«Dafür sind Apotheker nicht ausgebildet»

Wer sich zuerst beim Apotheker beraten lässt, soll hohe Rabatte erhalten. Die Ärzte reagieren kritisch auf das neue Modell, die Apotheker verstehen die Aufregung nicht.

Ob Patienten dafür belohnt werden sollen, dass sie als Erstes in die Apotheke gehen statt zum Arzt, sorgt für Diskussionsstoff: Eine Apothekerin verkauft Medikamente in der Apotheke am Bellevue.

Ob Patienten dafür belohnt werden sollen, dass sie als Erstes in die Apotheke gehen statt zum Arzt, sorgt für Diskussionsstoff: Eine Apothekerin verkauft Medikamente in der Apotheke am Bellevue. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Vorstoss der Swica sorgt für Diskussionsstoff. Die Krankenkasse will ab kommendem Jahr ein neues Versicherungsmodell anbieten, bei dem die Patienten zunächst die Apotheke aufsuchen und den vorgängigen Arztbesuch weglassen sollen. Dies berichtet die Zeitung «Schweiz am Sonntag». Mit dem neuen Modell sollen den Versicherten Rabatte von rund 19 Prozent gewährt werden – zumindest in den Kantonen Zürich und Aargau.

Innerhalb der Ärzteschaft kommt das neue Modell schlecht an. «Mit diesem Modell weichen die Apotheker von ihrer Forderung ab, wonach die Ärzte für die Diagnose der Patienten zuständig sind und die Apotheker für die Abgabe der Medikamente», sagt Marc Müller, Präsident des Verbands Hausärzte Schweiz. Letztlich seien die Apotheker nicht für die Diagnostik ausgebildet. Das neue Modell sei daher erst dann zulässig, wenn die Apotheker für die Diagnose der entsprechenden Krankheiten ausgebildet worden seien. Ohnehin sei er gespannt, bei welchen Krankheiten und in welchen Situationen das Modell angewandt werden soll.

Ein gewichtiges Problem werde mit dem Modell ohnehin nicht gelöst. Heute kämen viele Patienten auf Drängen des Arbeitgebers zum Arzt, da Firmen schon nur wegen einer eintägigen Abwesenheit ein Arztzeugnis verlangten.

Werden Einsparungen wieder zunichtegemacht?

Müller fragt sich zudem, ob die Rechnung für die Kassen unter dem Strich aufgehe. Schliesslich bezahlten die Patienten heute die Medikamente für die Behandlung von Bagatellkrankheiten wie Erkältungen oder Heuschnupfen meist aus der eigenen Tasche. Wenn das nun künftig von der Kasse bezahlt werde, führe dies unweigerlich zu einem Kostenschub und könne die erhofften Einsparungen wieder zunichtemachen.

Etwas gelassener zeigt sich die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich. «Bereits heute suchen viele Patienten die Apotheke auf, um Bagatellfälle zu behandeln», sagt Josef Widler, Präsident der Gesellschaft. Er fragt sich deshalb, ob mit diesem Modell künftig erheblich mehr Patienten in die Apotheke gehen.

Offen sei, wie diese neue Dienstleistung bezahlt werde. Er könne sich angesichts der heutigen Gesetzeslage nur schwer vorstellen, dass dies im Rahmen des Krankenversicherungsgesetzes abgerechnet werde. Schliesslich stelle sich die Frage, ob mit dem neuen Modell tatsächlich Kosten eingespart würden. Um diese Frage zu beantworten, sei eine Begleitstudie notwendig. Ohnehin befürchtet Widler, dass die Patienten zwar zuerst eine Apotheke aufsuchen, schliesslich aber dann doch noch zum Arzt gehen.

Ärzte auf die anspruchsvollen Fälle konzentrieren

Die Apotheker haben kein Verständnis für die Bedenken der Ärzte. «Ich erachte es als sinnvoll, dass die Patienten in der Apotheke anhand des Schweregrads ihrer Krankheit unterteilt werden», sagt Florian Meier, Geschäftsleiter der Adler-Apotheke in Winterthur. «Mit dieser ersten Triage können die chronisch überlasteten Hausärzte und Spitäler entlastet werden, indem sie sich nicht mehr mit Bagatellfällen herumschlagen müssen.»

Inzwischen verfügten viele Apotheken über gesonderte Räume, wo Patienten mit der nötigen Vertraulichkeit beraten werden können, sagt Meier. In der eigenen Apotheke verfüge man zudem über einen Therapieraum, wo einfache Untersuchungen wie etwa das Messen des Cholesterinspiegels oder des Blutdrucks gemacht werden können.

Die Gefahr, dass Untersuchungen doppelt vorgenommen werden, wenn der Patient erst zum Apotheker und dann zum Arzt geht, sieht Meier nicht. «Sobald wir sehen, dass es sich nicht um einfache Erkrankungen wie eine Erkältung oder Heuschnupfen handelt, leiten wir die Patienten an die richtige Stelle weiter.» Es sei doch toll für die Ärzte, wenn sie sich künftig nur noch um die anspruchsvolleren Fälle kümmern müssten.

Direkt in die Apotheke statt auf den Notfall

Für Apotheker gehöre die Beratung von Patienten, die unter weniger schwerwiegenden Krankheiten wie Erkältungen oder Grippen leiden, zum Alltag, sagt Roman Schmid, Inhaber der Bellevue-Apotheke in Zürich. Dies sei gerade dann der Fall, wenn Apotheken, wie die eigene, an 365 Tagen pro Jahr geöffnet seien.

Zudem könnte das neue Modell einen Anreiz für jene Leute bieten, die heute oft für Bagatellfälle in den Notfall eines Spitals gehen. Gerade Ausländer, die mit dem Hausarztmodell der Schweiz weniger vertraut seien, würden ins Spital gehen und dann die Medikamente in der Apotheke beziehen. «Würden diese Patienten direkt zu uns kommen, liesse sich viel Geld sparen», sagt Schmid.

Wie rasch das Modell Verbreitung findet, ist offen. Die Helsana etwa plant kein solches Modell. «Wir begrüssen aber grundsätzlich solche Angebote, welche die Hausärzte von Bagatellfällen entlasten und zur Kostensenkung beitragen», sagt Sprecher Stefan Heini. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2015, 16:54 Uhr

Artikel zum Thema

Billigere Krankenkassenprämien für Apothekenbesucher

Wer sich zuerst beim Apotheker beraten lässt, soll rund 19 Prozent weniger bei der Grundversicherung berappen. Der Ärzteverband kritisiert das neue Versicherungsmodell. Mehr...

Die Gesundenkasse

Keine Krankenkasse wächst so erfolgreich wie die Assura – dieses Jahr zählt sie fast 20 Prozent mehr Grundversicherte als 2014. Doch ihre Strategie ist umstritten. Mehr...

Prämienzuschlag in elf Kantonen

Viele Versicherte müssen 2016 einen Zuschlag bezahlen. Dieser beträgt maximal 48 Franken. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Mit unserem Vergleichsdienst finden Sie die geeignete Krankenkasse.
Jetzt vergleichen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...