es nicht ausdrücken. Ein Kanton hat bei einer Rettungsaktion mehr Spielraum, wenn keine Staatsgarantie besteht.

Wandlungskapital gilt als breit akzeptiertes Mittel für mehr Sicherheit bei Grossbanken. Sollten auch Kantonalbanken solche Papiere herausgeben?
Die Expertenkommission des Bundes wird konkrete Vorschläge für die Einführung von Wandlungskapital machen. Es geht um Anleihen, die in einer Krise zwangsweise zu voll haftendem Eigenkapital werden. Wir arbeiten an einem Gesetzesvorschlag, der für alle Banken gilt. UBS und CS werden einen Teil der zusätzlichen Eigenmittel über Wandlungskapital bereitstellen können. Inwieweit Wandlungskapital auch für Kantonalbanken geeignet ist, muss sich weisen.

Braucht es neue Ansätze für die Berechnung der Risikoprämien der Kantonalbanken? Nur Glarus berücksichtigt bisher die Marktrisiken.
Rund die Hälfte der Kantonalbanken bezahlt dem Kanton eine Risikoprämie. Die anderen vergüten diese implizit, beispielsweise über eine Gewinnablieferung. Würden sie eine Prämie einführen, würde sich wohl der Gewinnanteil verkleinern, den sie dem Kanton abliefern. Auf jeden Fall sollten neue Prämien nicht zulasten einer ausreichenden Eigenmittelausstattung gehen. Jene Banken, die nicht zu 100 Prozent dem Kanton gehören, sollten eine Prämie entrichten. Deren Höhe sollte sich möglichst an den Marktrisiken orientieren, so schwierig deren Bemessung auch ist.

Wie beurteilen Sie den internationalen Regulierungsprozess nach der Krise? Viele Regeln wurden verwässert oder verschoben.
Der Widerstand wächst, je weiter die Krise zurückliegt. Der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht, ein internationales Gremium, hat diese Woche im neuen Regelwerk weitere Konkretisierungen vorgenommen. Für eine fundierte Beurteilung fehlt aber noch die Gesamtsicht.

Braucht die Schweiz im internationalen Vergleich strengere Regeln, da die Banken im Verhältnis zum Land derart gross sind?
Die Schweiz soll möglichst wenige, dafür aber wirksame und robuste Massnahmen erlassen. Ich bin kein Anhänger der Idee, das bereits heute stark regulierte Bankgewerbe total zu regulieren. Robust und wirksam sind jene Massnahmen, die die Banken darin stärken, Krisen selber tragen zu können. Dazu brauchen wir höhere Eigenmittel. Im Fall einer grossen Krise müssen wir Probleme bei Grossbanken so abwickeln können wie bei allen anderen Firmen. Bei Kapital- und Liquiditätsvorgaben sollten wir über die internationalen Mindeststandards hinausgehen. Dafür verzichten wir auf eine neue Bankensteuer, auf die Regulierung von einzelnen Geschäftsfeldern oder Produkten. Die Expertengruppe wird keine direkten Grössenbeschränkungen vorschlagen. Wir wollen auch keine Geschäfte verbieten.

Gegen eine höhere Eigenmittelquote regt sich heftiger Widerstand. Selbst der UBS-Chef Oswald Grübel wehrt sich dagegen.
Wenn eine Bank mehr Eigenkapital halten muss, werden Renditeziele von 25 Prozent wohl unrealistisch. Vielleicht wird es auch schwieriger, den Managern überproportionale Vergütungen zu bezahlen. Hohe Eigenmittel müssen aber keinen internationalen Konkurrenznachteil darstellen. Die Schweizer Banken sind stark in der Vermögensverwaltung. Verfügen sie über höhere Eigenmittel als ihre internationalen Konkurrenten, stärkt dies das Vertrauen ihrer Kunden.

Erstellt: 30.07.2010, 12:15 Uhr

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Peter Siegenthaler

Präsident der Kantonalbanken
Der 62-jährige Ökonom Peter Siegenthaler ist seit knapp einem Monat Präsident des Verbandes Schweizerischer Kantonalbanken. Davor war das SP-Mitglied während 28 Jahren für das Eidgenössische Finanzdepartement tätig gewesen, seit 2000 als Chef der Eidgenössischen Finanzverwaltung. Er vertrat den Bund in den Verwaltungsräten von Skyguide, Swiss und anderen, Zudem war er bei der Rettungsaktion für die UBS und bei der Gründung der Swiss als Finanzverwalter massgebend beteiligt. Seit November 2009 leitet er die Expertenkommission des Bundesrates, die Anfang September Lösungsvorschläge für das Problem der systemrelevanten Banken vorstellen wird. (dav)

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