Das Volkswagen-Imperium wird zerschlagen

Ferdinand Piëchs Multi-Marken-Reich ist unregierbar geworden. Nun wird aufgeteilt. Ein riskanter Schritt – aber ein nötiger.

Zum Volkswagen-Konzern gehören heute zwölf Automarken und 640'000 Mitarbeiter. Foto: Getty Images

Zum Volkswagen-Konzern gehören heute zwölf Automarken und 640'000 Mitarbeiter. Foto: Getty Images

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Es gab bei Volkswagen eine Zeit, da genügte es, wenn der Patriarch und langjährige Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch eine Zahl in einen rätsel­haften Satz packte. Dann wussten seine Manager: Es ist an der Zeit, wieder etwas dazuzukaufen. So war es zum Beispiel, als er vor Jahren einmal meinte, die Zahl 13 sei seine «Glückszahl». Seine Manager durften den Hinweis durchaus als eine Art Arbeitsauftrag verstehen: Bitte Fiat-Tochter Alfa Romeo anschauen!

Unter Piëch, dem Vater von zwölf Kindern, war der Käfer-Bauer aus Wolfsburg zu einem weltweiten Konglomerat mit zwölf Marken angewachsen. Zu Namen wie VW, Skoda, Seat und Audi kamen Porsche, die Lastwagenfabrikanten Bauer MAN und Scania, die Edelrenn­karossenschmiede Lamborghini, der Motorradbauer Ducati und andere. Denn, so lautete das immer unumstössliche Credo des grossen Sammlers Ferdinand Piëch aus Salzburg: Nur die reine Grösse zählt. So wuchs Volkswagen zu einem gigantischen Konzerngebilde an, das immer schwerer zu kontrollieren war, je grösser es wurde. Dass es noch dazu streng hierarchisch-­autoritär regiert wurde, machte die Sache nicht einfacher, im Gegenteil.

Das Reich wird neu geordnet

Drei Jahre ist es jetzt her, dass der Alte nach einem erbitterten Machtkampf von der Spitze abtrat. Im April 2015 hatte Piëch öffentlich gemacht, er sei als Aufsichtsratspräsident zu Martin Winterkorn, dem operativen Volkswagen-Chef, «auf Distanz». Wenige Wochen später trat Piëch von allen Mandaten im Volkswagen-Konzern zurück, weil die übrigen Mitglieder des Aufsichtsrats das «für eine Zusammenarbeit notwendige wechselseitige Vertrauen nicht mehr gegeben» sahen.

Video – Neuer Chef will den Riesen VW wecken

Der neue Volkswagen-Chef Herbert Diess sagt, VW müsse in einem anspruchsvollen Wettbewerbsumfeld sein Tempo erhöhen. Video: TA/Reuters

Nun, endlich, wird das von Piëch gebaute Reich neu geordnet. Es ist allerhöchste Zeit für den Grossumbau. Nicht zuletzt der Dieselskandal zeigte: Das Imperium war längst unregierbar geworden. Es muss erneuert werden.

Den Anfang macht nun die Lastwagensparte, zu der auch der Münchner Hersteller MAN und die schwedische Marke Scania gehören. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die beiden Traditionskonzerne, die Piëch einst Volkswagen einverleibte, um sie zu beherrschen, bekommen ihre Freiheit zurück. Sie sollen irgendwann vielleicht an die Börse gebracht werden; der Unternehmenssitz von Niedersachsen nach München verlagert werden. Eine späte Genugtuung für das Münchner Unternehmen MAN.

Multi-Marken-Imperium wird neu sortiert

Und ein bemerkenswerter Vorgang: Die Eigentümer des Autobauers – die Familien Porsche und Piëch, das Land Niedersachsen und die Arbeitnehmervertreter – geben bei der Lastwagensparte ihre Macht ab, statt sie wie üblich hartnäckig zu verteidigen. Strategisch ist das richtig, denn Lastwagen und Autos haben nur wenig Überschneidungen.

Gleichzeitig soll das Multi-Marken-Imperium mit seinen 640'000 Mitarbeitern neu sortiert und in Gruppen aufgeteilt werden. Das ist ein notwendiger, wegen der enormen Grösse des Objekts aber auch ein sehr riskanter Schritt. Auf das Unternehmen und seine Mitarbeiter kommen turbulente Monate zu. Nicht nur der scheidende Konzernchef Matthias Müller, auch viele andere altgediente Manager werden bei dem Umbau verlieren. Andere werden gewinnen, alte Seilschaften werden zerbrechen.

 Der neue Konzernchef Herbert Diess soll mit weitaus mehr Macht ausgestattet werden als sein Vorgänger – das sieht nach einer Revolution von oben aus, die durchaus auch scheitern kann.

Es sind dies Momente, in denen Machtkämpfe ausgefochten und alte Rechnungen beglichen werden. Der Umbau wird schmerzhaft ausfallen, weil man ihn lange verschleppt hat. Insofern hatte der Abgasbetrug bei Dieselautos auch sein Gutes: Ohne den Leidensdruck der Krise hätte sich wohl nichts geändert.

Brisant an dem, was gerade passiert, ist allerdings: Ausgerechnet jene mächtigen Eigentümer und Betriebsräte im Aufsichtsrat, die das alte System VW stützten und erst zu jenem Piëch-­Imperium machten, sind diejenigen, die nun den Umbau vorantreiben. Und: Der neue Konzernchef Herbert Diess soll mit weitaus mehr Macht ausgestattet werden als sein Vorgänger – das sieht nach einer Revolution von oben aus, die durchaus auch scheitern kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 20:13 Uhr

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