BLS buhlt mit WLAN um Konzession

SBB und BLS konnten sich im Streit um die Fernverkehrslinien nicht einigen. Nun hat jede Gesellschaft ihr eigenes Gesuch eingereicht.

Könnte bald schon auf einer Fernverkehrslinie unterwegs sein: Eine Lokführerin grüsst ihren Kollegen.

Könnte bald schon auf einer Fernverkehrslinie unterwegs sein: Eine Lokführerin grüsst ihren Kollegen. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Sie haben miteinander gesprochen und gestritten, Lösungen gefunden und verworfen – nun ist klar: Es wird zwischen den Bahnunternehmen SBB und BLS keine Zusammenarbeit geben. Die SBB wehren sich dagegen, dass die BLS eine eigene Konzession erhält. Die BLS hat wiederum das Angebot der SBB abgelehnt, gewisse Zuglinien im Auftrag der SBB zu bedienen. Vielmehr hat sie gestern ein eigenes Gesuch um eine Fernverkehrskonzession eingereicht.

Video: «Wir sind keine Abteilung der SBB»

Die BLS bleibt dabei: Sie will nach Basel und Brig fahren und bewirbt sich für eine eigene Fernverkehrskonzession.

«Wir sind keine Abteilung der SBB», sagte BLS-Verwaltungsratspräsident Rudolf Stämpfli gestern vor den Medien in Bern. Man wolle gestalten und nicht einfach einen weiteren Auftraggeber zufriedenstellen müssen. Deshalb hat die BLS beim Bundesamt für Verkehr (BAV) ein Konzessionsgesuch für folgende Intercity- und Regioexpress-Linien gestellt:

  • Intercity Interlaken-Ost–Bern–Olten–Basel (ab dem Jahr 2022)
  • Intercity Brig–Bern–Basel (ab 2023)
  • Regioexpress Bern–Burgdorf–Olten (ab 2020)
  • Regioexpress Bern–Biel (ab 2020)
  • Regioexpress Bern–Neuenburg–Le Locle (ab 2022).

Entgegen früheren Plänen stellt die BLS für die Linie Interlaken–Zürich-Flughafen–St. Gallen hingegen kein Gesuch. Es gehe darum, «schrittweise» das SBB-Monopol im Fernverkehr, das seit 2004 besteht, aufzubrechen, so Stämpfli. Das Gesuch sei denn auch nicht als Angriff auf die SBB zu verstehen. «Es basiert auf einer Lösung, die Fachleute von BLS und SBB gemeinsam erarbeitet haben.» Nur hätten sich die SBB nach der Einigung wieder aus der Abmachung zurückgezogen. Fachlich sei das Gesuch der BLS aber abgestützt.

Die BLS, die mehrheitlich dem ­Kanton Bern gehört, will in den Fernverkehr einsteigen, weil dort im Gegensatz zum Regionalverkehr Gewinne erzielt werden dürfen. Die BLS hofft, dass ihr Konzessionsgesuch beim BAV mit neuen Service­leistungen punkten kann: Speziell strahlendurchlässige Fenster, welche guten Handyempfang garantieren sollen, WLAN im Zug, die Möglichkeit, Billette im Zug zu kaufen, oder ein «zeitgemässes Verpflegungsangebot», teilweise auch in Selbstbedienung, sind die Ideen, die Verwaltungsratspräsident Stämpfli vorschweben.

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Neue Zugtypen

Um die neuen Linien bedienen zu können, brauchte die BLS neues Rollmaterial. Auf den Regioexpress-Linien sollen dabei zusätzliche Züge der Typen Flirt und Mutz (doppelstöckig) zum Einsatz kommen. Für die Intercity-Verbindungen sollen Züge eines neuen Typs angeschafft werden. Insgesamt rechnet die BLS mit Investitionen von 495 Millionen Franken. Tragen will sie die Kosten selbst, die ­Aktionäre würden nicht weiter belastet, heisst es vonseiten der BLS. Zudem würde die BLS 290 neue Mitarbeiter einstellen, sollte sie die Konzession für die Linien erhalten.

Infografik: Diese Strecken will die BLS betreiben Grafik vergrössern

Der Berner Verkehrsökonom Philipp Wegelin stand im Frühling den BLS-Plänen noch skeptisch gegenüber. Dank dem gestaffelten Vorgehen, das die Bahn nun präsentiert, schätzt er das ­Vorhaben aber als realistisch ein. Etwas kritischer sieht Wegelin den Nutzen einer allfälligen BLS-Konzession für die Bahnkunden.

«Ein echter Wettbewerb, etwa mit flexibeln Preisen, ist in der Schweiz systembedingt sowieso nicht möglich.»Philipp Wegelin

Weil die BLS auf die direkte Linie von Interlaken nach Zürich-Flughafen verzichte, werde auch das Streckennetz in etwa dasselbe bleiben. Und auch bei den Zügen werde es für die BLS schwer sein, sich substanziell von den SBB abzuheben. So investierten auch die SBB in neue Züge, um beim Rollmaterial «top» zu sein.

Streit bis vor Gericht?

Tatsächlich versprechen die SBB mit den neuen Fernverkehr-Doppelstock- und Hochgeschwindigkeitszügen mehr Komfort. Ansonsten sieht das SBB-Konzessionsgesuch, das die Bundesbahnen den Medien ebenfalls gestern vorgestellt haben, einfach aus: Die SBB wollen in den nächsten 15 Jahren das Schweizer Fernverkehrsnetz weiterhin in Eigen­regie betreiben, Regionalbahnen wie die Südostbahn (SOB) würden als Auftragnehmer für einzelne Linien eingesetzt. Nur so sei es möglich, das Bahnnetz günstig und zuverlässig zu betreiben, sagte SBB-Chef Andreas Meyer.

«Unser Kooperationsangebot an die BLS bleibt dabei weiterhin bestehen», betonte Meyer. Er machte aber klar, dass die SBB die Konzession nicht freiwillig teilen werden. Der Entscheid des BAV soll Anfang Dezember fallen. Die Bahnen könnten diesen noch vor Bundesverwaltungsgericht und vor Bundesgericht anfechten. Andreas Meyer liess gestern durchblicken, dass der juristische Weg im Fall eines Misserfolgs eine Option sei.

Erstellt: 08.09.2017, 23:31 Uhr

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