Buffetts Geist widersteht «Bankern mit ‹Bullshit-Ideen›»

Investment-König Warren Buffett dürfte bald abtreten. Und dann? Der «Financial Times» stand er drei Stunden lang Red und Antwort.

Warren Buffett gilt mit einem geschätzten Vermögen von 86 Milliarden Dollar als drittreichster Mann der Welt.

Warren Buffett gilt mit einem geschätzten Vermögen von 86 Milliarden Dollar als drittreichster Mann der Welt. Bild: Reuters

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Für Aktienanleger ist der heute 88-jährige Warren Buffett so etwas wie ein Heiliger oder zumindest eine Art Zauberer. Im Jahr 1942 hat er als Elfjähriger seine ersten drei Aktien gekauft. 1956 hat er dann Berkshire Hathaway – damals ein serbelndes Textilunternehmen – erworben und daraus ein Anlagevehikel gebaut. Dessen Aktien haben seither den US-Aktienmarkt (gemessen am breiten S&P 500 Index) um beinahe 2,5 Millionen Prozentpunkte übertroffen. Heute gilt Buffett mit einem geschätzten Vermögen von 86 Milliarden Dollar als drittreichster Mann der Welt.

Am 4. Mai findet in Omaha, dem Sitz von Berkshire Hathaway, das nächste Aktionärstreffen statt, erwartet werden 40'000 Aktionäre, die wie jedes Jahr hören wollen, was das «Orakel von Omaha» – wie Buffett voll Ehrfurcht genannt wird – ihnen wieder über den Kapitalmarkt und die Welt zu sagen hat.

Im Vorfeld des Treffens ist es der britischen «Financial Times» gelungen, ein ausführliches Interview mit ihm zu ergattern. Rund drei Stunden hat er, der selten mit Zeitungen spricht, sich Zeit dafür genommen. Thema waren seine Nachfolge, sein Investmentstil und die Probleme, die ein Unternehmensvermögen von mehr als 700 Milliarden Dollar – davon mehr als 110 Milliarden in Bargeld und bargeldähnlichen Anlagen – mit sich bringen.

Kein Gedanke an Rücktritt

Trotz seines hohen Alters macht Buffett klar, dass er noch lange weitermachen möchte. Er habe mit seiner Tätigkeit wohl «mehr Spass als jeder andere 88-Jährige der Welt», sagt er. Noch immer lebt er im gleichen Haus, das er 1950 gekauft hat, und arbeitet am gleichen Schreibtisch, den sein Vater vor 75 Jahren bereits benutzt hat. Mindestens dreimal pro Woche speist er laut eigenen Angaben bei McDonalds Chicken Nuggets. Und mit nur 25 Mitarbeitern besetzt Berkshire Hathaway ein einziges Stockwerk eines Bürogebäudes in Omaha.

Als Favoriten für die Nachfolge an der Spitze gilt einerseits der 56-jährige Greg Abel, der aktuell alle Beteiligungen ausserhalb des wichtigen Versicherungsbereichs von Berkshire leitet, und andererseits der in Indien geborene 67-jährige Ajit Jain – ein Cousin des einstigen Deutsche-Bank-Co-Leiters Anshu Jain. Auserkoren hat die beiden allerdings der 95-jährige Charlie Munger, Buffetts Vize und sein engster Vertrauter. Buffett selbst macht deutlich, dass ihm vor allem daran gelegen ist, dass die spezielle Kultur von Berkshire erhalten bleibt, und beide hätten diese «im Blut», sagte er in einem früheren Fernsehinterview. Wenn er einmal zurücktrete, sterbe oder geköpft werde, könnte der Verwaltungsrat seinen Nachfolger innerhalb eines Tages ernennen, sagte er im gleichen Gespräch in seiner gewohnten ironischen Art.

Buffett glaubt ohnehin nicht, dass der Erfolg des Unternehmens ohne ihn und seinen Namen leiden wird, zu sehr vertraut er der Kultur bei Berkshire Hathaway. Wenn er einmal weg ist, sei schon damit zu rechnen, dass «eine Parade von Investmentbankern mit ‹Bullshit-Ideen› zur Aufspaltung des Unternehmens kommen werde». Doch für eine lange Zeit würde sich niemand im Unternehmen diesem Druck beugen, ist der Starinvestor überzeugt.

Die Grösse als Problem

Im Vergleich zu früheren Jahren ist Buffett mit seinen Anlagen allerdings deutlich weniger erfolgreich. Eine Investition in Berkshire vor zehn Jahren hat sich seither zwar mehr als verdoppelt. Der S&P 500 Index hat sich in der gleichen Zeit aber mehr als verdreifacht. In den zehn Jahren nach 1999 legten Buffetts Titel trotz Dotcom und Finanzkrise um 80 Prozent zu, während der breite Aktienmarkt gemessen am S&P 500 Index Verluste hinnehmen musste.

Vor allem von der Finanzkrise hat Buffett profitiert. Die Fähigkeit, dann Unternehmen günstig aufzukaufen oder mit Finanzspritzen zu stützen, die in Liquiditätsnot geraten, hat seinem Unternehmen hohe Gewinne beschert. Ein Beispiel war die Investmentbank Goldman Sachs, die sein Geld zu 10 Prozent verzinsen musste, ein anderes die Swiss Re. In die Schweizer Rückversicherung schoss der Investor 2009 3 Milliarden Franken zu einem Zinssatz von 12 Prozent ein.

Ein Grund für die Schwierigkeiten seither liegt darin, dass immer mehr andere Anlagevehikel den Investmentstil von Buffett übernehmen – Aktienkäufe von grossen Unternehmen mit einem verständlichen Geschäftsmodell und mit einer starken Wettbewerbsposition, von der diese Firmen nicht leicht verdrängt werden können. Doch Berkshire hat noch ein zweites Problem: Angesichts der erreichten Anlagesumme von mehr als 700 Milliarden Dollar müssen die Investitionen ebenfalls sehr gross sein, damit sich die Rendite noch deutlich bewegt.

Das Geld bleibt im Unternehmen

Buffett zeigt das mit einem Vergleich: Wenn er ein Unternehmen für eine Milliarde kauft und dessen Wert dann um 50 Prozent ansteigt, steigt der Wert des gesamten Berkshire-Portfolios nur um ein Zehntel Prozent. Und weil auch private Equity-Firmen im Geschäft mitmischen, die durch die Aufnahme von Schulden ebenfalls unterbewertete Unternehmen aufkaufen, sinken auch deshalb für Buffett die Möglichkeiten für aussergewöhnliche Gewinne durch solche Käufe.

Trotz der Probleme mit seiner Grösse bezahlt Berkshire keine Dividenden an seine Aktionäre aus – diese haben einen entsprechenden Vorschlag für solche Ausschüttungen im Jahr 2014 noch verworfen. Im letzten Jahr hat Berkshire immerhin Aktien im Umfang von 1,3 Milliarden Dollar zurückgekauft. Buffetts Aussage im Interview, dass auch eine Zeit kommen könnte, in der er für 100 Milliarden Dollar Aktien zurückkaufen könnte, hat sofort für Schlagzeilen auf den Finanzportalen gesorgt.

Erstellt: 29.04.2019, 12:56 Uhr

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