Fahren Pendler bald Holzklasse?

Mit einer 3. Klasse wären Zugtickets billiger, und es hätten mehr Passagiere Platz. Doch lässt sie sich überhaupt umsetzen?

Günstig unterwegs: Reisende in einem Wagen der 3. Klasse um 1940. Foto: Keystone

Günstig unterwegs: Reisende in einem Wagen der 3. Klasse um 1940. Foto: Keystone

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Eine 3. Klasse in den Bahnen. Das schlägt eine Expertengruppe in einer Studie vor, die das Bundesamt für Verkehr bezahlt hat. Dadurch sollen günstigere Billette ermöglicht werden. Gleichzeitig fänden mehr Pendler in den Zügen Platz, weil das Sitzplatzangebot maximiert wird. Weder die SBB noch der Verband öffentlicher Verkehr finden an dem Vorschlag Gefallen.

Nun zeigt sich: Die Idee einer neuerlichen Einführung der 3. Klasse, die 1956 abgeschafft wurde, findet bei bürgerlichen Verkehrspolitikern Fürsprecher. So sagt der Zürcher SVP-Nationalrat Gregor Rutz, dass aufgrund der Zuwanderung der Platz in den Zügen immer knapper werde.

Die Zustände seien teilweise kaum mehr zumutbar. «Wenn man mit einer 3. Klasse das Platzproblem entschärfen kann, ist es sicher richtig, wenn entsprechende Szenarien weiterverfolgt werden.»

Neue Klasse würde System verkomplizieren

Der Aargauer FDP-Nationalrat Thierry Burkart findet die Idee einer 3. Klasse ebenfalls interessant: «Das muss man genauer prüfen.» Er sieht allerdings Probleme in der Umsetzung. Ein Umrüsten von Bahnwagen sei wohl zu teuer. Rutz und Burkart gehören beide der nationalrätlichen Verkehrskommission an.

Anders als sie sieht es die Kommissionspräsidentin, die Thurgauer SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher. Sie sagt: «Das heutige System hat sich bewährt. Eine 3. Klasse würde dies nur verkomplizieren.» Mit den Sparbilletten sei die Preisgestaltung flexibler geworden und die Tickets auch mit einem kleineren Budget erschwinglich.

Der Einführung einer 3. Klasse steht auch ihr Solothurner Parteikollege und Bahngewerkschafter Philipp Hadorn skeptisch gegenüber. Er sieht einen anderen Ansatz, um das Ziel eines günstigeren öffentlichen Verkehrs zu erreichen. «Wollen wir die Konkurrenzfähigkeit der Bahnen verbessern, können Abgeltungen erhöht und damit die Reisepreise gesenkt werden.»

Die Qualität des öffentlichen Verkehrs sei ein Teil des Bahn-Erfolgsmodells, sagt Hadorn. Durch «Dumpingangebote auf Kosten der Qualität» sehe er keinen Nutzen, sondern eher die Gefahr, dass dadurch der Individualverkehr gestärkt würde.

Intelligente Massnahmen und mehr Stehplätze

Radikaler ist der Vorschlag von Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen. Es brauche je nach Reisezeit unterschiedliche Preise für die gleiche Strecke – im Fachjargon spricht man in diesem Zusammenhang von Mobility Pricing – und intelligente Massnahmen zur Verkehrsvermeidung, also Wohnen und Arbeiten am selben Ort.

Eine noch günstigere Klasse lehnt der Berner Nationalrat hingegen ab, da diese zu mehr statt weniger Pendlerverkehr führen würde. Denn, so Grossen: «Das Generalabo ist heute schon zu billig.» Unterstützenswert sei hingegen, dass im Nahbereich mehr Stehplätze anstelle von Sitzplätzen geschaffen werden, um die Kapazität zu vergrössern. «Das ist auf kurzen Strecken zumutbar.»

Die Studienautoren gingen der Frage nach, wie sich die künftigen Bedürfnisse der Nutzer des öffentlichen Verkehrs verändern. Eine direkte Folge hat die Studie allerdings nicht. Das Bundesamt für Verkehr habe sie zur Kenntnis genommen, mehr aber nicht, teilte es mit. Gänzlich neu ist die Idee eines dichteren Sitzplatzangebots nicht. Bei der Regionalbahn Thurbo zum Beispiel ist die 2+3-Bestuhlung, teilweise auch in der von den Experten empfohlenen Flugzeugbestuhlung, bereits Tatsache.

Doch nicht nur die Einführung einer 3. Klasse schwebt den Studienautoren vor. Sie empfehlen ebenfalls den Ausbau von Businessarbeitsplätzen in den Zügen. Dadurch würde den zunehmenden individuellen Bedürfnissen der Pendler Rechnung getragen.

Fernbusse sind noch keine Konkurrenz für die Bahn

Durch die Einführung einer 3. Klasse soll der öffentliche Verkehr attraktiv werden – auch um gegen neue Angebote wie Fernbusse oder künftig selbstfahrende Autos zu bestehen.

Gerade das Fernbus-Angebot steckt aber in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Zurzeit fährt nur gerade Eurobus in der Schweiz. Die Auslastung der Busse liegt bei rund 10 Prozent. Die Tendenz ist steigend; noch ist damit nicht der Nachweis erbracht, ob ein solches Angebot in der Schweiz überhaupt rentabel betrieben werden kann.

Bereits drängt mit dem österreichischen Dr. Richard ein neuer Player in den Markt. Die Firma will insgesamt vier Strecken in der Schweiz betreiben. In diesem Frühjahr soll der Entscheid zur Konzession getroffen werden. Bei einem positiven Bescheid des Bundes sei die Firma innert weniger Wochen bereit, den Betrieb aufzunehmen, sagt der Geschäftsleiter.

Das Bundesamt für Verkehr hat unter Direktor Peter Füglistaler klargemacht, dass es eine Konkurrenz beziehungsweise eine Ergänzung der Bahn durch Fernbusse begrüsst. Wenig Freude haben die SBB an dieser Entwicklung.

Erstellt: 12.03.2019, 13:53 Uhr

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