Bussen von Novartis sprengen die Milliardengrenze

Der 390 Millionen Dollar schwere Vergleich ist nur der jüngste in einer Reihe von Rechtsfällen in den USA. Droht sogar noch mehr? Ein wichtiger Entscheid steht noch offen.

Novartis hat in einen 390 Millionen Dollar schweren Deal mit der US-Jusitz eingewilligt: Konzernchef Joe Jimenez an der diesjährigen Generalversammlung in Basel.

Novartis hat in einen 390 Millionen Dollar schweren Deal mit der US-Jusitz eingewilligt: Konzernchef Joe Jimenez an der diesjährigen Generalversammlung in Basel. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Das Thema Bussen in den USA wird in der Schweiz vor allem mit den Banken in Verbindung gebracht. Den Rekord hält die Credit Suisse, die 2014 zur Beilegung des Steuerstreits 2,8 Milliarden Dollar nach Amerika überweisen musste. Da nimmt sich die Strafzahlung von Novartis in der Höhe von 390 Millionen Dollar direkt bescheiden aus. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Pharmakonzern in den USA wiederholt zur Kasse gebeten wurde.

Seit 2010 musste Novartis für grössere Fälle über 1,2 Milliarden Dollar an Bussen zahlen. Der jüngste Vergleich mit der US-Justizbehörde in der Höhe von 390 Millionen Dollar ist der zweithöchste Betrag. Noch mehr bezahlte das Unternehmen 2010. Damals wurden 422 Millionen Dollar fällig, weil Novartis Ärzten für drei Bluthochdruckmittel Kickbacks offeriert hatte. Vereinfacht gesagt, handelte es sich dabei um Boni, damit Ärzte statt günstiger Medikamente der Konkurrenz oder Generika die Novartis-Präparate verschrieben.

Dies ist besonders unangenehm, da es laut der Anklage auch beim aktuellen Fall um solche Kickback-Zahlungen geht. Der Pharmakonzern soll seit 2004 acht Apothekenketten angestiftet haben, Patienten auf Medikamente von Novartis zu lenken. Die US-Justiz wirft dem Unternehmen vor, dabei Kickbacks als erfolgsorientierte Rabatte und Discountpreise kaschiert zu haben. In einem Fall offerierte Novartis einer Apotheke in Los Angeles einen «Bonus» von fünf Prozent auf den Umsatz des Präparats Myfortic in einem Jahr. Im Gegenzug sollten 700 bis 1000 Patienten auf das Medikament umgestellt werden.

Was droht vom Gesundheitsministerium?

Novartis könnte damit als Wiederholungstäterin gelten. Ob sich dies lediglich auf die Bussenhöhe auswirkt oder weitergehende Folgen hat, ist noch unklar. Neben den Justizbehörden ist auch das Gesundheitsministerium in den Vergleich involviert. Dieses kann Novartis weitergehende Auflagen machen – bis hin zum Ausschluss aus den staatlichen Krankenversicherungen Medicare und Medicaid.

Allerdings ist es zweifelhaft, dass die US-Behörden zu dieser drastischen Massnahme greifen werden. Ein Ausschluss wird in der Regel nur verfügt, wenn ein Pharmakonzern die Sicherheit der Patienten schwerwiegend gefährdet hat. Wie einschneidend die Auflagen des Gesundheitsministeriums sind, wird sich noch zeigen müssen. Sollten diese für Novartis zu beträchtlich sein, kann das Unternehmen den Deal platzen lassen, denn der Vergleich ist noch nicht rechtlich bindend. In diesem Fall müsste Novartis vor Gericht.

Ursprünglich drohte Novartis eine Busse von 3,4 Milliarden Dollar. Wie bereits bei den Schweizer Banken war diese hohe Zahl ein Druckmittel der US-Justiz, um den Pharmakonzern zu einem Vergleich zu drängen. Die Strategie ist nun aufgegangen.

Auch in Japan Probleme

Das Unternehmen ist nach wie vor der Ansicht, nichts Unrechtes getan zu haben. «Eine Haftung erkennen wir weder an, noch lehnen wir sie ab», sagt ein Sprecher. Novartis bleibt der Meinung, dass die im vorliegenden Fall involvierten Spezialapotheken eine wesentliche Rolle bei der Therapietreue und Unterstützung der Patienten spielen.

Auch ausserhalb der USA hat Novartis mit Rechtsfällen zu kämpfen. Besonders unangenehm ist ein Fall in Japan, der Anfang Jahr zu einem zweiwöchigen Geschäftsverbot im Land führte. Der Grund: Das Unternehmen hatte den Gesundheitsbehörden ernste Nebenwirkungen seiner beiden Leukämiemittel nicht rechtzeitig gemeldet. Im vergangenen Jahr wurde zudem ein ehemaliger Mitarbeiter wegen Falschinformationen zur Wirksamkeit des Blutdrucksenkers Diovan angeklagt.

Jimenez fordert Nulltoleranz

Insgesamt fällt auf, dass sich Novartis in der jüngeren Vergangenheit weit häufiger Rechtsfälle eingehandelt hat als Lokalrivale Roche. Novartis-Chef Joe Jimenez hat denn auch ein Jahr nach seinem Amtsantritt 2011 seinen Mitarbeitern ins Gewissen geredet. «Wir tolerieren schlicht kein Verhalten, das unseren Werten und gesellschaftlichen Normen widerspricht», schrieb er in einem Brief an seine Mitarbeiter. Gleichzeitig gab er darin bekannt, mehrere Bereichsleiter entlassen zu haben.

Viele der Rechtsfälle hatten ihren Anfang während der Amtszeit von Vorgänger Daniel Vasella. Im vorliegenden Fall reichten die Zahlungen an Apotheker bis ins Jahr 2013, als Jimenez bereits längst im Amt war.

Novartis kann sich immerhin damit trösten, dass sie nicht den Bussenrekord in den USA hält. Diese zweifelhafte Ehre gebührt dem britischen Pharmakonzern GlaxoSmithKline. Dieser musste 2012 eine Strafzahlung von 3 Milliarden Dollar leisten. Das Unternehmen bewarb mehrere Medikamente auch für den Einsatz gegen Krankheiten, für die die Präparate gar nicht zugelassen waren. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2015, 12:21 Uhr

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