Coca-Cola hat zu dick aufgetragen

Die Forschungschefin des Milliardenkonzerns muss gehen – wegen einer äusserst fragwürdigen PR-Kampagne.

Coca-Cola ist in der Defensive: Ex-Forschungschefin Rhona Applebaum. Foto: PD

Coca-Cola ist in der Defensive: Ex-Forschungschefin Rhona Applebaum. Foto: PD

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Rhona Applebaum zahlt mit ihrer Kündigung den Preis für eine irreführende und von prominenten Forschern mitgetragene Werbeoffensive: Der Konsum von Süssgetränken und die epidemische Zunahme von übergewichtigen und diabeteskranken Menschen hätten keinen direkten Zusammenhang. Vielmehr könnten Gesundheitsschäden mit regelmässiger Bewegung vermieden werden.

Diese beschönigende Behauptung ­gehört seit langem zum PR-Arsenal des Süssgetränkekonzerns. Neu aber war der Versuch der Forschungschefin, dafür angesehene Wissenschaftler einzuspannen, sie zu zahlen und dies geheim halten zu wollen. Der Konzern hatte den Leiter des Medizinischen Instituts der Universität von Colorado, James Hill, vor drei Jahren für eine neue Werbeoffensive gewonnen und ihm dafür eine Million Dollar überwiesen. Zwei weitere Professoren mit dem Fachgebiet Fettsucht wurden für 500'000 Dollar angeheuert. Eine Fülle von E-Mails zwischen Applebaum und Hill verdeutlicht nach Angaben der Nachrichtenagentur AP nun den Zweck der Übung. Hill versichert zu Beginn gegenüber Applebaum, er wolle Forschungsprojekte «spezifisch im Interesse von Coke» an die Hand nehmen. Denn: «Es ist unfair, wenn Coca-Cola als Bösewicht Nummer eins in der Welt der Fettleibigkeit dargestellt wird. Ich will zeigen, dass das Unternehmen den Menschen auch Freude bringt.»

Doppelbödigkeit als Prinzip

Applebaum äussert sich hoch zufrieden und spricht davon, «Vernunft und gesunden Menschenverstand» in die Debatte zu bringen. «Wie in einer politischen Kampagne wollen wir eine starke und vielschichtige Strategie führen und damit die radikalen Organisationen kontern.» Unter den Radikalen versteht sie die Mehrheit der Forschungsgemeinde, für die klar ist, dass der übermässige Konsum von Kalorien – gerade in Form von gezuckerten Getränken – ein Hauptgrund der Fettsucht und der Diabetes-Epidemie und der Bewegungsmangel ein Nebenfaktor ist. So zeigen aktuelle Studien in den USA, dass Übergewichtige in einem Jahr nur 2,5 bis 3,5 Pfund verlieren, wenn sie Sport treiben, aber gleich viel konsumieren. Andererseits entwickeln Forscher, die von der Süssgetränkeindustrie finanziert werden, eine nachprüfbare Befangenheit. Die Chance, dass sie einen Zusammenhang zwischen zu viel Süssem und zu hohem Gewicht finden, ist fünfmal geringer als bei neutralen Forschern.

Coca-Cola versuchte zunächst, die Verbindung zu den drei Professoren zu vertuschen. Doch als die Kampagne unter dem Namen «Global Energy Balance Network» startete und die «New York ­Times» die Zusammenhänge aufdeckte, kam aus, dass der Konzern die Professoren selber ausgewählt und «aus Versehen» dies nicht publik gemacht hatte. Hill selber sieht nichts Bedenkliches in seiner Rolle als PR-Berater. «Wir bestimmen, was läuft, nicht sie», sagt er. Doch seine Universität bekam kalte Füsse und schickte Coca-Cola kürzlich eine Million Dollar zurück. Man erwarte von den Professoren, dass sie «ohne Bevorzugung einer bestimmten Sichtweise» forschten, erklärte die Hochschule nur, ohne Hill weiter zu behelligen.

Coca-Cola fährt seit Jahrzehnten auf der Ablenkungsschiene. Schon 1961 versicherte ein Filmsternchen in einem Fernsehspot, sie habe dank Coke abgenommen. Heute sehen sich Konzerne wie Coca-Cola und Pepsi allerdings in der Defensive. Schulen entfernen mehr und mehr Junkfood-Automaten aus ihren Anlagen, und Politiker denken laut über Sondersteuern nach. Auch ist der Absatz zuckerhaltiger Getränke in den USA in den letzten 20 Jahren schon um ein Viertel gesunken. Der Marktwert von Coca-Cola liegt deshalb heute nicht höher als 1998. Pepsi dagegen legte zu, weil das Sortiment erweitert wurde.

Die Getränkeindustrie steht allerdings nicht allein da, wenn es um das Verharmlosen und Täuschen geht. Die Tabakindustrie wurde in den USA für ihre Lügenwerbung bereits mit Bussen von mehr als 200 Milliarden Dollar bestraft. Ölkonzerne wie Exxon inszenierten trotz besserem Wissen eine Verwirrungskampagne zum Klimawandel und wurden in einen Strudel von Klagen gerissen. Auch Warren Buffett sieht sich dem Vorwurf der Doppelbödigkeit ausgesetzt. Hedgefonds-Manager Bill Ackman sagte kürzlich, er habe ein Problem mit dem als Saubermann geltenden Buffett und dessen Beteiligung im Wert von 16 Milliarden Dollar an Coke. «Coca-Cola hat vermutlich mehr als jedes andere Unternehmen zur Verbreitung der Fettsucht und von Diabetes beigetragen.»

Erstellt: 25.11.2015, 22:56 Uhr

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