«Das Badezimmer-Selfie ist der Klassiker»

Tim Schiffers, CEO der Parship Group, kennt die beliebten Fehler beim ­Onlinedating. Mit intensiver Werbung und ­Expansion will der Profi-Kuppler Dating-Apps wie Tinder die Stirn bieten.

«Wir wollen kein zweites Tinder werden. Aber natürlich entwickeln auch wir uns weiter» Tim Schiffers, 50. Foto: Maria Feck/Laif

«Wir wollen kein zweites Tinder werden. Aber natürlich entwickeln auch wir uns weiter» Tim Schiffers, 50. Foto: Maria Feck/Laif

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Mitten in der Hamburger Innenstadt, in der Nähe der Mönckebergstrasse, arbeiten die 300 Mitarbeitenden der Parship Group am Liebesglück ihrer Kunden. Von Hamburg aus ­werden auch die Singles in der Schweiz bedient, wo Parship bei der seriösen Partnervermittlung mit rund 150'000 Neuregistrierungen jährlich Marktführer ist. Tim ­Schiffers, 50, ist seit 2014 CEO der Gruppe, zu der auch die Marke Elite ­Partner und die US-Datingplattform eHarmony gehören. Auf dem Handy des Deutschen, der in St. Gallen Wirtschaft studiert hat, sind alle möglichen Dating-Apps geladen. Schiffers darf berufshalber flirten – ist aber schon lange verheiratet.

Über die Festtage fühlen sich viele einsam. Ist das gut für Ihr Geschäft?
Ja. Nicht wenige sind frustriert, weil sie erneut als Single ans Weihnachtsfest mussten, und fassen den Vorsatz, im neuen Jahr endlich einen Partner oder eine Partnerin zu ­finden. Das treibt das Geschäft im ­Januar bis zu 20 Prozent über den Durchschnitt. Ein zweiter Peak ist jeweils nach den Sommerferien, wenn sich herausgestellt hat, dass aus dem Ferienflirt doch nichts geworden ist. Zudem sind in diesen Zeiten auch die Werbepreise tief und für uns attraktiv.

Andere CEOs verkaufen Hypotheken oder Haushaltpapier, Sie die Liebe. Was macht das mit Ihnen?
Menschen bei einer der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens zu helfen, macht klar mehr Spass als Schrauben zu verkaufen. Dieser Gedanke motiviert auch ­unsere Mitarbeitenden. Sie lieben es, wenn ich an Meetings auf unsere sogenannten Love KPI’s zu sprechen komme – Kennzahlen zur Anzahl Paare, die sich über uns gefunden haben, wie Hochzeitsmeldungen oder Parship-Babys.

68 Prozent der Parship-Paare ziehen im ersten Jahr der Beziehung zusammen. Wie kommt das?
Bei uns suchen die Leute keinen One-Night-Stand, sondern eine ernsthafte Partnerschaft. Und sie sind im mittleren Alter, wo man weiss, was man will. Darum ist, wenn es passt, auch die Bereitschaft höher, den nächsten Schritt zu tun.

Parship gehört mittlerweile schon zu den Dinosauriern unter den Datingportalen. Wie hat sich der Markt in den letzten Jahren verändert?
Bis etwa 2012 teilte sich der Markt in Portale wie unseres oder Friendscout auf, und auf der anderen ­Seite gab es die Casual-Dating-Sites, die auf sexuelle Abenteuer ­ausgerichtet sind. Inzwischen haben wir ganz viele Mitbewerber aus dem Social-Dating-Bereich bekommen, die ­Dating als eine Form von Entertainment verkaufen.

Allen voran Tinder.
Oder Badoo oder Bumble. Diese Marken, Tinder vor allem, haben einen spielerischen Charakter ins Dating gebracht, welcher der ­Branche zuvor fehlte. Tinders ­Innovation war, dass der Kunde oder die Kundin dank Wischfunktion beim Schreiben einer Nachricht bereits wusste, dass das Vis-à-vis Gefallen an ihm oder ihr ­gefunden hat.

Tinder war ein Disruptor.
Tinder hat den Markt noch einmal massentauglicher gemacht, wovon auch wir profitieren. Aber der Wettbewerb hat sich in den ­letzten Jahren deutlich intensiviert. Dazu haben auch wir beigetragen, denn wir haben über die Jahre signifikant mehr in Werbung investiert – auch in der Schweiz. Damit ist es uns gelungen, unser Image merklich zu verjüngen.

Mehr Unterhaltungsfunktionen will aber sicher auch Ihre Kundschaft, wenn sie bis zu 75 Franken Gebühr pro Monat bezahlt. An welchen Innovationen arbeiten Sie?
Wir wollen kein zweites Tinder werden. Aber natürlich entwickeln auch wir uns weiter. Ein Beispiel: Parship ist mit seinem Persönlichkeitstest bekannt geworden. ­Dieser Test ist sehr wichtig, um die richtigen potenziellen Partner zusammenzubringen. Wir schauen uns jedoch an, wie wir das leichter und spielerischer erreichen können, ohne an Seriosität einzubüssen. Da sind wir momentan dran. Ein weiteres Thema ist die Paywall.

Sie wollen die Eintrittsbarriere senken für Parship?
Zeit und Geld in die Suche nach dem Partner zu investieren, signalisiert Ernsthaftigkeit. ­Gleichzeitig schauen wir uns aber an, wie wir unser Modell zugänglicher machen können, sodass die Kunden ­unsere Plattform niederschwelliger kennen lernen können.

Sie setzen auch auf Expansion. 2018 kaufte das Mutterhaus der Parship Group, ProsiebenSat 1, die US-Singlebörse eHarmony. Warum?
eHarmony öffnet uns den Zugang zum riesigen US-Markt, aber auch Kanada, Grossbritannien und Australien. Die Marke war jedoch verstaubt und in den roten Zahlen: Wir mussten sie, wie Parship, wieder frischer machen. Denn die Millennials wollen nicht auf ein ­Portal, das sie von ihrem Onkel kennen. Mit eHarmony können wir aber auch Synergien nutzen – wir arbeiten mittlerweile alle auf der gleichen technologischen Plattform.

Funktionieren Datingportale auf der ganzen Welt gleich?
Nein, es gibt schon Eigenheiten, und durch die Akquisition von eHarmony müssen wir uns nun auch mit dem Datingverhalten der Australier auseinandersetzen.

Was sind denn die Eigenheiten der Schweizer Kunden?
Vom Nutzerverhalten sehen wir gegenüber den anderen deutschsprachigen Ländern nicht riesige Unterschiede. Lediglich das traditionelle Rollenverständnis scheint in der Schweiz stärker ausgeprägt zu sein. Schweizer Frauen versenden viel weniger Nachrichten als Männer. Wir sehen zudem, dass die Schweizer Kunden eine ­höhere Bereitschaft haben, Geld in die Partnersuche zu investieren.

Elite Partner ist eine weitere Marke Ihrer Gruppe – auch in der Schweiz. Ist dieser abgehobene Ansatz bei der Partnersuche noch zeitgemäss?
Ich kenne die Schweiz aus meinem Studium an der Hochschule St. Gallen und glaube, dass sich die Schweizer mit dem Wort Elite ­etwas schwerer tun als andere Nationalitäten. Aber auch in Deutschland polarisiert der Begriff. Wir arbeiteten lange mit dem Claim «Für Akademiker und Singles mit Niveau». Den Akademiker haben wir nun gestrichen. Er kommt bei den Jungen nicht mehr an.

Wie lange kann sich Parship Jahresgebühren in der Höhe von fast 800 Franken noch leisten angesichts der vielen Gratiskonkurrenz?
Die Mitbewerber sind ja am Ende auch nicht ganz gratis. Und eigentlich sind unsere Preise günstig, wenn man bedenkt, dass man ­dafür die Liebe des Lebens finden kann. Das ist immerhin, neben der Berufswahl, eine der wichtigsten Entscheidungen des Lebens. Eine Semestergebühr an der HSG oder einer anderen Schweizer Hochschule entspricht ungefähr unserem Jahresabo-Preis.

Was sind die häufigsten Fehler beim Onlinedating?
Bei den Fotos sehen wir viele Sünden – das Badezimmer-Selfie etwa ist ein Klassiker oder der halb ­verdeckte Mann mit ­Sonnenbrille. Oder aber die Profile werden nur rudimentär ausgefüllt. Das ist vor allem bei Männern häufig der Fall. Ein drittes Thema ist die Unfähigkeit zur Unterhaltung.

Der Chat versiegt zu rasch?
Ja, viele Menschen wissen gar nicht, wie man ein Gespräch in Gang bringt. Wie bereits erwähnt, ist zu beobachten, dass sich die Frauen noch in tradierten Rollenmustern bewegen. Sie warten ­lieber, bis der Mann den ersten Schritt macht statt selber Männer anzuschreiben. Das führt zu Misserfolg bei der Suche.

Datingportale lösen inzwischen auch bei vielen Stress aus – man wird vom anderen Geschlecht ignoriert oder gemein verabschiedet. Fühlen Sie sich moralisch in der Verantwortung?
Es ist eine Tatsache, dass der Konkurrenzdruck beim Onlinedating grösser geworden ist, gerade auch durch die Bilderlastigkeit auf Portalen wie Tinder. Wir pflegen zwar einen etwas zurückhaltenderen Ansatz, aber auch wir können negative Erlebnisse oder Flop-Dates nicht verhindern.

Es gibt mittlerweile sehr viele Datingportale und Apps. Wird sich der Markt in den nächsten Jahren konsolidieren?
Der Markt wird heute von zwei grossen Gruppen dominiert: Match Group aus den USA und Magic Lab in London. Wir folgen mit einigen weiteren Anbietern direkt an ­dritter Stelle. Es gibt in ­unserem Mutterhaus aber die klare Intention, auch im Bereich Onlinedating auszubauen. eHarmony ist ein Beispiel dafür. Der Fokus liegt aber auf ­organischem Wachstum.

Keine Angst, von den anderen plattgewalzt zu werden?
Nein. Wir sind in unseren Kernmärkten im deutsch- und englischsprachigen Raum stark verankert und in einem höheren Segment positioniert als die Firmen der Match Group.

Parship könnte doch auch eine Gratis-App lancieren oder in diesem Segment zukaufen?
Das steht nicht im Zentrum, ich schliesse aber nichts aus.

Wie hat sich das organische Wachstum von Parship letztes Jahr entwickelt?
2018 lag der Umsatz der Parship Group bei 140 Millionen Euro. Die 2019er-Zahlen kann ich noch nicht nennen. Wir sind etwas weniger gewachsen als im Vorjahr, weil wir sehr mit der Integration von eHarmony beschäftigt waren, aber es gab dennoch ein deutliches Plus.



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Erstellt: 11.01.2020, 20:19 Uhr

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