Bezahlen per Handy: 9 Fragen und Antworten zur Twint-Fusion

Die beiden Bezahldienste Twint und Paymit legen ihre Systeme zusammen. Das müssen Sie wissen.

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Bezahlkarten, Gutscheine und Kundenkärtchen sollen mobile Bezahl-Apps dereinst überflüssig machen. Den Anfang machte vor zwei Jahren Swisscom mit der App Tapit. Ihr war kein Erfolg beschieden – nur etwas mehr als ein Jahr nach dem Start Anfang Juli 2014 gab Swisscom den Ausstieg bekannt. Sie war zu kompliziert, es gab zu wenig Anwendungsmöglichkeiten, und sie war nur mit bestimmten Smartphones und SIM-Karten kompatibel. In den letzten beiden Jahren haben sich Paymit, dahinter steht der Zahlungsdienstleister Six und mehrere Banken, sowie Twint von Postfinance ein Rennen um die Schweizer Kunden geliefert. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass die beiden Systeme fusionieren wollen. Heute informierten die beteiligten Parteien, darunter die Banken, Detailhändler und Zahlungsdienstleister den Vollzug. Twint und Paymit schliessen sich zusammen. Der Name Paymit wird verschwinden, neu wird es nur noch Twint geben.

Was bedeutet der Zusammenschluss von Paymit und Twint für die Konsumenten?
Unmittelbar ändert sich nichts. Doch ab September soll es eine neue App geben. Eine für alle. Mit ihr wird man bei Tausenden von Händlern zahlen können. Das Twint-Grün soll verschwinden, farblich sollen die neuen Besitzstrukturen bei Twint zum Ausdruck kommen. Die verschiedenen Banken können die App in ihre Firmenfarbe tünchen: Rot für UBS und Raiffeisen, Blau für CS und ZKB und Gelb für Postfinance. Die neue App soll sämtliche Funktionen ihrer getrennt erhältlichen Vorgänger enthalten – «best of both». Die Herausforderung liegt für die Programmierer darin, die neue App so zu gestalten, dass sie nicht überladen wirkt und keine der bisherigen Nutzergruppen vor den Kopf stösst. Ob es gelingt, wird sich weisen.

Was heisst die Fusion für die Händler?
Die Händler sollen ihre Bezahlterminals unverändert weiternutzen können. Sowohl die neuen, günstigeren Twint-Terminals als auch die um Faktoren teureren Six-Terminals. Neu wird ein Vierparteiensystem errichtet, ähnlich wie man es von den Kreditkarten her kennt. Es besteht aus: Issuer (Herausgeber des Zahlungsmittels, in diesem Fall Twint bzw. die Banken), Acquirer (Betreiber des Systems, in diesem Fall unter anderem Six), Händler (Läden und Geschäfte, die diese Zahlmöglichkeit anbieten) und Kunde. Six wird nächste Woche die Tarife für die Händler veröffentlichen, die ihre Kunden mit Paymit bezahlen lassen. Die Tarife des gemeinsamen Systems werden sich vermutlich auf einem höheren Niveau bewegen, als dies bei Twint der Fall war. «Allen ist klar, dass Twint mit ihrem aggressiven Gebührenmodell nie kostendeckend hätte arbeiten können», sagt ein Branchenkenner. Künftig werden die Händler mit weiteren Zahlungsdienstleistern (Acquirer) die Tarife für Twint aushandeln können, so Thierry Kneissler. Bislang ist nur Six involviert. «Unser Ziel ist es, dass möglichst alle Anbieter in das System eingebunden sind und die Händler eine Auswahl an Zahlungsdienstleistern haben.»

Ist mobiles Bezahlen in der Schweiz ein Hype?
Bislang, ja. Das merkt jeder, der Twint und Paymit im Freundeskreis ausprobieren und Geld von einem Handy zum nächsten überweisen möchte. Ein Gegenüber zu finden, das die App installiert hat, ist schon nicht einfach. Auch noch jemanden zu finden, der sich bei den Apps registriert hat, geschweige denn sie leichthändig bedienen kann, tritt so häufig auf wie Schnee im Juni. Auch in vielen Läden zeigt sich, dass die Routine, Bezahlungen via Handy abzuwickeln, noch nicht sehr ausgeprägt ist.

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Was ist heute die grösste Überraschung?
Die UBS setzte von Anfang an auf Paymit, die andere Schweizer Grossbank Credit Suisse hielt sich bisher zurück. Es wurde zwar immer wieder gemunkelt, die CS würde sich ebenfalls Paymit anschliessen wollen, so weit kam es aber nie. Heute wurde nun bekannt, dass auch die CS beim gemeinsamen Bezahldienst Twint dabei ist.

Hat Paymit oder Twint bei der Fusion den Kürzeren gezogen?
Das neue System heisst Twint. Dadurch entsteht der Eindruck, dass sich die Postfinance-Lösung durchgesetzt hat. Six sieht sich aber nicht als Verlierer bei dem Zusammenschluss. Tatsächlich wird der Firmensitz von Bern nach Zürich verlegt und Postfinance wird künftig keine Mehrheit am Unternehmen haben. Neue Twint-Besitzer sind die fünf grössten Schweizer Banken (UBS, CS, Raiffeisen, ZKB und Postfinance) sowie der Finanzdienstleister Six. Zu den genauen Anteilsverhältnissen äussern sich die Unternehmen nicht. Die Entscheidung, dass Paymit als Name verschwinden wird, hat auch damit zu tun, dass die neuen Betreiber signalisieren wollen, dass es nicht nur ums Bezahlen geht und die App auch als Kundenkarte, Rabattmarke und Gutschein dienen kann. Die Betreiber haben die Hoffnung, dass dies der Fantasiename Twint besser leisten kann als Paymit.

Kann das neue Twint Bargeld überflüssig machen?
In der Schweiz verändert sich das Bezahlverhalten nur sehr langsam. Seit Jahren klettern laut den Statistiken der Schweizerischen Nationalbank (SNB) die Transaktionsvolumen von Kreditkartenzahlungen und Debitkartenzahlungen. Ihr Anteil an allen Zahlungen bleibt dabei aber erstaunlich konstant. «Ob jemand Twint oder Paymit nutzt, ist keine Altersfrage», sagt Twint-Chef Thierry Kneissler. Jüngere Anwender seien nur leicht stärker vertreten, es gebe durchaus auch viele ältere Twint-Nutzer.

Welches der beiden Systeme war bislang erfolgreicher?
Mit konkreten Zahlen sind die Anbieter zurückhaltend. Die Paymit-App verzeichnete bislang zwar 230'000 Downloads, wie viele dieser Kunden sie auch aktiv nutzen, ist nicht bekannt. Es dürfte aber ein Bruchteil sein. Der durchschnittliche Transaktionsbetrag liegt laut Six bei 63 Franken. Von Twint gab es bisher keine Zahlen. Aktuell gültig ist nun folgende Aussage: «Bisher haben gegen 500 000 Personen die Paymit- oder Twint-App installiert und jeden Tag werden Tausende von Transaktionen mit diesen Apps durchgeführt.»

Welche Schweizer Lösungen gibt es noch und wie stehen deren Chancen?
Auch die Kreditkartenfirmen bieten eine digitale Bezahllösung. In der Schweiz wurde vor kurzem der Masterpass von Mastercard lanciert. Der Vorteil des Angebots liegt darin, dass er im Gegensatz zu Twint auch im Ausland einsetzbar ist. Laut Viseca haben sich seit November 300'000 Schweizer Karteninhaber für den Service registriert und die entsprechende App heruntergeladen. Die Migros-Bank betreibt ebenfalls eigene Bezahllösungen, sowohl für das Bezahlen in der Cumulus-App sowie auch für das Geldüberweisen.

Wann kommen Apple Pay und Co., und sind sie eine Gefahr für das Schweizer System?
Bis jetzt ist Apple Pay neben den USA in fünf Ländern verfügbar (Australien, China, Grossbritannien, Kanada, Singapur). Android Pay, die Lösung von Google, gibt es bis jetzt in den USA, und sie soll in diesem Jahr auf weitere Länder ausgedehnt werden, darunter Australien und Singapur. Immer wieder wird in der Schweiz darüber spekuliert, dass der Start von Apple Pay kurz bevorstehe. Klare Anzeichen gibt es noch nicht. Die Bedrohung, die von diesen beiden IT-Riesen ausgeht, gilt als Treiber für das Zusammengehen von Twint und Paymit. Doch für Twint-Chef Kneissler sind die Konsumenten selbst die grösste Hürde, die sich dem Durchbruch in den Weg stellt: «Das grösste Risiko für den Erfolg ist kein anderes System, sondern das erlernte Verhalten der Konsumenten», so Kneissler. Dieses müsse sich ändern, damit das Bezahlen per Smartphone überhaupt die Chance habe, sich durchzusetzen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2016, 16:52 Uhr

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