Boeing nach Abstürzen in Erklärungsnot

Von der brandneuen Maschine 737 Max 8 hängt die Zukunft des grössten US-Industriekonzerns ab. Doch nach zwei unerklärlichen Unfällen steht diese infrage.

Die Boeing 737 Max galt einst als Hoffnungsträger. Nun bleibt sie vorerst am Boden. (Video: Anja Ruoss, Wibbitz)

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Der erste Absturz einer Boeing 737 Max im vergangenen Oktober konnte noch mit den Problemen einer kleinen, unzuverlässigen Gesellschaft, der indonesische Lion Air, erklärt werden. Doch das Unglück der Ethiopian Airlines ist für US-Konzern echt bedrohlich: Die grösste afrikanische Fluggesellschaft gilt als sicher, und gesteuert wurde die Maschine von einem erfahrenen Piloten. Noch ist die Ursache ungeklärt.

Augenzeugen am Unglücksort in der Nähe von Addis Abeba berichteten, die Maschine habe vor dem Crash Feuer gefangen, doch erst die Auswertung der beiden Blackboxes dürfte Gewissheit schaffen.

Bilder: Schweres Flugzeugunglück in Äthiopien

Der Absturz einer brandneuen Maschine kurz nach dem Start wirft einen Schatten auf die Wachstumsstrategie von Dennis Muilenberg. Der 55-jährige Konzernchef hatte das schwerfällig gewordene Unternehmen 2015 übernommen und umgehend ein Sparprogramm verordnet, dem mehrere Zehntausend Mitarbeiter zum Opfer fielen. Das Programm bekamen auch die Zulieferbetriebe in Form von harten Preisreduktionen zu spüren.

Ein Drittel des Gewinns

Auch international machte sich Muilenberg rasch einen Namen. Der Boeing-Chef sei ein nationalistischer Bully, sagte Airbus-Chef Tom Enders, der «rücksichtslos auf der America-First-Welle mitreitet». Muilenberg ist ein Trump-Anhänger und erklärt offen, dass er eine Mitsprache beim Handelsstreit zwischen den USA und China habe. Die anstehende Lieferung von 737-Max-8-Maschinen an chinesische Airlines könnte entsprechend auch als Verhandlungsmasse für einen Kompromiss gebraucht werden. Boeing eröffnete kürzlich in China ein Werk und rechnet damit, dass in den nächsten 20 Jahren weltweit 43'000 Verkehrsmaschinen gebraucht werden, fast ein Fünftel davon in China.

Dabei liefert sich Boeing mit Airbus einen gigantischen Konkurrenzkampf, in den sich in Kürze auch chinesische Hersteller einschalten werden. Wie der A320 Neo von Airbus wurden auch die 737-Max-Modelle für Bedürfnisse von Schwellenländern nach einer zuverlässigen Mittelstreckenmaschine entwickelt. Eine 737 kostet rund 120 Millionen Dollar. Diese Jets tragen rund ein Drittel zum Konzerngewinn bei und bilden den Grundstein für die finanzielle Sicherheit von Boeing in den kommenden Jahren.

Kurs der Boeing-Aktie stürzt ab

Entsprechend beängstigend erscheint das Grounding der 737-Max-Maschinen in China und Indonesien, zwei der wichtigsten Kunden des Konzerns. Das Grounding in China erhöhe den Druck auf Muilenberg deutlich, erklärt Richard Aboulafia, Vizepräsident der Luftfahrt-Beratungsfirma Teal Group. Boeing müsse nun die Sicherheit der 737-Max-Jets rasch und überzeugend nachweisen, sonst «erleiden Umsatz und Image rasch mehr Schaden».

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An der Börse stürzten die Boeing-Papiere am Montagmorgen zunächst um bis zu 13 Prozent ab, bevor sich der Verlust bei rund 7 Prozent stabilisierte. Boeing ist neben den Hightech-Firmen die grösste Stütze des US-Aktienmarktes. Seit 2015 hatte die Boeing-Aktie um rund 300 Prozent zugelegt und etwa 30 Prozent zum Anstieg des Dow Jones beigetragen.

Boeing hat den früheren Riesen General Electric als grössten amerikanischen Industriekonzern abgelöst und ist heute auch das grösste Exportunternehmen des Landes. Tausende Zulieferfirmen hängen davon ab, was Boeing eine vergleichbar wichtige Drehscheibenfunktion gibt wie der Autoindustrie in Deutschland.

Die 737-Max-Maschinen sind gemäss Muilenberg bewusst so konzipiert, dass die Piloten wenig Umschulung brauchen und die Airlines nicht wertvolle Zeit ins Training investieren müssen. Boeing verteidigte das Modell nach dem ersten Absturz im Oktober vehement gegen die Kritik von Piloten und beharrte darauf, dass sich die Maschinen im Flug verhielten wie die früheren bewährten 737-Modelle, von den weltweit mehr als 10000 ausgeliefert wurden.

Erstellt: 11.03.2019, 22:56 Uhr

Das Unfall-Flugzeug ist auch in Europa im Einsatz

Nach den beiden Abstürzen kritisieren Experten das neue Flugzeug Boeing 737 Max 8. Laut dem Nachrichtenportal «CH-Aviation» fliegen weltweit rund 380 der neuen Maschinen. Am meisten davon haben die US-Airline Southwest, Air Canada, American Airlines und chinesische Fluggesellschaften im Einsatz.
In Europa haben neun Fluglinien die Boeing 737 Max in ihrer Flotte. Turkish Airlines fliegt mit ihren elf Maschinen die Flughäfen in Basel und Zürich an, dies aber unregelmässig. Norwegian fliegt über verschiedene Tochterfirmen mit rund zwanzig 737 ihre Kunden von A nach B. Die Flieger blieben im Einsatz, sagt ein Sprecher. Auch der bekannte deutsche Ferienflieger TUI hat über verschiedene Partnerfluggesellschaften 15 der Flugzeuge im Einsatz. Icelandair hat 16 Maschinen bestellt und fünf bereits im Einsatz. Bei der isländischen Fluggesellschaft heisst es, sie sehe derzeit davon ab, die Flieger aus dem Verkehr zu ziehen. Bei der italienischen Airline Air Italy sind die Boeings seit Mai vergangenen Jahres in Betrieb, derzeit fliegen die Italiener mit drei Maschinen des Typs. Die Swiss hat keine 737 Max im Einsatz. (phf)

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