Chinesischer Tech-Riese sucht in der Schweiz 1000 Forscher

In den USA steht Huawei auf einer schwarzen Liste. Nun sieht sich die Firma nach Alternativen um. Warum gerade in der Schweiz?

Investiert mehrere Hundert Millionen Franken in der Schweiz: Huawei-Chef Ren Zhengfei, hier am WEF in Davos im Januar 2015. Foto: Jean-Christophe Bott, Keystone

Investiert mehrere Hundert Millionen Franken in der Schweiz: Huawei-Chef Ren Zhengfei, hier am WEF in Davos im Januar 2015. Foto: Jean-Christophe Bott, Keystone

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Der Handelskrieg zwischen den USA und China bringt eine unerwartete Gewinnerin hervor: die Schweiz. Google hat in Zürich bereits die grösste Niederlassung ausserhalb der USA angesiedelt. Nun folgt ausgerechnet Huawei, jener chinesische Tech-Riese, den US-Präsident Donald Trump noch vor kurzem auf eine schwarze Liste gesetzt hatte. Huawei hatte im Mai angekündigt, in der Schweiz diverse Forschungszentren eröffnen und dazu 1000 Wissenschaftler anheuern zu wollen. Mehrere Hundert Millionen Franken will der Telecomausrüster dafür investieren.

Derzeit ist Huawei daran, die Details auszuarbeiten. Zunächst will der Konzern 20 bis 30 Forschungsthemen definieren. Pro Gebiet sollen bis zu 50 Forscherinnen und Forscher arbeiten, was zum Total der angekündigten 1000 Wissenschaftler führt. «In einem ersten Schritt müssen wir die Forschungsthemen finden», sagt Felix Kamer, Vizechef von Huawei Schweiz.

Im Vordergrund sollen Ge­biete wie Materialwissenschaft, ­Informationstechnologie und ­Mikroelektronik stehen. Es sind Bereiche, in denen die Schweiz weltweit Pionierin ist und die für die Telekommuni­kation von Bedeutung sind. «Bis Ende Jahr wollen wir die ersten vier bis fünf Themen festgelegt haben», sagt Kamer zum Zeitplan.

Über das Land verteilt

Beispiel Materialwissenschaft: Hier verweist Vizechef Kamer auf die ­führende Rolle der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Die An­sprüche an Werkstoffe für Smartphones steigen. So beschäftigt die Hersteller, wie sie robustere Materialien entwickeln können, die gleichzeitig durchlässiger sind für einen besseren Empfang der Mobilfunksignale.

Beispiel Informationstechnologie: «Uns interessiert der Umgang mit enormen Datenmengen», sagt Kamer. «Wie können wir eine grosse Fülle an unstrukturierten Daten komprimieren und speichern?» Das hat mit den Möglichkeiten des aufkommenden Mobilfunkstandards 5G zu tun. Das Stichwort lautet Internet der Dinge, die Netze werden in neuem Ausmass Maschinen miteinander verbinden.

Program­me im Hintergrund werden es beispielsweise in der Industrie erlauben, gesammelte Daten über den Zustand einer Produktionsanlage fast in Echtzeit auszuwerten und bei der Herstellung automatisierte Entscheidungen zu treffen.

Interesse könnte auch am Rechenzentrum bestehen

Beispiel Mikroelektronik: Hier geht es um Dinge wie Chipdesign. Die Absicht von Huawei ist klar: Die Firma will ihre Abhängigkeit von Chip-Zulieferern aus den USA verringern. Diese Herangehensweise hat zur Folge, dass Huawei die Forschungsschwerpunkte über die ganze Schweiz verteilt und nicht an einem einzigen Ort konzentriert. Das Un­ternehmen geht dorthin, wo es das gesuchte Wissen findet. Gesetzt sind Zürich und Lausanne mit ihren Eidgenössischen Technischen Hochschulen.

Aber auch Einrichtungen wie die Universität Bern, das Paul-Scherrer-Institut im Kanton Aargau sowie das nationale Hochleistungsrechenzentrum im Tessin haben gute Chancen, von Huawei angefragt zu werden. Die Materialprüfungsanstalt, das Paul-Scherrer-Institut sowie das Hochleistungsrechenzentrum gehören zum Universum der Eidgenössischen Technischen Hochschulen.

Gemeinsam forschen

In Bern steht eher Grundlagenforschung im Vordergrund, etwa in der erweiterten Medizinaltechnik: Wie können akustische Signale drahtlos vom Smartphone ins Ohr übertragen werden – und das mit möglichst kleinen und bequemen Kopfhörern? Ähnliche Fragen stellen sich auch bei der Entwicklung von Hörgeräten.

Auf Anfrage teilt die Univer­sität Bern mit, sie habe bislang noch keine Anfrage von Huawei erhalten. Die Zusammenarbeit zwischen dem Konzern und den Hochschulen ist so geregelt, dass die Resultate von Forschungsarbeiten beiden Partnern gehören. Kommt es zu einer kommerziellen Nutzung von gemeinsam entwickelten Produkten, vereinbaren die beteiligten Parteien die ­Abgeltung.

Die Schweiz als Forschungsstandort macht aus Sicht von Huawei aus mehreren Gründen Sinn. Das Unternehmen kann so seine Forschung und Entwicklung dem Einfluss von ab­lehnend ­eingestellten Nationen entziehen. So werfen die USA und westliche Verbündete ­Huawei Spionage vor.

Weltweit führend

Auch andere Länder profitieren: In Paris holt sich Huawei Inspiration für das Design von Smartphones. In Moskau arbeitet Huawei mit russischen Mathematikern daran, Algorithmen zu verbessern.

Zudem ist die Schweiz ein weltweit führender Standort für Forschung und Innovation. Deshalb ist auch Google schliesslich hier. Und die Tatsache, dass Swisscom, Sunrise und Salt gute Kunden der Chinesen sind und Huaweis Technik für ihre Netze nutzen, dürfte sicher auch nicht schaden bei der Standortwahl.

Erstellt: 05.07.2019, 09:27 Uhr

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