Schweizer Ampel soll «leicht verständlich» sein

Alain Berset setzt sich dafür ein, dass Konsumenten mit einem Blick auf die Verpackung erkennen, wie gesund ein Produkt ist.

Hat sich in Frankreich auf Lebensmitteln durchgesetzt: Die Nutri-Score-Ampel. Foto: Getty Images

Hat sich in Frankreich auf Lebensmitteln durchgesetzt: Die Nutri-Score-Ampel. Foto: Getty Images

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Auf der Rückseite von Verpackungen ist fein säuberlich aufgelistet, wie viel Zucker, Fette oder Salz Lebensmittel wie etwa Joghurt oder Müesli enthalten. Aber wer liest das schon? Eine farbige Ampel müsse her, die die Konsumenten von Grün über Orange bis Rot informiere, wie empfehlenswert der Verzehr eines Lebensmittels sei, fanden Nestlé, Coca-Cola, Unilever, Mondelez und Pepsico.

Anfang 2019 sollte ihre Ampel auf ersten Produktpackungen zu sehen sein. Das Projekt scheiterte jedoch, die fünf Foodkonzerne liessen Mitte November die Ampel mangels Akzeptanz bei Konsumenten und Regierungen fallen.

Einzig Coca-Cola hält auf Anfrage daran fest, die Ampel «versuchshalber» aufs Etikett zu drucken. Jetzt sei die Politik gefragt, heisst es bei Nestlé. Der Konzern forderte die EU-Behörden auf, sich auf eine europaweite Lösung zu einigen. Ampel rot, Thema tot?

Danone prescht vor

Ausgerechnet ein weiterer Foodriese tritt nun als Spielverderber auf. Danone führt nach Neujahr schrittweise eine Ampel auf all seinen Milchprodukten in der Schweiz ein, danach zusätzlich in Belgien und Deutschland. Der Multi setzt dabei auf die Ampel Nutri-Score, die sich im französischen Heimmarkt des Unternehmens bewährt hat.

Ein Plan, der Gesundheitsminister Alain Berset gefällt. Konsumenten brauchten eine einfache Lösung. «Ich begrüsse es deshalb, dass nun auch in der Schweiz ein System eingeführt wird, das Lebensmittel als Ganzes bewertet», sagte Berset diese Woche dem «Migros-Magazin». Das System sei nicht nur für die Kundschaft nützlich, sondern auch für andere Akteure, die so vielleicht inspiriert würden.

Das Lob des Schweizer Bundespräsidenten lässt aufhorchen. Danone hat die Ampel Nutri-Score bloss übernommen, lanciert wurde sie von der französischen Regierung. Berset schwebt offenbar ein ähnliches Vorgehen vor, mit dem Paris vor gut einem Jahr gegen 100 der wichtigsten Foodhersteller und Handelsketten für die freiwillige Übernahme des Standards der Ampel Nutri-Score gewann. Frankreich verhinderte so, dass ein Wildwuchs unterschiedlicher Standards die Konsumenten verwirrt.

Die französische Ampel ist inzwischen von Belgien übernommen worden und von Spanien, wo 500 Hersteller mit 3500 Produkten mitmachen. In den Niederlanden ist Nutri-Score in Diskussion, in Portugal prüft der Handel die Einführung der Ampel.

Nun wird Gesundheitsminister Berset in der Schweiz aktiv. «Die Zulassung einer farbkodierten Nährwertkennzeichnung auf der Vorderseite der Verpackung wird aktuell diskutiert», sagt Nathalie Rochat vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit. Mit Zulassung ist gemeint, dass Berset prüfen lässt, «ob ein System wie Nutri-Score gemäss dem aktuellen Lebensmittelrecht zulässig ist oder nicht».

In Frankreich ist die Lebensmittelampel freiwillig, sie wurde aber von Wissenschaftlern erarbeitet. Befürworter sagen, sie sorge für einheitliche Qualitätsvorgaben. Nutri-Score begnüge sich nicht, Stoffe wie Zucker, Salz oder Industriefett kritisch zu würdigen. Denn sie wertet für die Gesundheit günstige Zutaten positiv, etwa wenn Früchte oder Ballaststoffe beigemischt werden oder Vollkornmehl verwendet wird.

Kompliziert soll die Schweizer Ampel nicht werden. «Wichtig ist uns, dass eine einheitliche Lösung gefunden wird, die von den Konsumenten gut verstanden und akzeptiert wird», sagt Rochat vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit.

«Die Dinge kommen langsam in Bewegung», sagt dazu Barbara Pfenniger vom Westschweizer Konsumentenverband FRC. Es sei gut möglich, dass das Scheitern von Nestlé, Coca-Cola, Unilever, Mondelez und Pepsico den Weg frei macht für eine Ampel, die «leicht verständlich und aussagekräftig ist». Berset solle die Chance nutzen.

Lob für Nutri-Score

«Der Bund sollte sich entscheiden, welche vereinfachte Nährwertdeklaration er unterstützen will, dann die Lebensmittelindustrie sowie den Handel dafür gewinnen und sie bei der Umsetzung unterstützen», sagt Pfenniger. Und er sollte nach Einführung einer Ampel «die korrekte Deklaration kontrollieren, etwa durch die Lebensmittelinspektoren der Kantone». Nutri-Score sei eine «effektive Ampel», ein valabler Kandidat für einen Schweizer Standard.

In der EU scheiterte eine Ampel 2010 am Widerstand der Industrie. Nun wird Brüssel wieder aktiv: Anfang 2019 wird eine Auslegeordnung veröffentlicht, danach soll die Diskussion über eine europaweite Ampel starten.

Migros, Coop und Emmi waren bisher gegen eine Ampel. Das kann die Westschweizer Konsumentenschützerin Pfenniger nicht verstehen: «Viele Schweizer Hersteller haben grössere Anstrengungen als das Ausland unternommen, die Lebensmittelqualität zu verbessern. Eine Ampel würde ihre Anstrengungen, bessere Lebensmittel zu produzieren, ja gerade sichtbar machen.»

Erstellt: 22.12.2018, 07:56 Uhr

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