Das weltweit teuerste Medikament kostet 850'000 Dollar

Die US-Biotech-Firma Spark Therapeutics schlägt mit ihrer Preispolitik alle Rekorde. Warum der Markt das zulässt.

Dank einer bahnbrechenden Gentherapie besteht Hoffnung, eine vererbbare, seltene Form von Sehbehinderung zu kurieren.

Dank einer bahnbrechenden Gentherapie besteht Hoffnung, eine vererbbare, seltene Form von Sehbehinderung zu kurieren. Bild: Getty Images

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Jeff Marrazzo, der Chef des in Philadelphia ansässigen Biotech-Unternehmens Spark Therapeutics, macht es exemplarisch wie im Marketing-Lehrbuch: Als er im Dezember von der US-Arzneimittelbehörde, der Food and Drug Administration, die Zulassung für sein bahnbrechendes Medikament Luxturna erhielt, meinte er, dessen Preis müsste über der Marke von 1 Million Dollar pro Patient liegen. Dass das Unternehmen jetzt «nur» 850 000 Dollar verlangt, wie es gestern mitteilte, soll wohl so etwas wie Einsicht und Entgegenkommen manifestieren.

Dennoch wird der neue Weltrekord für einen Medikamentenpreis der Debatte über die Preispolitik der Pharma- und Biotech-Industrie in den USA neuen Zündstoff liefern. Sie wird nicht nur unter Kongressmitgliedern in Washington erbittert geführt, sondern ist längst auch in der Administration von Donald Trump angekommen.

Wie Fachleute indes betonen, sei es wenig zielführend, die Aufmerksamkeit nur auf einige besonders krasse Fälle exorbitanter Medikamentenpreise zu richten. In den Blick zu nehmen sei vielmehr der Umstand, dass die US-Arzneimittelhersteller ihre Preise seit Jahren in einem markant über der Inflationsrate liegenden Masse erhöhen. Denn vor allem dieses Gebaren trage zu den steigenden Gesundheitskosten bei.

Starke Preiserhöhungen auf breiter Front

Besten Anschauungsunterricht hierfür liefert der jüngste Jahreswechsel. Zum 1. Januar 2018 seien die Preise für über 1300 Pharmaprodukte angehoben worden, wie die «Financial Times» unter Berufung auf einen langjährigen Marktbeobachter berichtete.

Pfizer ist nur ein Beispiel: Für knapp 150 Medikamente – darunter auch Viagra, das Mittel gegen Erektionsstörungen – hat der grösste US-Pharmakonzern die Preise um 6 bis 13,5 Prozent erhöht. Und dies nachdem er seine Produktepalette bereits Anfang Juni und Anfang Januar 2017 verteuert hatte. So ist der US-Preis für eine Viagra-Tablette von 100 Milligramm innert Jahresfrist von 57.94 auf 80.82 Dollar geklettert – ein Anstieg von 39 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat Pfizer den Preis für sein Schmerzmittel Lyrica um 29 Prozent erhöht.

Die Pharmakonzerne profitieren dabei von dem Phänomen, das Ökonomen als unelastische Nachfrage bezeichnen. Da die meisten Menschen ihre Gesundheit als wichtigstes Gut erachten und Medikamente im Bedarfsfall durch nichts zu ersetzen sind, bezahlen sie dafür praktisch jeden Preis; zudem wird ein erheblicher Teil dieser Kosten von (Sozial-)Versicherungen übernommen.


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Diese Marktbesonderheit nutzen natürlich auch jene Akteure aus, die mit gänzlich neuartigen Gen- und Zelltherapien auf den Markt kommen und dafür gleichsam Fantasiepreise verlangen können. Ihr Kalkül: Der Druck auf die Versicherungsträger, solch horrende Medikamentenkosten zu tragen, wird schon gross genug sein, wenn die Chance besteht, eine schwere Behinderung oder Krankheit, die bisher als unheilbar galt, zu lindern.

Gefragt, wie Spark-Therapeutics-Chef Marrazzo darauf komme, den Preis für sein «Wundermittel» Luxturna auf 1 Million Dollar und mehr pro Patient anzusetzen, antwortete er, die Gesellschaft messe dem Augenlicht einen solchen Wert zu. Er verwies dabei auf entsprechende Auszahlungen von Versicherungen sowie auf gerichtlich verfügte Entschädigungszahlungen zugunsten von Menschen, die wegen eines Unfalls oder eines Versehens Dritter erblindeten. «Wir glauben, ein solcher Preis widerspiegelt den Wert der Lebensveränderung, wie wir diesen aus den klinischen Tests mit Luxturna erkennen können», sagte Mazzarro dem «Wall Street Journal».

Nur einmaliger Eingriff erforderlich

Bei Luxturna handelt es sich um die erste in den USA bewilligte Gentherapie, die auf den Ersatz eines einzelnen fehlerhaften Gens durch ein funktionstüchtiges abzielt. Dieses defekte Gen – im Fachjargon als RPE65 bezeichnet – hat bei den betroffenen Menschen zur Folge, dass sie in der Nacht oder bei schummrigem Licht schlecht sehen; ihr Sehvermögen verschlechtert sich mit zunehmendem Alter zusehends bis zur fast völligen Blindheit. Diese vererbbare Krankheit hat den Namen Lebersche kongenitale Amaurose.

Spark Therapeutics ist es mit Luxturna gelungen, eine gesunde Kopie von RPE65 in ein Virus einzupflanzen, wobei diesem Virus die Fähigkeit zur Reproduktion entzogen wurde. Mittels einer Injektion wird dieses Virus gleichsam hinter dem Auge respektive den Augen des Patienten eingefügt. In klinischen Tests hat sich die Sehkraft der Luxturna-Patienten signifikant verbessert.

Das Besondere an solchen Gentherapien ist, dass sie nur eines einmaligen Eingriffs bedürfen. Dies im Unterschied zu herkömmlichen Medikamenten, die über viele Jahre, ja nicht selten ein Leben lang eingenommen werden müssen. Und die den Pharmafirmen einen entsprechend langen, regelmässigen Ertragsfluss bescheren, mit dem sie ihre milliardenschweren Forschungs- und Entwicklungskosten refinanzieren können. Welchen Preis sollen nun aber die öffentlichen Gesundheitssysteme für diese innovativen Arzneien mit nur einmaliger Anwendung zahlen, deren Gestehungskosten kaum geringer sind? Die Frage stellt sich unweigerlich angesichts einer ganzen Reihe anstehender Neulancierungen von Gentherapien.

Unklarheit über die Dauer der Wirkung

Eine Schwierigkeit zur Preisbestimmung rührt daher, dass niemand verlässlich zu sagen vermag, ob die Wirkung von Luxturna dauerhaft ist oder mit den Jahren nachlässt. Nur unter der Annahme, dass ein dreijähriges Kind für den Rest seines Lebens von dieser Gentherapie profitiere, und bei Einbeziehung des gesamten übrigen gesellschaftlichen Nutzens ausserhalb des Gesundheitssystems durch die Rettung dieser Sehkraft käme man in etwa auf einen Wert von 1 Million Dollar, argumentierte ein auf die Bewertung von Medikamenten spezialisierter Experte in der «Financial Times».

Spark Therapeutics hat sich in Gesprächen mit US-Versicherungen schliesslich auf einen Preis von 850 000 Dollar pro Patient verständigt (je 425 000 Dollar für eine Augeninjektion). Ausserdem hat sich das Biotech-Unternehmen bereit erklärt, Rückerstattungen an die Kostenträger vorzunehmen, falls sich das Sehvermögen von Patienten nach der Behandlung anhand von Sehtests nicht nachhaltig verbessert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2018, 19:53 Uhr

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