«Das kam für Shell bestimmt überraschend»

Warum stoppt der Ölmulti die Bohrungen in Alaska wirklich? Ist es das Ende der Ölsuche in der Arktis? Dazu Kenner Steffen Bukold.

Brachte Shell keinen Erfolg: Die Plattform Polar Pioneer unterwegs vor Port Angeles im US-Bundesstaat Washington. (17. April 2015)

Brachte Shell keinen Erfolg: Die Plattform Polar Pioneer unterwegs vor Port Angeles im US-Bundesstaat Washington. (17. April 2015) Bild: Daniella Beccaria/AP Photo/seattlepi.com

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Herr Bukold, Shell bohrt in Alaska bis auf weiteres nicht mehr nach Öl. Der Konzern sagt, bei der Probebohrung vor Alaska zu wenig Öl und Gas gefunden zu haben. Wurden die Ölvorkommen in der Arktis bisher überschätzt?
Dies lässt sich aufgrund dieser einzelnen Bohrung natürlich nicht sagen. Die meisten Schätzungen beruhen auf Studien des Geologiedienstes der amerikanischen Regierung, des US Geological Survey. Demnach gibt es in der Arktis grosse Mengen Öl. Der aktuelle Misserfolg nährt jedoch die Zweifel an diesem Ergebnis.

Ist bei Probebohrungen immer damit zu rechnen, dass die erhofften Vorkommen ausbleiben?
Wenn in einem Gebiet bereits Öl gefunden wurde, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass auch die folgenden Bohrungen erfolgreich sind. Das gilt besonders dann, wenn die geologische Struktur des gesamten Gebiets recht homogen ist. Bei der ersten Bohrung ist das Risiko allerdings hoch, nichts zu finden. Trotzdem kam das Ergebnis für Shell bestimmt überraschend, denn der Konzern kennt sich in der Region eigentlich gut aus und hatte viel Zeit und viele Informationen zur Verfügung, um den besten Bohrplatz zu finden.

Welchen Anteil dürfte der tiefe Ölpreis am Entscheid Shells haben?
Der tiefe Ölpreis gab für sich allein genommen sicher nicht den Ausschlag. Ein Ölfeld mit Pipelines und Verladeterminals zu erschliessen und auszubeuten, ist ein Jahrzehnteprojekt. Die meisten Beobachter gehen zwar davon aus, dass der Ölpreis noch einige Jahre tief bleiben wird. Aber fast alle erwarten, dass er dann wieder steigen muss.

Shell attestiert dem Gebiet in der Tschuktschensee trotz der erfolglosen Bohrung weiterhin ein hohes Potenzial zur Ausbeutung. Wieso führt das Unternehmen die Suche nach Erdöl nicht einfach an einer anderen Stelle fort?
Hier dürfte der tiefe Ölpreis doch eine Rolle gespielt haben. Gerade die börsennotierten Ölkonzerne wie Shell, Exxon und BP müssen zurzeit bei den Investitionen sparen, weil sie ihre Dividende halten müssen, obwohl sie weniger einnehmen. Da ist es schwierig, dem Aufsichtsrat milliardenschwere Investitionen mit höchst unsicheren Erfolgsaussichten schmackhaft zu machen. Man darf nicht vergessen: Jede einzelne Bohrung kostet mehrere Hundert Millionen Dollar. Das sind Beträge, über die auch Shell nicht unbegrenzt verfügt.

Gehen Sie davon aus, dass Shell die Bohrungen in absehbarer Zeit wiederaufnehmen wird?
Das lässt sich nicht abschätzen. Tatsache ist, dass Shell über vier Milliarden Dollar für die Bohrlizenzen, die Bohrungen und die bestellte Ausrüstung abschreiben muss. Aber man hält weiter die Bohrlizenzen. Shell hat damit die Option, zu einem späteren Zeitpunkt wieder aktiv zu werden. Wichtig dürfte aber auch die künftige strategische Entwicklung des Konzerns sein. Die Branche bewegt sich zurzeit stark vom Öl zum Gas. Shell ist zurzeit daran, den Gaskonzern BG zu kaufen, und ist damit unter den grossen Ölkonzernen am weitesten fortgeschritten auf diesem Weg. Diese Neuausrichtung könnte auch beim jetzigen Entscheid eine Rolle gespielt haben.

Welche Rolle dürfte der politische Druck auf Shell gespielt haben? Immerhin sprach sich gar US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton gegen die Ölförderung in der Arktis aus.
Hier gilt dasselbe wie beim Ölpreis: Wäre man auf grössere Ölvorkommen gestossen, hätte man sicher versucht, die Ausbeutung auch politisch durchzustehen. Die politische Unsicherheit ist schliesslich nicht neu, sondern besteht schon seit Jahrzehnten. Erst im Mai hat das Innenministerium in Washington jedoch grünes Licht für weitere Bohrungen gegeben. Nun zu sagen, das politische Umfeld sei zu unsicher, um mit der Ausbeutung fortzufahren, kann daher nicht überzeugen. Andererseits ist der Widerstand von Greenpeace und lokalen Gemeinden und Organisationen gross und weltweit vernehmbar. Imagefragen spielen gerade im Vorfeld der Klimakonferenz in Paris eine wichtige Rolle.

Als erste kommerzielle Offshoreölplattform in der Arktis ging 2013 die russische Priraslomnaja in Betrieb. Greenpeace protestierte mit der von russischen Soldaten aufgebrachten Arctic Sunrise erfolglos dagegen. Wie erfolgreich ist die Plattform bisher?
Sie fördert Öl, das zum grossen Teil in Westeuropa verkauft wurde, obwohl offiziell in der EU arktisches Öl als zu riskant gilt. Es handelt sich um ein mittelgrosses Feld, das sich wenige Kilometer vor der Küste befindet. Die Plattform stellt ein Umweltrisiko dar, auch weil Gazprom über keinerlei Erfahrung mit arktischen Offshoreförderungen verfügt.

Wird der zumindest vorübergehende Rückzug Shells aus der Arktis Signalwirkung auf die anderen Ölkonzerne haben?
Ich glaube, ja. Dass Shell bei der Probebohrung vor Alaska nicht erfolgreich war, ist auf jeden Fall ein Signal für die Ölindustrie, denn Shell gilt als technischer Vorreiter bei Offshorebohrungen in arktischen Gewässern. Wenn jetzt selbst für Shell die Risiken zu hoch sind, dann wird das viele andere Firmen sicherlich abschrecken. Aber bereits laufende Projekte gehen weiter, so etwa das Goliat-Ölfeld in der arktischen Barentssee vor Nordnorwegen, das vor wenigen Wochen für Statoil und ENI den Betrieb aufgenommen hat.

Erstellt: 28.09.2015, 12:24 Uhr

Steffen Bukold

Der Politologe Steffen Bukold erforscht und kommentiert mit seinem Forschungs- und Beratungsbüro Energy Comment in Hamburg die Entwicklung der internationalen Energiepreise und Energiemärkte. Daneben ist er Gründungsmitglied des Postfossil-Instituts, eines Zusammenschlusses von Wissenschaftlern und weiteren Experten, die sich mit dem Problem der begrenzten Erdölvorkommen befassen.

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