«Das Wichtigste: Er ist kein Investmentbanker»

Ein Analyst findet die Berufung von Tidjane Thiam auf den CS-Chefposten «innovativ». Rege diskutiert wird die Frage, wie es mit dem Investmentbanking weitergehen könnte.

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Der 52-jährige, aus der Elfenbeinküste stammende Tidjane Thiam löst Brady Dougan ab. Der Wechsel an der Spitze der Credit Suisse (CS) wird von Finanzexperten durchwegs positiv bewertet. Dies, obwohl laut den Bankenanalysten noch völlig unklar ist, wie stark der neue Chef die Bank umbauen wird.

Der Bankenanalyst von Julius Bär findet klare Worte. «Der Wechsel an der Spitze der CS war überfällig», sagt Roger Degen auf Anfrage. Die Ernennung von Tidjane Thiam als Nachfolger von Brady Dougan bezeichnet Degen als «vernünftige Besetzung», auch wenn noch nicht klar sei, ob der Versicherungsfachmann auch tatsächlich alle nötigen Fähigkeiten für die Leitung einer Grossbank mitbringe.

Ähnlich äussert sich auch der Bankenanalyst der Bank Vontobel. Der neue CS-Chef komme nicht aus dem Bankfach, schreibt Andreas Venditti in seinem Marktkommentar. Als Chef des britischen Finanzunternehmens Prudential bringe er jedoch Erfahrungen im Asiengeschäft und damit in einer Schwerpunktregion von Credit Suisse mit.

Spekulationen um Neuausrichtung

Eine wichtige Frage werde sein, ob sich der neue CEO tatsächlich für eine drastische Änderung der strategischen Ausrichtung des Konzerns einsetzen werde. Diese Frage beantwortet der Bankenanalyst der Zürcher Kantonalbank (ZKB), Andreas Brun, mit einem Ja. Brun vermutet, dass Thiam stärker auf das stabilere und langfristig rentablere Vermögensverwaltungsgeschäft setzen könnte. Degen von Julius Bär sieht es gleich. «Es könnte ein stärkerer Einschnitt im Investmentbanking und eine Kapitalerhöhung bevorstehen», sagt er.

«Weniger Investmentbanking, dafür mehr Wealth- und Asset-Management?» Dies fragen sich auch die Bankenanalysten der UBS. Auch sie gehen mit Blick auf Thiams Background davon aus, dass sich die Ausrichtung der CS weiter zur Vermögensverwaltung verschieben werde, was auch durchaus Sinn ergebe, wie die UBS-Analysten schreiben.

Chris Wheeler, Bankanalyst von Atlantic Equities, verweist auf dem US-Wirtschaftssender CNBC auf ein Dilemma, dem der neue CS-Chef gegenüberstehe. Denn im Bereich Fixed Income (festverzinsliche Papiere wie Obligationen) des Investmentbanking habe die CS eine sehr starke Position. Ein Abbau liege deshalb nicht so sehr auf der Hand wie etwa bei der UBS, die in dem Bereich ohnehin nicht sehr stark gewesen sei. Die Frage sei, ob das Geschäft wieder profitabler werde.

Wheeler würdigt denn auch Dougans Verdienste für den Bereich Fixed Income. Er sieht nicht Dougans Leistungsausweis als Grund für die Trennung von der Bank. Sondern: «Es war ganz einfach Zeit zurückzutreten.»

Keine Investmentbanker mehr an der Spitze

Die Ernennung Thiams für den Chefposten nennt Wheeler «innovativ». Thiam verstehe das Anlagegeschäft und Asien. Ausserdem habe er gute Kontakte zu Regierungsvertretern – Investmentbanken tätigen viele Geschäfte mit Regierungen. Aber «das Wichtigste: Er ist kein Investmentbanker», urteilt Wheeler.

Allgemein rechnet der Analyst nicht damit, dass in absehbarer Zeit erneut ein Investmentbanker an die Spitze einer Schweizer Grossbank gesetzt wird. Er begründet das mit der politischen Situation in der Schweiz und den neuen Regulierungen. Angesichts von Bankbilanzen, die fünfmal so gross seien wie die Wirtschaftsleistung des Landes, wolle man Risiken reduzieren und fühle sich wohler mit jemandem an der Spitze, der seine Sporen in der Vermögensverwaltung abverdient habe. Das sei im Übrigen ein hervorragendes Geschäft, in dem Schweizer Namen einen grossen Vorteil hätten.

«Nur griechische Banken performten schlechter»

In ersten Analysen wird die Entwicklung des CS-Börsenkurses als Hauptgrund für Dougans Abgang ausgemacht. So verweist die ARD darauf, dass der CS-Kurs in fünf Jahren 55 Prozent gesunken ist, während die Papiere der Lokalkonkurrentin UBS immerhin um 7 Prozent zulegten.

Seit Mitte 2011 drifteten die Kurse von UBS und CS immer mehr auseinander, bemerkt auch «Cash»-Chefredaktor Daniel Hügli. In diesem Jahr standen die CS-Aktien erneut 8 Prozent im Minus. «Nur griechische Banken performten in Europa zeitweise noch schlechter», schreibt Hügli. Eine vernichtende Bilanz.

Sie ist umso bitterer, als Brady Dougan zu Beginn der Finanzkrise noch als Strahlemann dastand, der die Bank vergleichsweise unbeschadet durch die Turbulenzen der Subprime-Krise manövriert hatte – während der Staat der UBS zu Hilfe eilen musste. Rund sechs Jahre später schreibt die ARD nun, Brady Dougan gehöre nicht zu den Bankchefs, die ihr Institut besser durch die «stürmischen Gewässer» schiffen konnten.

Der anfängliche Erfolg Dougans sei der Bank nicht gut bekommen, urteilt Hügli. Die CS sei seither «veränderungsunwillig, selbstgefällig, bisweilen arrogant» gewesen. Dougan setzte bis zuletzt auf das Investmentbanking. Doch die Hoffnung auf ein grösseres Comeback der kapitalintensiven Einheit hätte sich bis heute nicht erfüllt.

Die Investoren waren schon Ende letzten Jahres ungeduldig geworden, wie die «Financial Times» geschrieben hatte.

Auch die hohe Busse über 2,8 Milliarden Dollar im US-Steuerstreit könnte mitschuldig an Dougans Abgang sein:

Dougan selber zeigte sich zuletzt frustriert, wie Journalist Peter Hossli bemerkt:

Hautfarbe gibt zu reden

Thiam ist erst der zweite Topmanager schwarzer Hautfarbe an der Spitze einer global tätigen Bank. Stanley O’Neill hatte Merrill Lynch zwischen 2003 und 2007 geführt, bevor er unter dem Druck der Finanzkrise gehen musste.

Mit einem ironischen Seitenhieb auf aktuelle Diskriminierungsdiskussionen kommentiert «Weltwoche»-Redaktor Alex Baur die Hautfarbe Thiams:

(cpm/rub)

Erstellt: 10.03.2015, 07:44 Uhr

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