Den Bähnlern reicht es

Nach dem tragischen Tod eines Zugbegleiters ist der Unmut unter den SBB-Angestellten gross. Das Vertrauen zwischen Basis und Spitze scheint weg.

Verschaffen sich Gehör: Angestellte der SBB bei der Trauerfeier für den verstorbenen Zugbegleiter in Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Verschaffen sich Gehör: Angestellte der SBB bei der Trauerfeier für den verstorbenen Zugbegleiter in Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

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«Traurig, dass zuerst etwas Schlimmes passieren musste, bevor man etwas unternimmt.» – «Mir ist die Tür nach dem Schliessbefehl auch schon an den Rücken gestossen.» – «Ich hoffe, sein schrecklicher Tod ist nicht umsonst gewesen.»

Trauer, Wut, Vorwürfe an die SBB-Führung. Es vermischt sich gerade alles, in den Tagen nach dem tragischen Unfall in Baden, bei dem ein 54-jähriger Zugbegleiter zu Tode kam. In sozialen Medien melden sich Dutzende SBB-Mitarbeiter offen zu Wort. Sie schreiben darüber, wie sie selber schon mit Türproblemen zu kämpfen hatten. Sie schreiben darüber, wie sie Vorfälle melden, aber nie mehr etwas davon hören. Sie schreiben darüber, wie sehr sie den Verstorbenen vermissen.

Schlechte Stimmung

Am augenfälligsten wird dies wohl durch einen Spruch, der dieser Tage mehrere Kanäle von SBB-Mitarbeitenden ziert. «Es fällt uns schwer zu vertrauen, weil es anderen so einfach fällt zu lügen.» Der Spruch geistert schon länger durch das Internet – dass er just jetzt von mehreren Bähnlern gepostet wird, ist kein gutes Zeichen für das Verhältnis zwischen oben und unten.

Angestachelt wird die Stimmung durch ein Video, das seit dem Unfall kursiert. Es zeigt, wie wohl ein SBB-Mitarbeiter seinen Arm absichtlich in einer Tür des betroffenen Wagentyps einklemmt. Wahrscheinlich übersteuerter dabei den Einklemmschutz. Die SBB waren nicht erfreut, als mehrere Medien das Video veröffentlichten. Es sei ein «Versuch, die Öffentlichkeit falsch zu informieren und zu verunsichern», sagte ein Sprecher den Zeitungen von CH Media. Schadensbegrenzung. Krisenmodus.

«Man sieht es überall: Die Kulanz nimmt ab, und die Durchhalteparolen wirken kontraproduktiv.»«Locofolio»,
Zeitschrift des Berufsverbandes
der Lokomotivführer

Und wer im Krisenmodus ist, der macht Fehler. Diese Woche ging eine E-Mail an alle Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter. Unter dem Titel «Der aktuelle Abfahrprozess ist sicher für Mitarbeitende und Kunden» informierten die drei Chefs Thomas Brand (Leiter Operations), Linus Looser (Leiter Bahnproduktion) und Reto Liechti (Leiter Kundenbegleitung und Cleaning) über die Sofortmassnahmen, die nach dem Unfall vom 4. August ergriffen wurden. Die Mail ist fast eine Seite lang, doch in Erinnerung bleibt den Mitarbeitenden nur ein Satz, er ist gefettet. «Wichtig! Der gesamte Abfahrprozess muss bewusst und konsequent eingehalten werden.» Zugbegleiter, mit denen diese Zeitung geredet hat, nehmen vor allem den Subtext des Satzes wahr: Selber schuld, wer den Abfahrprozess nicht bewusst einhält. Es ist nur ein Detail, es ist etwas spitzfindig, doch in diesen Tagen verträgt es noch weniger als sonst. Es verträgt fast gar nichts mehr.

Darum ist dieser Mittwoch für die SBB so wichtig. Schadensbegrenzung. Krisenmodus. In der SBB-Instandhaltungswerkstatt Herdern in Zürich wird über die bisherigen Erkenntnisse nach dem tödlichen Unfall informiert, und es sind keine guten Nachrichten. Sonderkontrollen haben am Wagentyp, mit dem der Zugchef in Baden tödlichverunglückte, versteckte Mängel und Defekte aufgedeckt. 493 «Einheitswagen IV» sind in der Schweiz unterwegs, sechs bis sieben Wochen werden die Kontrollen aller Wagen dauern. Stand gestern haben die SBB fünf Türen entdeckt, bei denen der Einklemmschutz nicht funktioniert – wie beim Unfallwagen. «Diese Defekte wären auch bei den regulären Kontrollen entdeckt worden», beteuerte Linus Looser.

Abfertigung per SMS

Inwiefern von den defekten Türen eine Gefahr für die Passagiere und die Kunden ausgeht, sagte Looser nicht. Gemäss der Sicherheitseinschätzung der Bahn sei es aber nicht nötig, die 493 Wagen aus dem Verkehr zu ziehen, wie das die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) ursprünglich verlangt hatte. Gestern traf sich eine Vertretung der Gewerkschaft mit der Leitung des Personenverkehrs und deponierte weitere Forderungen. So soll unter anderem als Sofortmassnahme die Abfahrerlaubnis erst nach dem Einsteigen des Zugbegleiters und per SMS oder Anruf an den Lokomotivführer erteilt werden – wie es heute schon vorgesehen ist, wenn die Türsteuerung gestört ist. Die Gewerkschaft kassierte eine Absage. Man könne die Abfertigung nicht von heute auf morgen umstellen, weil sie sicherheitsrelevant sei, sagte Looser vor den Medien und versprach, den gesamten Prozess zu überprüfen.

Es ist nicht der erste Zusammenstoss zwischen Gewerkschaft und Chefetage, nicht der erste Zusammenstoss zwischen Basis und Spitze. Der tragische Unfall und die Folgen davon sind nur ein Indiz für ein Verhältnis, das schon länger nicht mehr richtig zu funktionieren scheint. Wer eine Ahnung davon erhalten möchte, wie gross der Unmut in der Basis tatsächlich ist, muss nur die aktuelle Nummer von «Locofolio» anschauen, der Verbandszeitschrift des Berufsverbands der Lokomotivführer. «Das ist genial, eine ultimativ neue Herausforderung», ätzt der Verbandspräsident auf Seite 7 über ein Projekt zur halbautomatischen Bedienung von Zügen. «Multipliziert man all diese Zusatzefforts, erkennt man staunend, dass ein Lokführer heute an drei Orten gleichzeitig sein kann», kommentiert ein Lokführer auf Seite 16 die nächste Reorganisation im Personenverkehr.

Auf Seite 19 schliesslich der finale Schuss, abgefeuert vom Präsidenten der Sektion Ostschweiz des Verbands: «Man sieht es und hört es überall: Die Kulanz nimmt ab, und die Durchhalteparolen wirken mittlerweile kontraproduktiv. Selbst bei den loyalsten Mitarbeitern schleicht sich eine Gleichgültigkeit und Überdruss ein. Sie wissen, dass ihre professionelle Meinung nicht mehr gefragt ist, sondern sehen sich in die Rolle der Ausputzer gedrängt.» Personalmangel, falsche Ausbildungsstrategie, mangelhaftes Einsatzmanagement, fehlende Wertschätzung – Fundamentalkritik von unten.

Zäh und aufreibend

Und da ist noch mehr. Die Verhandlungen zu einem neuen Gesamtarbeitsvertrag im vergangenen Jahr waren zäh und aufreibend. Die SBB wollten den Kündigungsschutz kippen. Der besagt: Wer unter 58 ist und mindestens vier Jahre bei den Bundesbahnen gearbeitet hat, dem muss ein neuer Job angeboten werden, falls sein alter Job aus wirtschaftlichen Gründen gestrichen wird. Nach monatelangen Verhandlungen blieb der Kündigungsschutz drin. Doch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat die harte Gangart der SBB während der Verhandlungen Unmut ausgelöst. Ein Gefühl, das bis heute nachhallt.

Oder das Programm Kundenbegleitung 2020. Damit verändert die SBB-Führung das Berufsbild der Zugbegleiter. Neben dem Namen – neu Kundenbegleiter – ändern sich auch die Anforderungen. Die Begleiter sind nun vielfach alleine auf Zügen, wo vorher eine Zweierbesetzung normal war. Ein weiterer Vorwurf der Gewerkschaften an die SBB: zu wenig Ausbildung beim Übergang vom alten zum neuen Berufsbild. Das verunsichere die Zugbegleiter, demotiviere gar.

Die Boni für die Chefetage, das Sabbatical von SBB-CEO Andreas Meyer, sein vom Bundesrat als zu hoch empfundener Lohn, die Reorganisationen und Zusatzefforts und Überstunden und fehlerhaften Informatikprogramme: Es reicht den Bähnlern. Das Vertrauen scheint weg. Was will die Spitze dagegen unternehmen?, wurde Linus Looser gestern in der Werkstätte der SBB gefragt. Man müsse präsenter sein, draussen bei den Mitarbeitern, sagte Looser. «Nähe zeigen», nennt er es.

Erstellt: 14.08.2019, 21:00 Uhr

«Das darf nie mehr passieren!»

Nicht nur die Medien wurden gestern durch die SBB-Spitze informiert, auch die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) traf sich mit der Leitung der Bundesbahnen. In einer Mitteilung an seine Mitglieder unter dem Titel «Das darf nie mehr passieren!» listete der SEV danach seine Forderungen auf: Unter anderem verlangt die Gewerkschaft Nachkontrollen, ob auch bei anderen Wagentypen der Klemmschutz nicht funktioniert, die Überprüfung des Abfahrprozesses und die sofortige Umstellung dieses Prozesses auf ein Notfallszenario. Demnach soll der Zugbegleiter die Abfahrt nach dem Einsteigen dem Lokführer per SMS oder Anruf freigeben. (red)

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