Integrierte Ausländer, diskriminierte Frauen

Die hiesige Arbeitsmarktpolitik muss sich an neuen Massstäben messen – dabei offenbart sich in einem Punkt eine im europäischen Vergleich bedeutende Schwäche.

Die Schweiz belegt bei fast allen Kriterien einen Spitzenplatz. Foto: Keystone

Die Schweiz belegt bei fast allen Kriterien einen Spitzenplatz. Foto: Keystone

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Umsichtige Arbeitsmarktpolitik von Regierungen erschöpft sich nicht mehr im Streben nach flexiblen und offenen Arbeits- und Produktmärkten. Beides ist zwar erforderlich, um wirtschaftliches Wachstum sicherzustellen – und dieses wiederum schafft neue und dauerhafte Arbeitsplätze. Doch diese primär quantitative Dimension bedarf heute einer Ergänzung: Die Politiker müssen sich daran messen lassen, ob die zusätzlichen Jobs auch qualitative Kriterien erfüllen und ob benachteiligte Bevölkerungsgruppen eine faire Chance auf dem Arbeitsmarkt haben.

Dies ist die Quintessenz der neuen Beschäftigungsstrategie, welche die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) dieser Tage vorgestellt hat. Die in Paris ansässige Institution, der mehrheitlich entwickelte Länder angehören, vollzieht damit eine ­bemerkenswerte Neupositionierung. Sie ist zurückzuführen auf das grundlegend veränderte weltwirtschaftliche Umfeld seit 2006, als die OECD ihren letzten grossen Bericht zur Arbeitsmarktstrategie veröffentlichte.

Die vergangenen zehn Jahre seit der Finanzkrise sind geprägt durch ein bescheidenes Produktivitätswachstum. Betrug dieses vor der Krise jährlich 2,5 Prozent im Durchschnitt der OECD-Länder, so ist es in den letzten fünf Jahren noch halb so gross gewesen – entsprechend beschränkt ist der Spielraum für Lohnerhöhungen geworden.

Akzente neu setzen

Gleichzeitig hat sich die Kluft zwischen Gut- und Geringverdienenden laufend vergrössert: Das mittlere verfügbare Einkommen der reichsten 10 Prozent im OECD-Raum ist aktuell etwa ­9,5-mal so hoch wie jenes der ärmsten 10 Prozent; vor 30 Jahren lag dieser Unterschied noch beim 7-Fachen.

Vor diesem Hintergrund – und angesichts anstehender Umwälzungen durch technischen Fortschritt, Digitalisierung und demografischen Wandel – ruft die OECD die Politiker und Institutionen auf, ihre arbeitsmarktlichen Akzente neu zu setzen: Das Augenmerk soll sich verstärkt auf qualitative Aspekte der Beschäftigung wie Entlöhnung und Arbeitsbedingungen sowie auf eine möglichst breite Teilhabe ­aller Arbeitssuchenden richten. Werden die politischen Akteure in diesem Bestreben von den Sozialpartnern unterstützt, erhöhe dies die Erfolgschancen, wie die Autoren festhalten.

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Apropos Erfolgschancen: Der OECD-Bericht verweist auf neue Belege, wonach jene Länder bessere Ergebnisse vorweisen können, die sich am arbeitsmarkt­lichen Dreiklang ausrichten – an der Arbeitsplatzquantität und -qualität sowie am möglichst ungehinderten Zugang für alle Arbeitssuchenden, ungeachtet ihrer sozialen Stellung. Dies im Vergleich zu Ländern, die sich primär auf die Flexibilität der Märkte konzentrieren. Zu ersterer Gruppe gehören die nordeuropäischen Staaten Island, Norwegen und Schweden.

Sehr gut schneidet auch die Schweiz im internationalen Vergleich ab. Sie steht auf Platz zwei in der OECD-Rangliste, welche die nationalen Arbeitsmärkte nach den besagten Kriterien Quantität, Qualität und Inklusivität bewertet – hinter dem bestplatzierten Island. Auf den nächsten Rängen folgen Schweden, Neuseeland, Japan sowie Deutschland.

Schweiz mit einem Makel

Ihren Spitzenplatz verdankt die Schweiz der geringen Arbeitslosen- und Unterbeschäftigtenrate sowie der hohen Beschäftigungsquote, also den quantitativen Kriterien. Auch bezüglich Arbeitsplatzqualität steht unser Land ganz oben – dank der guten finanziellen Absicherung von Arbeitslosen und der relativ hohen Entlöhnung von Durchschnittsverdienern.

Dagegen ist die Schweizer ­Bilanz durchzogen, was den möglichst breiten und diskri­minierungsfreien Zugang zum Arbeitsmarkt betrifft. Der gewichtigste Makel ist das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen – es zählt zu den grössten innerhalb der 36 OECD-Länder, wenngleich zuletzt gewisse Fortschritte zu verzeichnen waren. Positiv angerechnet wird der Schweiz hingegen, dass die Beschäftigungsquote der ausländischen Wohnbevölkerung nur unwesentlich geringer ist als die der Einheimischen.

Wo müssen Regierungen ansetzen, damit der Arbeitsmarkt trotz raschen Wandels für möglichst alle Bevölkerungsgruppen zugänglich bleibt? Als zentralen Punkt streichen die OECD-Autoren die Chancengleichheit heraus: Speziell für finanziell und sozial benachteiligte Gruppen sind möglichst viele Hinder­nisse auszuräumen, die den Weg zu Aus- und Weiterbildungen erschweren. Dies müsse schon in den Schul- und Vorschuljahren beginnen.

Soziale Sicherheit für alle

Nicht minder wichtig ist nach Dafürhalten der Pariser Organisation, dass Arbeitnehmende jeden Alters ihre Kenntnisse stetig auffrischen und erweitern können – mit Blick auf künftige Karrieren, die häufigere Berufswechsel erfordern werden.

Zugleich sieht die OECD die Politik herausgefordert durch die wachsende Zahl von flexiblen, befristeten sowie Teilzeit- und Mehrfach-Arbeitsverhältnissen. Die verantwortlichen ­Akteure müssten sicherstellen, dass ­soziale Sicherungssysteme und Regelungen zum Schutz der ­Beschäftigen – etwa bezüglich Arbeitszeiten – auch jenen in «nicht standardmässigen» Arbeitsverhältnissen zugute kommen.

In dem Zusammenhang geht der OECD-Bericht auf die Idee eines bedingungslosen oder universellen Grundeinkommens ein. Dieses soll allen Menschen ausbezahlt werden, ungeachtet ihrer Bedürftigkeit und Erwerbstätigkeit. Bei den Autoren überwiegt die Skepsis: Es sei unwahrscheinlich, dass ein solches Instrument alle Arbeitnehmenden wirksam schützen könne, ohne gleichzeitig den Staatshaushalt stark zu belasten. Ausserdem könnten gewisse Bevölkerungsteile mit der Einführung des Grundeinkommens schlechtergestellt werden, sofern zu dessen Finanzierung andere, auf bestimmte Zielgruppen ausgerichtete Sozialleistungen gekürzt werden müssten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 21:36 Uhr

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