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«Das sind richtige Geldmaschinen»

Swisscom und Tamedia feilschen um Local.ch. Search.ch-Gründer Reto Hartinger erklärt, weshalb das Geschäft mit elektronischen Verzeichnissen lukrativ ist und weshalb diese Goldgräberstimmung nicht mehr lange anhalten wird.

Matthias Pfander
Hat sein Unternehmen Search.ch bereits 2004 verkauft. Reto Hartinger, 56, gilt als Schweizer Internet-Pionier.
Hat sein Unternehmen Search.ch bereits 2004 verkauft. Reto Hartinger, 56, gilt als Schweizer Internet-Pionier.

Herr Hartinger, Swisscom will 230 Millionen Franken auf den Tisch legen, um bei Local.ch die ganze Kontrolle zu übernehmen. Ist dieser Preis angemessen? Reto Hartinger: Wenn ich vergleiche, wie viel damals für Search.ch bezahlt wurde, liegt das in derselben Bandbreite. Für eine genauere Analyse müsste ich natürlich wissen, wie viel Gewinn Local.ch aktuell macht. Wie viel haben Sie denn damals beim Verkauf von Search.ch an die Post erhalten? Nur so viel: Google hätte damals sogar noch mehr bezahlt, aber alle Leute entlassen. Das war für uns keine Option. Was macht den Markt für elektronische Verzeichnisse finanziell interessant? Diese Verzeichnisse sind richtige Geldmaschinen. Mit dem Verkauf von Werbung auf diesen Websites kann man sehr viel verdienen. Es ist allerdings ein sehr personalintensives Business und man braucht gute Verkäufer dazu. Hinter jedem verkauften Inserat steckt eine Person. Das macht das Geschäft teuer und deshalb auch schwierig. Da hat Local.ch einen grossen Vorteil gegenüber Search.ch. Wie gross ist dieser Markt in der Schweiz? Genaue Schätzungen sind schwierig. Das Volumen liegt wohl irgendwo zwischen 100 und 200 Millionen Franken pro Jahr. Die Wettbewerbskommission wird sich auch für den Verkauf von Local.ch interessieren. Droht ein Monopol im Webverzeichnismarkt? Sicher nicht von der Userseite. Der User will einfach eine Telefonnummer abfragen, egal wo. Das muss ja nicht zwingend in einem Webverzeichnis sein. Bei der Werbung gibt es ebenfalls genügend Konkurrenz. Bei den Daten, wo sich die Monopolfrage tatsächlich stellt, gibt es ein Gesetz. Swisscom ist verpflichtet, die Rohdaten auch anderen Anbietern zur Verfügung zu stellen. Die Monopolfrage stellt sich also gar nicht. Bis jetzt bieten Tamedia und Swisscom für Local.ch beziehungsweise die Publigroupe. Für wen ist der Deal strategisch wichtiger? Bei Tamedia wäre es ein willkommener Ausbau des Onlinegeschäfts. Für Swisscom ist das Geschäft zwar lukrativ und ein netter Nebenverdienst, aber strategisch weniger bedeutsam. Wer könnte sich sonst noch in den Bieterwettkampf einschalten? Eigentlich niemand. Das Schweizer Internet besteht praktisch nur aus der Swisscom und den Verlagen. Ringier orientiert sich Richtung E-Commerce. Und die NZZ-Gruppe hätte damals die Gelegenheit gehabt, sich zusammen mit Tamedia an Search.ch zu beteiligen, hat aber das Angebot abgelehnt. Kurzum, ich gehe nicht davon aus, dass noch weitere Unternehmen einsteigen. Zum Glück für Swisscom und Tamedia, sonst wird es nur noch teurer. Dass ein internationaler Konzern in ein so lokales Geschäft einsteigen wird, schliessen Sie aus? Einen solchen Schritt erachte ich als sehr unwahrscheinlich. Das wäre viel zu teuer für die Möglichkeiten, die sich bieten. Wie sehen denn die Zukunftsperspektiven in diesem Markt aus? Der Markt ist unter Druck, vor allem wegen Google. Google hat zwar keine Privatadressen wie Local.ch und Search.ch, doch werbetechnisch interessant sind sowieso nur die Suchabfragen nach Firmen. Mit welchen Folgen? Google saugt immer mehr Nutzer ab, weil diese direkt in der Suchmaschine suchen und nicht in ein spezialisiertes Verzeichnis wechseln. Dann könnte sich Google+ auch noch zu einem Personenverzeichnis entwickeln. Dazu kommt, dass Handynummern eh nicht in den Verzeichnissen zu finden sind. All das wird Local.ch und Search.ch künftig immer mehr unter Druck bringen. Wie können sich die lokalen Anbieter da behaupten? Durch Innovation. Konkreter bitte … Durch Produkteinnovation. Bei Search.ch zum Beispiel liegt die Suchmaschine brach. Die durchstreift ständig das ganze Internet. Die Verknüpfung der Suchergebnisse mit den Adressen der Privatpersonen und der Firmen würde eine riesige Chance bieten. Dieses Potenzial aus Adressen und Websuche haben weder Google noch Local.ch. Generell sind Local.ch und Search.ch bei der Weiterentwicklung im Mobile-Bereich im Hintertreffen. Mit einem Mobile-Angebot für lokale KMU könnten die beiden Anbieter gegenüber Google auch im Vorteil sein, aber es bräuchte dringend einen grossen Wurf. Wieso ist der bislang ausgeblieben? Die Betreiber entwickeln einfach nur das Bestehende weiter. Search.ch wird Anfang Juni mit einem Redesign kommen. Generell ist es so, dass in grossen Unternehmen Neues schwieriger umzusetzen ist. Das Gefeilsche um Local.ch ist eine weitere Arrondierung im Schweizer Internetgeschäft. Wann ist diese Konsolidierungswelle vorbei? Noch lange nicht. Die Verlage saugen alles auf, was sich als lukrativ herausstellt. So können Sie auch im lokalen Schweizer Geschäft einen guten Schnitt machen. Ich bedaure aber, dass die Verlage und die Swisscom hier so dominant sind. Woher rührt diese Dominanz? Wenn ein erfolgreiches Schweizer Internetunternehmen zu einem normalen Geschäft wird, stossen viele Gründer an ihre Grenze. Sie sehen nicht, wie sie ihr Business optimieren und auf die nächste Stufe heben können. Start-up-Gründer sind gut, um ein Business voranzutreiben, mit Innovationen in neue Märkte einzudringen, aber um ein gutes Geschäft zu machen, braucht es irgendwann andere Qualitäten, da sind dann einfach gute Manager gefragt. Das ist ja auch gut so, so können die Jungunternehmer ihre Firma auch in der Schweiz erfolgreich verkaufen.

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