Coople krempelt Temporärarbeit um

Viktor Calabro versucht an diversen Fronten, die Benachteiligungen von flexibler Beschäftigung auszumerzen.

Auch Stunden- oder Tageseinsätze: In der Gastronomie ist der «Just in time»-Peronalverleih von Coople begehrt. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Auch Stunden- oder Tageseinsätze: In der Gastronomie ist der «Just in time»-Peronalverleih von Coople begehrt. Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Flexibles Arbeiten hat keinen guten Ruf. Auch nicht hierzulande, wo der Arbeitsmarkt vergleichsweise weniger stark reglementiert ist. Vor allem von Arbeitnehmervertretern werden flexible Arbeitsformen häufig gleichgesetzt mit der Umgehung von Arbeitsschutzbestimmungen, dem Wegfall sozialer Sicherungssysteme und prekären Anstellungsbedingungen.

Das färbt negativ auf das Image von Temporärarbeitsfirmen wie Adecco, Manpower und anderen ab. Unter besonderer Beobachtung steht das Zürcher Unternehmen Coople: Es reklamiert für sich, der weltweit erste Anbieter für «Just in time»-Personalverleih zu sein. Arbeitgeber mit einem kurzfristigen und/oder kurzzeitigen Personalbedarf finden via Coople Arbeitskräfte für Tages- oder Stundeneinsätze.

«Verdächtig» macht sich Coople auch dadurch, dass es seine Jobvermittlungen ausschliesslich über eine digitale Plattform abwickelt. Arbeitgeber müssen einen (kostenlosen) Firmen-Account erstellen, Arbeitsuchende sich über eine App registrieren. Wie bei einer Online-Partnervermittlung bringen Algorithmen die beiderseitigen Wünsche in Übereinstimmung. Bewerbungsgespräche gibt es nicht.

Einer der grössten Arbeitgeber im Land

Da liegt es nahe, das Geschäftsmodell von Coople mit jenem des US-Fahrdienstvermittlers Uber gleichzusetzen. Das aber wäre ein Fehlschluss. Uber weigert sich beharrlich, die Fahrer, die sich auf der Firmenplattform registriert haben, als seine Arbeitnehmer zu akzeptieren. Ganz anders Coople. «Die Leute, die wir aus unserem Pool als Temporärarbeitskräfte vermitteln, sind bei uns angestellt», sagt Verwaltungsratspräsident Viktor Calabro. «Dementsprechend rechnen wir für sie alle Sozialversicherungsbeiträge ab.»

Viktor Calabro, Präsident und Mitbegründer von Coople. Foto: PD

Coople als einen der grössten Arbeitgeber in der Schweiz zu bezeichnen, sei deshalb keineswegs abwegig, betont Calabro. Der Jobvermittler kann in der Schweiz auf ein Reservoir von etwa 250'000 registrierten Arbeitnehmenden zugreifen – «und jeden Monat kommen 5000 bis 10000 dazu», ergänzt der 42-jährige Coople-Präsident, der seine berufliche Laufbahn als Programmierer bei der UBS begann. In Grossbritannien, dem zweiten Markt neben der Schweiz, verfügt das Unternehmen über einen Pool von rund 100'000 Personen.

Ein Grossteil der von Coople vermittelten Temporärarbeitskräfte arbeitet bevorzugt stundenweise. Laut Calabro dauert der durchschnittliche Einsatz von Leuten aus dem Schweizer Coople-Pool 12 bis 14 Stunden pro Auftrag. Bei herkömmlichen Vermittlern von Zeitarbeit beträgt die mittlere Einsatzdauer rund drei Monate.

Wachstum bringt Schwierigkeiten mit sich

Das rasante Wachstum des Beschäftigtenpools ist für Calabro der «unwiderlegbare Beweis» für das verbreitete Bedürfnis nach flexibler Arbeit. Das gelte nicht nur für Arbeitgeber, die (unvorhersehbare) Engpässe rasch und unkompliziert abdecken wollten. Auch unter den Arbeitnehmenden wachse die Zahl derer, die selber bestimmen wollten, wann, wo und wie viel sie arbeiteten. Der Fokus liegt dabei auf den Branchen Hotellerie, Gastronomie und Events, Detailhandel und Promotion sowie Logistik und Aviatik.

Entsprechend steil ist Cooples Expansionspfad. «Wir sind in einer Phase», so Calabro, «in der wir unseren Umsatz jedes Jahr verdoppeln.» Zahlen will er nicht nennen, aber 50 bis 100 Millionen Franken Erlös dürften es sein. Das Unternehmen beschäftigt rund 180 Mitarbeitende. Davon entfallen 95 auf die Schweiz, der Rest auf Grossbritannien – und Weissrussland, wo Coople IT-Experten rekrutiert.

Das ungestüme Wachstum des Unternehmens, das Calabro und zwei Partner 2009 anfänglich unter dem Namen Staff Finder gründeten, bringt spezielle Herausforderungen mit sich. «Wir sehen uns in der Pflicht, möglichst vielen Mitgliedern unseres Pools sichere Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten», sagt Calabro. «Deren Bedürfnisse sind aber extrem unterschiedlich. Gleichzeitig verändert sich das gewünschte Arbeitspensum fortlaufend je nach Lebenssituation, familiären Verhältnissen oder Ausbildungszyklen.»

«Diskriminierung von flexibler Arbeit»

Wie viele bei Coople registrierte Arbeitnehmende kommen heute mit dieser Beschäftigungsform auf eine gesicherte Existenz? Calabro vermeidet dazu eine konkrete Aussage: «Für einige Leute trifft das bestimmt zu. Sie werden so regelmässig angefragt und angestellt, dass ich von einer sicheren Beschäftigung sprechen würde.»

Als grösste Hürde erachtet der Coople-Präsident die «fortwährende Diskriminierung von flexibler Arbeit». Ob Versicherungen, Sozialleistungen, Aus- und Weiterbildungen oder Transport – «stets müssen jene Arbeitskräfte Benachteiligungen in Kauf nehmen, die flexible Modelle bevorzugen», moniert Calabro. «In der Politik sehe ich leider kaum Bereitschaft, diesbezüglich etwas zu ändern.»

Umso wichtiger ist für Innovatoren wie den Coople-Mitgründer der liberale Arbeitsmarkt in der Schweiz. «Dieser gibt uns Spielraum, bestehende Regelungen so abzuändern, dass negative Nebenwirkungen für flexible Beschäftigte abgemildert werden können», ergänzt Calabro. Als Beispiel greift er die berufliche Vorsorge heraus: «Für unsere Arbeitnehmer rechnen wir Beiträge an die zweite Säule ab der ersten Stunde ab. Sie sind also bessergestellt als im Standardmodell, wo die Beiträge erst nach dem Koordinationsabzug fällig werden.»

Da Coople als Mitglied des Branchenverbands Swissstaffing dem Personalverleih-Gesamtarbeitsvertrag unterstellt ist, stehen seinen vermittelten Arbeitskräften Möglichkeiten zur Weiterbildung offen. Anspruch auf finanzielle Unterstützung durch Temptraining – den Weiterbildungsfonds der Temporärbranche – hat nach Aussage von Calabro, wer mehr als 352 Stunden durch die Vermittlung von Coople gearbeitet hat.

Spezielle Bahntarife für Temporärbeschäftigte?

Auch mit den SBB ist der Coople-Präsident im Gespräch, um kostengünstigere Bahntarife für seine Temporärarbeitskräfte zu ermöglichen. Da sie – anders als Festangestellte – stets zu einem anderen Arbeitsort reisen müssen, schwebt Calabro ein bereits in Grossbritannien praktiziertes Modell vor, bei dem jeweils erst im Rückblick auf die gefahrenen Strecken der billigste Tarif angewandt wird.

«Wir müssen endlich dahin kommen, dass die Menschen zwischen einer Festanstellung und flexiblen Arbeitsverhältnissen frei wählen – und jederzeit vom einen zum andern wechseln können», sagt Calabro. «Gelingt es uns, all diese Hürden für flexibles Arbeiten abzubauen, wird sich diese Beschäftigungsform noch viel stärker verbreiten.»

Erstellt: 14.06.2019, 21:06 Uhr

Temporärbranche spürt konjunkturellen Gegenwind

Erstmals seit über vier Jahren verzeichnete die Schweizer Temporärbranche einen Rückgang: Im ersten Quartal 2019 sank die Zahl der von Zeitarbeitskräften geleisteten Arbeitsstunden um
1,3 Prozent, verglichen mit dem gleichen Vorjahresquartal. Der entsprechende, vom Branchenverband Swissstaffing erhobene Index setzte damit seinen steilen Abwärtstrend fort. Nimmt man noch den April hinzu, ist die Zahl der geleisteten Einsatzstunden im Vorjahresvergleich um 2 Prozent zurückgegangen.
Im ersten Jahresviertel 2018, auf dem Höhepunkt des Konjunkturzyklus, hatte der Index mit einem gut 15-prozentigen Plus den höchsten je gemessenen Anstieg ausgewiesen. Doch ab Mitte vergangenen Jahres kühlte sich die Schweizer Wirtschaft deutlich ab – und die Temporärbranche stellte ihre hohe Konjunkturempfindlichkeit einmal mehr eindrücklich unter Beweis. (rm.)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Wollen Sie einen echten Cyborg treffen?

Ihnen gehen Technik und Innovation unter die Haut? Gewinnen Sie 2x2 VIP-Tickets für die Volvo Art Session.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...