Big Data zwischen Start und Ziel

Am Samstag beginnen die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Die Schweizer Luxusuhrenmarke Omega führt neue Technologien für die Zeitmessung ein.

Swiss-Timing-Chef Alain Zobrist prüft Sensoren für die Zeitmessung in Pyeongchang. Fotos: Christian Aeberhard (13 Photo)

Swiss-Timing-Chef Alain Zobrist prüft Sensoren für die Zeitmessung in Pyeongchang. Fotos: Christian Aeberhard (13 Photo)

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Es regnet in Strömen in Corgémont. Nebelschwaden hängen bleiern über der Gemeinde im Berner Jura. Die Viehweiden sind leer. Nichts deutet in dieser tristen Szenerie auf Hightech hin. Dabei hat hier, in einem unscheinbaren Industriebau am südöstlichen Rand von Corgémont, Swiss Timing ihren Sitz.

450 Mitarbeiter der Tochtergesellschaft der Swatch Group entwickeln in dem Zweckbau Zeitmesstechnologien. Ihr Know-how kommt an den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang zum Einsatz, die am Samstag beginnen. Nach aussen sichtbar ist bei den Spielen aber die Uhrenmarke Omega, die ebenfalls zum Uhrenkonzern gehört.

Ein Pfeifen für blinde Biathleten

Im Trockenen empfängt uns Alain Zobrist, der Chef von Swiss Timing, und bittet zum Rundgang. Der längste Halt findet im Testlabor statt. Es ist mit Messgeräten, leinwandgrossen Bildschirmen und Computern vollgestopft. Ins Auge fällt ein Tisch, auf dem ein spezielles Gewehr und ein Kopfhörer liegen. Beide sind mit einem Anzeigefeld verbunden.

Weiter hinten im Raum stehen elektronische Zielscheiben. Diese Ausrüstung ist für die paralympischen Spiele in Pyeongchang im März gedacht. Blinde Biathleten können damit ihre Präzision bei der elektronischen Schussabgabe unter Beweis stellen. Ein Ton im Kopfhörer hilft ihnen dabei: Je höher das Pfeifen, desto besser zielen die Sportler.

Die Chips erkennen ihre Position im dreidimensionalen Raum.

Auf einem zweiten Tisch liegen Schachteln mit roten Chips, fein säuberlich in Reihen angeordnet. Zobrist legt einen solchen Sensor, etwa gleich gross wie ein Zweifränkler, in seine Hand­fläche. Die Chips können nicht nur Geschwindigkeit, Beschleunigung und Fliehkräfte messen, sondern auch die Position im dreidimensionalen Raum erkennen. «Diese Teile sind im Labor einem elektromagnetischen Feld ausgesetzt worden, um zu testen, ob ihre Genauigkeit nachlässt», erklärt Zobrist.

Diese Chips spielen an den Olympischen Winterspielen eine wichtige Rolle. «Wir führen in Pyeongchang neue Sensortechnologien ein, welche die Leistung der Athleten zwischen Start und Ziel abbilden», fügt er an. Omega nutzt die Neuheiten bei der Zeitmessung in 7 von 15 Sportdisziplinen.

Sensoren für Eishockeyspieler

Die neuen Chips kommen zum Beispiel beim Eishockey zum Einsatz: Sie werden an die Spielertrikots geheftet. Antennen in den Stadien erfassen so jederzeit die Position jedes einzelnen Spielers auf dem Eis. Die gesammelten Informationen kann Swiss Timing für die Zuschauer vor Ort und am Fernsehen grafisch aufbereiten. Möglich ist so beispielsweise, in Wiederholungen und Analysen Spielzüge darzustellen und dabei die Bewegungen einzelner Sportler zu verfolgen oder die Geschwindigkeiten der Athleten anzuzeigen.

Welche Informationen genau den Zuschauern präsentiert werden, entscheiden der olympische Rundfunkdienst und der internationale Eishockeyverband. «Als Verband bieten wir grundsätzlich Hand, um neue Technologien anzuwenden. Das letzte Wort haben aber die teilnehmenden Mannschaften», sagt Christian Hofstetter, Marketingchef des Eishockeyverbands.

Ziel sei es, zu Beginn der Olympischen Winterspiele die Chips in den Trikots anzubringen und sie bis Ende des Turniers dort zu belassen. Voraussetzung sei jedoch, dass die Sicherheits­aspekte zuvor geklärt sind. Hofstetter nennt etwa den Datenschutz und den Strahlenschutz für die Spieler.

Swiss Timing will in Pyeongchang beim Eishockeyturnier auch die neue «Time on Ice»-Funktion einführen. Nebst Name, Nummer und Position des Spielers im Feld werden auch seine Zeit auf dem Eis und die Anzahl seiner Einwechslungen eingeblendet.

Bereits erprobt und wieder eingesetzt wird das Erkennungssystem für Spielunterbrüche durch die Schiedsrichter. Mikrofone an den Unparteiischen erkennen den Pfeifton und halten die laufende Spielzeit im Bruchteil einer Zehntel­sekunde an. Beim Menschen beträgt die Reaktionszeit eine halbe Sekunde.

«Der Aufwand ist vergleichbar mit 28 Weltmeisterschaften.»Alain Zobrist, Swiss-Timing-Chef

Die Erfahrungen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi vor vier Jahren zeigen, dass so die Genauigkeit der Spielzeit pro Match im Schnitt um 42 Sekunden zunimmt. Die Zeitmessung an Olympischen Spielen ist eine logistische Herausforderung. «Der Aufwand ist vergleichbar mit 28 Weltmeisterschaften, die gleichzeitig während zweier Wochen stattfinden», sagt Zobrist.

Damit Omega in Pyeongchang jedes Resultat korrekt erfassen kann, braucht es 330 Tonnen Ausrüstung, 300 offizielle Zeitmesser und 350 freiwillige Helfer. In Sotschi vor vier Jahren kam Swiss Timing noch mit 230 Tonnen Ausrüstung, 260 offiziellen Mitarbeitern und 170 Freiwilligen aus.

Weltweite Sportanlässe als Werbeplattform

Die Schweizer Uhrenindustrie nutzt weltweite Sportanlässe schon immer als Werbeplattform. Rolex zum Beispiel ist seit der Saison 2013 offizieller Zeitnehmer der Formel 1. Hublot trat als erste Uhrenmarke überhaupt als offizieller Zeitnehmer im Fussball auf. Die zum französischen LVMH-Luxusgüterkonzern gehörende Manufaktur markiert dieses Jahr in Russland an der dritten Weltmeisterschaft in Folge Präsenz.

Das Engagement von Omega als offiziellem Zeitnehmer der Olympischen Spiele dauert bis 2032. Der entsprechende Vertrag zwischen der Swatch Group und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOK) besteht seit dem Jahr 2001. Beide Partner haben das Abkommen im vergangenen Jahr zum zweiten Mal verlängert.

Für die Partnerschaft mit dem IOK wendet die Swatch Group jährlich einen zwei- bis dreistelligen Millionen­betrag auf. Die Investitionen kommen auch dem Konzern selbst zugute: Die Swatch Group kann ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen über einen längeren Zeitraum auslasten.

Spezielle Partnerschaft

Die Art der Zusammenarbeit unterscheidet sich vom klassischen Sponsoring: Tatsächlich zahlt die Swatch Group dem IOK keine Geld­summe, um eine Gegenleistung zu erhalten. Vielmehr erbringt der Uhrenkonzern Dienstleistungen für das IOK. Diese be­inhalten Zeitmessung sowie die Verarbeitung von Daten und Anzeige von Resultaten. Im Gegenzug darf die Swatch Group die Marke «Olympische Spiele» nutzen, um Werbung für Omega zu machen.

Die Marke schafft es so, mit ihrem Schriftzug überall in den olympischen Wettkampfstätten auf Anzeigetafeln und Zeitmessgeräten gut wahrnehmbar zu sein. In diesem Gelände untersagt die olympische Charta jedoch Werbung und Markenlogos. Von den 13 globalen Sponsoren hat Omega am besten mit dem IOK verhandelt.

Erstellt: 05.02.2018, 20:28 Uhr

Das Gerät am Skischuh misst die Geschwindigkeit.

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