Branchenprimus in Bedrängnis

Wegen neuer Vorschriften und aggressiver Konkurrenz wird das Geschäft der Wirtschaftsprüfer härter. Stark zu spüren bekommt das der Marktführer PricewaterhouseCoopers.

PwC in Oerlikon: Transparent ist die Fassade. Die vollständigen Businesszahlen publiziert man aber nicht. Foto: Urs Keller (Ex-Press)

PwC in Oerlikon: Transparent ist die Fassade. Die vollständigen Businesszahlen publiziert man aber nicht. Foto: Urs Keller (Ex-Press)

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Die Partnerversammlungen von Beratungsunternehmen sind legendär. Nach dem Pflichtprogramm folgen jeweils Abendessen und Party in ausgelassener Stimmung. Alle sind dabei – auch Ehefrauen und -männer der Partner. An der diesjährigen Hauptversammlung von PricewaterhouseCoopers Schweiz (PwC) Ende Juni in Lausanne mochte aber nicht so richtig Heiterkeit aufkommen. Was die rund 180 Partner der Prüfungs- und Beratungsfirma hören mussten, machte keine Freude: Das Budget für das Ende Juni zu Ende gehende Geschäftsjahr 2014/15 sei verfehlt worden, so die Geschäftsleitung. Der Umsatz liege gemäss Prognosen bis zu 15 Prozent unter Budget und sei tiefer als der Vorjahreswert, wie mehrere Anwesende bestätigen. Schlechter abgeschnitten hätten alle drei Bereiche: Wirtschaftsprüfung, Wirtschaftsberatung sowie Steuer- und Rechtsberatung.

Die schlechten Nachrichten kommen nicht ganz überraschend. Das Prüfungs- und Beratungsgeschäft ist hart umkämpft. Die vier grössten Anbieter liefern sich einen harten Konkurrenz- und Preiskampf, der sich jüngst noch verschärft hat. Vor allem Deloitte ist in den letzten Jahren hierzulande auf forschem Wachstumspfad und hat der Konkurrenz sowohl Mitarbeiter als auch Kunden abgeworben. So gewann Deloitte etwa im Beratungsgeschäft die meisten lukrativen Mandate von Banken rund um die US-Steuerregulierungen.

Gleichzeitig heizen in der Wirtschaftsprüfung staatliche Regulierungen den Wettbewerb an. Wie in der EU seit einigen Jahren Vorschrift, werden Unternehmen ihre Wirtschaftsprüfmandate künftig wohl auch in der Schweiz in kürzeren Abständen ausschreiben müssen. Eine zentrale Rolle spielen auch die transparenten Preise: Firmen müssen Prüf- und Beraterhonorare im Geschäftsbericht offenlegen. Das macht es einfach, die Konkurrenz zu unterbieten.

PwC als Nummer eins im Prüf- und Beratergeschäft hat in diesem Umfeld viel zu verlieren. Kein Wunder, rechnet man intern bereits rauf und runter, wie viele Mandate man behalten könne. Schon in der Vergangenheit hat der Marktführer im Buchprüfungsgeschäft Kunden verloren. Sulzer, Repower, Emmi und Amag sind nur einige Beispiele grösserer Firmen, die zur Konkurrenz gewechselt haben. Gleichzeitig konnte PwC in den letzten 12 Monaten kaum mit grossen neuen Mandaten von sich reden machen. Das dürfte auch auf den Umsatz einen Einfluss haben.

PwC-Sprecherin beruhigt

Das Unternehmen selbst stellt die Situation nach aussen weit weniger dramatisch dar, als es an der Partnerversammlung intern tönte. Dass PwC 15 Prozent unter Budget liege, dementiert eine Sprecherin. Auch von einem Umsatzrückgang will sie nichts wissen. Auf die verlorenen Prüfmandate angesprochen, sagt sie: «Wie in jedem anderen Markt gewinnen und verlieren wir Mandate.» Insgesamt sei der Marktanteil bei börsenkotierten Firmen leicht gestiegen. Geschäftsleitungsmitglieder bestätigen im Gespräch mit dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet allerdings, dass PwC die Ziele zuletzt nicht erreicht hat.

Offizielle Zahlen werden erst im September kommuniziert. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass intern und extern unterschiedliche Zahlen kommuniziert werden. Einen vollständigen Zahlenkranz publiziert niemand in der Branche. Veröffentlicht werden meist nur der Umsatz brutto – eine Mischrechnung, die auch internationale Mandate berücksichtigt – und netto – ohne internationale Mandate.

Grund für den zunehmenden Druck sehen Branchenkenner paradoxerweise vor allem im langjährigen Erfolg von PwC. «Das Unternehmen hat sich zu lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht», sagt etwa ein ehemaliger PWC-Partner. PwC- und Branchenkenner, die Ähnliches sagen, gibt es viele. Im Fokus stehen sowohl der Preis als auch die Geschäftspraxis. Was lange Zeit in der ganzen Branche üblich war, sei heute in vielen Unternehmen nicht mehr akzeptiert, sagen mehrere Ex-Partner, etwa die hohen Stundenansätze von Partnern von bis zu 700 Franken oder die Strategie, auf ein Mandat relativ viele unerfahrene, vergleichsweise günstige Berufseinsteiger anzusetzen. Ein Junior-Mitarbeiter bringt auf einem Projekt 100 bis 120 Prozent Marge ein, bei einem Partner sind es maximal 10 Prozent. Darum ist es für die Beratungsfirmen attraktiv, auf den Nachwuchs zu setzten. «Die Unternehmen hingegen wollen erfahrene Experten», so die PwC-Kenner.

Gerade hier hat PwC aber ein Problem: Etliche Partner sind in den letzten Jahren gegangen, mussten gehen oder wurden frühpensioniert. Nicht alle gingen im Guten: Einige Fälle endeten vor Arbeitsgericht. Heute findet man viele von ihnen bei Kunden oder der Konkurrenz wieder. Jüngere Beispiele sind Mathias Bopp, der nach zwölf Jahren zu KPMG wechselte und Matthias Memminger, der nach acht Jahren PwC nun bei Bain & Company arbeitet. Zum Teil wechselten auch ganze Teams mit Partnern. PwC-intern ist zu hören, dass die Unzufriedenheit unter den Partnern gross ist. Viele halten vor allem finanzielle Gründe von einem Wechsel ab. «Ein Partner, der seit längerer Zeit dabei ist, verdient gut und gerne 900'000 Franken pro Jahr, ein Salär, das er anders­­wo kaum erreicht», so ein ehemaliger ­Partner.

Frühere Kunden betonen vor allem die Vorteile des Wettbewerbs. So bezeichnen Unternehmen, die mit der Wirtschaftsprüfung zur Konkurrenz wechselten, die Leistungen der neuen Prüfer als zielführender. Als Stichwort nennen sie die risikoorientierte Wirtschaftsprüfung. «Prüfer wie EY schauen genau, wo unsere Risiken liegen, und prüfen diese Bereiche besonders», sagt der Finanzchef eines Unternehmens, der anonym bleiben will. «Bei PwC wird das zu wenig explizit gemacht.» Andere loben die IT-Prüfung der Konkurrenz als umfangreicher und zielgerechter. Gemäss deren Wahrnehmung setzen andere Prüfer auf erfahrene IT-Spezialisten, moderne Analysetools und prüfen fokussiert und effizient. «Bei PwC ist dies nicht Bestandteil der Standardwerkzeuge», sagen der Finanzchef und ein Ex-PwC-Partner übereinstimmend.

PwC sieht das freilich anders: «Unsere Methodologie der Wirtschaftsprüfung ist State of the Art und basiert auf vertiefter Risikoanalyse, ist also durchaus risikoorientiert», sagt die Sprecherin. PwC lege ausserdem einen starken Fokus auf Data-Analysen. «Das bringt unseren Kunden klaren Nutzen.»

Die internen wie externen Probleme, die Branchenkenner bei PwC orten, dürften indes nicht nur eine Folge der gestiegenen Konkurrenz sein. Eine wichtige Rolle spielt auch die PwC-Führung. Und diese wird stark von Verwaltungsratspräsident Markus Neuhaus geprägt. Neuhaus war neun Jahre lang Chef der Beratungsfirma, bevor er sein aktuelles Amt antrat – und wäre das offenbar gerne noch länger geblieben. Die Statuten beschränkten seine Amtszeit aber auf drei Perioden à jeweils drei Jahre. Eine Statutenänderung, die Neuhaus eine vierte Amtszeit hätte einräumen sollen, wurde im Herbst 2011 an einer Partnerversammlung allerdings deutlich verworfen, wie mehrere Anwesende dem Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagen. PWC bestreitet das.

Intern sorgte das Ereignis allerdings für Aufsehen – insbesondere auf Grund eines Missverständnisses. Im ersten Augenblick bedankte sich der damalige Verwaltungsratspräsident Hans Wey nämlich für das Vertrauen der Partner. Erst als ein Raunen durch den Saal ging, realisierte er, dass die Verlängerung abgelehnt worden war. 2012 wurde Neuhaus dann stattdessen Verwaltungsratspräsident und Nachfolger von Wey, der das Präsidium frühzeitig aufgab.

Umstrittene Galionsfigur

Insgesamt prägt Neuhaus das Unternehmen damit seit gut zwölf Jahren – und erntete dafür nicht immer nur Zustimmung. «Er ist ein sehr guter Netzwerker und gilt als graue Eminenz der Beratungs- und Prüfbranche», sagt ein Kenner. Er habe das Unternehmen vorwärtsgebracht, indem er interne Dienste professionalisiert habe. Andere Stimmen bezeichnen aber genau das als Aufblähung der Zentrale und kritisieren seinen Führungsstil.

Ein Beispiel, das Kritiker vorbringen: Seine Nachfolge an der Spitze von PwC hätte ein Kandidat antreten sollen, der in den 90er-Jahren für ein Projekt mitverantwortlich gewesen sein soll, das PwC-intern als einer der grösseren Misserfolge bezeichnet wird. Es handelt sich um das E-Banking-Projekt You der Bank Vontobel. Dass dies nicht erfolgreich war, ist bekannt. Was viele allerdings nicht wissen: PwC soll der Bank in einem aussergerichtlichen Vergleich einen hohen zweistelligen Millionen- Franken-Betrag bezahlt haben. Der Kandidat scheiterte denn auch im ersten Wahlgang mit lediglich 20 Prozent der Stimmen am Widerstand der Partner. Gewählt wurde stattdessen der aktuelle Chef Urs Honegger. PwC kommentiert dies nicht.

Wie einflussreich Honegger ist, ist umstritten. Öffentliche Auftritte überlässt er oft Präsident Neuhaus. Dass dieser den Auftritt mag, zeigt eine Aktion aus dem Jahr 2012, die unter Partnern für viel Aufsehen sorgte: Für interne Workshops liess Neuhaus sein eigenes Wirtschaftsmagazin drucken im Stil und mit dem Namen «Bilanz» – sein Porträt auf dem Titelblatt und ein Interview inklusive. Die PwC-«Bilanz» erschien in Deutsch und Französisch.

Und Neuhaus’ Ära scheint noch nicht vorüber zu sein. Laut gut informierten Quellen will Honegger den Chefposten nach zwei Amtsperioden 2017 abgeben. Unter den Partnern wird schon über dessen Nachfolge spekuliert. Namen, die genannt werden, sind beispielsweise Julie Fitzgerald, die in der Geschäftsleitung für die Marktentwicklung zuständig ist – und Präsident Markus Neuhaus. Das ist offenbar gar nicht so abwegig: Wenn das Geschäft nicht wie geplant laufe, könne es durchaus sein, dass Präsident Neuhaus nochmals als Chef ins Rennen steige, sagen mehrere Quellen. PwC will sich dazu nicht äussern.

Erstellt: 27.08.2015, 21:45 Uhr

Deloitte auf Expansionskurs

Die Nummer 4 der Branche ist im Beratungsgeschäft stark gewachsen. Jetzt zielt Deloitte stärker auf das Prüfgeschäft.

Die Firma Deloitte hat den Beratungs- und Prüfermarkt in den letzten fünf Jahren aufgemischt. Laut eigenen Zahlen heizt sie den Wettbewerb weiter an. Im letzten Geschäftsjahr, das Ende Mai endete, stieg der Bruttoumsatz über alle Divisionen um 15 Prozent auf 532 Millionen Franken. «Am stärksten wuchs das Beratungsgeschäft», sagt Deloitte-Schweiz-Chef Howard Lovell. In der Steuer- und Finanzberatung sei das Geschäft im zweistelligen Prozentbereich gewachsen. «Wir haben sehr ambitionierte Ziele und fokussieren stark auf Banken, Pharma, Medtech- sowie die Biotechindustrie», erklärt Lovell das Wachstum. Daneben habe man vor allem in Mitarbeiter investiert. Deloitte beschäftigt hierzulande 112 Partner. In den Jahren 2011 bis 2014 habe das Unternehmen deutlich Marktanteile gewonnen. «Während wir in dieser Zeit 76 Prozent gewachsen sind, legten die restlichen Big 4 rund 13,8 Prozent zu», sagt Lovell.

Beobachter sagen, dass Deloitte dank einer sehr aggressiven Preispolitik vorwärtsgekommen sei. Daneben habe das Unternehmen auf eine strikte Trennung zwischen Beratungs- und Prüfgeschäft gesetzt. Das ist für Kunden wichtig, weil sie Gefahr laufen, dass die Unabhängigkeit des Auditors nicht gewährleistet ist, und Bussen drohen, sowohl für den Prüfer wie für den Kunden. Das Beratergeschäft birgt wegen seiner Volatilität aber auch Risiken.

In Zukunft will Deloitte auch im Prüfgeschäft stärker zulegen. «Wir wollen auch hier Marktanteile gewinnen», sagt Lovell. Aktuell beträgt der Audit-Umsatz 181 Millionen Franken (+4,6%). Mit der Rotationsregelung in der EU sollten sich Opportunitäten ergeben. Demnach müssen Unternehmen ihre Auditoren regelmässig wechseln. An die EU-Vorgabe halten sich bereits viele international tätige Schweizer Firmen. Gemäss Branchenkennern ist eine ähnliche Regelung auch bei der Schweizer Revisionsaufsichtsbehörde (RAB) in Diskussion.

Für Deloitte mit einem vergleichsweise noch geringen Prüfgeschäft ist das also eher positiv. Und Lovell sagt der Konkurrenz weiterhin den Kampf an: «Auch in Zukunft dreht sich bei uns alles um Wachstum.» Deloitte wolle auch der beste Berater und Prüfer in der Schweiz werden. (bv)

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