Credit Suisse: Das grösste Unternehmensdrama des Jahres

Die Frage nach der Verantwortung von Konzernen und ihren Managern wird auch 2020 ein grosses Thema sein.

Sie klammern sich an ihre Macht, statt Verantwortung zu übernehmen. Tidjane Thiam und Urs Rohner bei der Generalversammlung der Credit Suisse 2017. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Sie klammern sich an ihre Macht, statt Verantwortung zu übernehmen. Tidjane Thiam und Urs Rohner bei der Generalversammlung der Credit Suisse 2017. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

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Die Debatte um die Legitimität unseres Wirtschaftssystems und die Sorge darum war eines der grossen Themen des letzten Jahres. Im August haben 181 US-Konzernchefs in einem Manifest erklärt, nicht mehr länger den Aktionärsinteressen den Vorrang vor allen anderen Zielen geben zu wollen, sondern vermehrt die Bedürfnisse der übrigen «Stakeholder» wie Beschäftigten, Zulieferern und dem Gemeinwesen, in denen das Unternehmen tätig ist, zu berücksichtigen.

Dem vielfach als heuchlerisch bezeichneten Vorstoss liegt eine Erkenntnis zugrunde: Unser System hat ein wachsendes Vertrauensproblem. «Erinnern wir uns daran, dass gegenwärtig viele Bürger Unternehmen verachten, weil man sie im Allgemeinen für habgierig, korrupt und ausbeuterisch hält.» Das schreibt der britische Ökonom Paul Collier in seinem Buch «Sozialer Kapitalismus». Das Werk, das Collier als «Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft» versteht, wurde 2019 zu einem Bestseller.

Vor diesem Hintergrund stechen im ablaufenden Jahr die Entwicklungen in der Chefetage der Credit Suisse besonders hervor. Beim Skandal um fehlgeleitete Postauto-Subventionen, jenem um das Verhalten des Ex-Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz oder bei den Managementproblemen der SBB hätte man noch die staatlichen oder (im Fall der Raiffeisen) genossenschaftlichen Strukturen als Grund für Führungsmängel vermuten können – etwa wegen fehlender Anreize für eine ausreichende Kontrolle.

Wenn den Aktionären die Kultur egal ist

Wie die jüngste Geschichte der Credit Suisse deutlich macht, funktioniert die Kontrolle aber auch in grossen Aktiengesellschaften zuweilen nicht. Etwa wenn die Mehrheitsaktionäre in weit entfernten – in diesem Fall arabischen – Ländern sitzen und sich wenig um die kulturellen und gesellschaftlichen Normen innerhalb der Schweizer Bank und in ihrem gesellschaftlichen Umfeld scheren.

Besonders gefährlich für die Kultur des Unternehmens wird es dann, wenn die Spitze der Bank ihre Verantwortung einzig an juristisch nachweisbaren Handlungen misst. Und das tut die CS. Die Ereignisse in Kürze: Im Sommer wurde bekannt, dass die Grossbank einen ihrer Spitzenmanager von Detektiven überwachen liess, der die Bank verlassen wollte. Eine von der Bank dazu später in Auftrag gegebene Untersuchung kam zum Schluss, das Vorgehen sei ein Einzelfall gewesen und weder Konzernchef Thiam noch Verwaltungsratspräsident Urs Rohner hätten etwas davon gewusst. Verantwortlich sei allein Thiams jahrzehntealter Geschäftspartner Pierre-Olivier Bouée.

Im Dezember machte die NZZ publik, dass die Beschattung eben doch kein Einzelfall war. Schon im Februar liess die CS einen Spitzenmanager der Bank beschatten, den Bankchef Thiam kurz zuvor aus dem Leitungsgremium der Bank entfernt hatte. Wieder liess die Bank die Beschattung untersuchen, wieder lautete die Schlussfolgerung, weder Thiam noch Rohner hätten etwas gewusst. Als Schuldiger wurde erneut Bouée identifiziert, dem nun auch noch vorgeworfen wird, gelogen zu haben.

Echte Verantwortung wäre gefragt

Gut möglich, dass weder Thiam noch Rohner je im juristischen Sinn eine Mitwisserschaft nachgewiesen werden kann. Einzig auf dieser juristischen Position zu verharren, fördert aber eine Geisteshaltung, die Grenzüberschreitungen bis in die obersten Chargen weiter wahrscheinlicher macht. Man darf sich einfach nicht erwischen lassen, lautet die Botschaft. Das von Collier in seinem Buch beschriebene Vorurteil gegenüber Topmanagern scheint sich hier zu bestätigen: Machterhalt geht über alles. Echte Verantwortung sieht anders aus.

Dass es auch anders geht, hat im Jahr 2011 Oswald Grübel bewiesen, damals Konzernchef der UBS. Der Händler Kweku Adoboli hatte in London mit unerlaubten Deals der Schweizer Grossbank einen Verlust von rund 2 Milliarden Dollar eingebracht. Grübel als dessen oberster Chef erklärte darauf: «Ich habe die Verantwortung für alles, was in der Bank passiert.» Dass er auch anfügte, im juristischen Sinn nicht schuldig zu sein, war nicht entscheidend. Grübel zog letztlich die Konsequenzen und verliess die UBS. Auch der einstige Chef der französischen Grossbank Société Générale, Daniel Bouton, räumte 2008 seinen Chefsessel, als ein Händler der Bank Milliarden verzockte. Allerdings hatte ihn der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy zu diesem Schritt aufgefordert.

Bei Banken ist das Vertrauensproblem noch grösser als bei anderen Unternehmen. Sie hatten einen wesentlichen Anteil an der Finanzkrise. Und kaum ein Topmanager der Branche musste sich persönlich dafür verantworten. Weiterhin liessen sie sich hohe Gehälter auszahlen. Und die Finanzkrise hat deutlich gemacht, welche Gefahr und Bedeutung Banken als Nahtstellen der Gesamtwirtschaft haben. Der Umgang der obersten Führung der Credit Suisse mit der Beschattungsaffäre ist jenes Ereignis des letzten Jahres aus der Schweizer Unternehmenswelt, das am meisten Anlass zur Sorge gibt.

Erstellt: 30.12.2019, 17:36 Uhr

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