Der Angriff auf die BBC

Die BBC ist die beste Fernsehanstalt der Welt. Doch das nützt ihr nichts. Die britische Regierung arbeitet an ihrer Zerstückelung. Aus ideologischen Gründen.

Ungewisse Zukunft: Was passiert mit BBC wenn die finanzielle Basis wegbricht?

Ungewisse Zukunft: Was passiert mit BBC wenn die finanzielle Basis wegbricht?

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Unter Beschuss ist die BBC seit langem. Tag für Tag feuern kommerzielle Rivalen und konservative Kritiker neue Salven auf die britische Rundfunkanstalt ab. Jetzt aber sieht man Tory-Minister regelrechte Pulverfässer an die Aussenmauern der Anstalt rollen. Ihre Anhänger fürchten, dass ihnen bald der ganze Sender um die Ohren fliegt.

In diesem Sommer, urteilt der «Guardian», habe «der wirkliche Kampf um die Zukunft der BBC» begonnen. Die frühere Rundfunkrats-Vorsitzende Diane Coyle warnt vor einem «fundamentalen Angriff» auf die weltberühmte Anstalt. Einige Kommentatoren prophezeien bereits das Ende der BBC, «wie wir sie kennen».

Verwundert fragen sich viele Briten, ob es wirklich so ernst stehen könne um den Sender. Immerhin ist die «Beeb» neben der Monarchie die erfolgreichste und nach dem nationalen Gesundheitswesen die populärste Insel-Institution. Sie ist ausserhalb Chinas die grösste Rundfunk- und Fernsehanstalt der Erde. Und bis heute wohl auch die angesehenste der Welt.

Ihr Ansehen hat natürlich, seit sie 1926 zur öffentlichen Einrichtung wurde, mit ihrer relativen Unabhängigkeit von Regierungen wie von Geschäftsinteressen zu tun. Eine königliche Charta und eine Finanzierung aus Rundfunkgebühren – statt aus Steuergeldern – sollten ihre Eigenständigkeit garantieren. Sozialer Konsens hat der BBC auf den Weg geholfen. Kreativer Geist in Broadcasting House hat sie zur Blüte gebracht.

Das Aushängeschild Grossbritanniens

Fast neunzig Jahre lang hat sich das Modell als bemerkenswert haltbar erwiesen. Bis heute kann sich die BBC rühmen, Stimme und Aushängeschild Grossbritanniens zu sein. Sie ist gleichzeitig verlässliche Nachrichtenzentrale, breites Forum politischer Debatte, moderne Lehrstube für die Massen und grösste und bunteste Unterhaltungsbühne im Königreich.

Umfragen zeigen, dass 96 Prozent der Bevölkerung die BBC jede Woche nutzen. Der Durchschnittsbrite verbringt jeden Tag 2 Stunden und 40 Minuten bei der BBC. Als «Soundtrack für die Nation», als «eine nie abreissende Konversation auf bemerkenswertem Niveau» hat die Kolumnistin Polly Toynbee die BBC einmal bezeichnet. Von der Leuchtkraft der BBC sei «britische DNA bis auf den Grund gefärbt».

Nicht dass so viel Anhänglichkeit blind macht für aktuellen Reformbedarf beim Sender. Zu viel Administration, Mängel an Effizienz, überhöhte Top-Gehälter haben in den letzten Jahren einige Schlagzeilen gemacht. Die wachsende Webpräsenz der BBC allerorten hat zu Unmut geführt bei der kriselnden Presse. Und viele technologische Fragen sind bis heute ohne Antwort.

Und doch sind diese Entwicklungen nicht das zentrale Problem für die Zukunft des Senders. Das Problem sieht der «Guardian» im «widrigen politischen Klima» unserer Zeit.

Zunehmend wächst die Befürchtung, dass die im Mai zu einer absoluten Mehrheit gekommenen und auf weitflächige Privatisierung erpichten Konservativen es sich zum Ziel gesetzt haben, die BBC bewusst zu schwächen und sie vom Zentrum der britischen Gesellschaft in eine blosse Rand­erscheinung zu verwandeln – teils, um sich für die Unterstützung durch die grossen Medienmogule zu bedanken, teils, weil der Erfolg einer öffentlichen Einrichtung wie der BBC sie ideologisch irritiert.

Schatzkanzler George Osborne hat darum Ende Juni, in einem echten politischen Coup, die Kosten der Gebührenbefreiung für die über 75-Jährigen vom Budget des Arbeitsministeriums auf die BBC-Kasse abgewälzt. Diese Massnahme kostet die BBC glatt ein Fünftel ihrer Einnahmen. Mehrere Kanäle, womöglich auch der 24-Stunden-Nachrichtenkanal, müssen geschlossen werden. Mit Kürzungen muss auch die Website rechnen, deren «imperiale Ambitionen» Osborne ärgern.

«Die BBC-Spiele»

Was es bedeutet, wenn der BBC die finanzielle Basis wegbricht, ist unschwer zu sehen. Olympische Spiele zum Beispiel waren immer Sternstunden der Anstalt. Londons Olympische Spiele von 2012 waren, von jedermann bewundert, «die BBC-Spiele». Die BBC brachte, wie immer bei grossen Anlässen, die Nation zusammen. Doch von 2022 an wird sie keine Olympischen Spiele mehr ausstrahlen – weil sie die nötige Milliarde Pfund für künftige Übertragungen nicht mehr hat. Private Sender erhalten, wie schon beim Fussball, den Zuschlag. Das trägt ihnen Werbung oder Abonnenten ein. Für den öffentlichen Funk aber bedeutet das: schrumpfendes Angebot, geringere Attraktivität, schwindendes Prestige, weniger Einnahmen. Es ist eine Spirale, die schnell nach unten führt.

Ganz nebenbei hat Osborne mit der Überantwortung der Kosten die BBC über Nacht in eine Art Zweigstelle des Arbeitsministeriums verwandelt und ihr so ein gutes Stück Unabhängigkeit genommen. Bei der BBC selbst hat man keinen Zweifel daran, worauf das zielt. Die BBC soll als eigenständige Institution demontiert, Sendern wie Sky oder ITV sollen neue Profitquellen eröffnet werden. Mit Medienmogul Rupert Murdoch traf sich Osborne offenbar kurz vor dem BBC-Kürzungsbeschluss in der Downing Street.

Auch John Whittingdale, Camerons neuer Medienminister, ist ein ausgesprochener Bewunderer Murdochs und Freund weiterer Grossver­leger. (Die nationale Presse unterstützt zu 85 Prozent die Tory-Partei.) Als Thatcherist und Verfechter des freien Marktes sähe der Minister es gern, wenn die BBC bald auch ihre populärsten Unterhaltungsprogramme abgäbe und sich als Produzentin quasi zur Ruhe setzte.

Denn wie Osborne hegt Whittingdale wenig Sympathien für öffentliche Institutionen. Er geht davon aus, «dass Dinge normalerweise besser funktionieren, wenn sie in Privatbesitz sind». Der Medienminister hatte vor Jahren schon empfohlen, die BBC-Gebühren «mindestens zu halbieren» und den lukrativen globalen Vermarktungszweig der BBC abzustossen: Es wäre das Ende für so grossartige Serien wie «Sherlock», «Dr. Who» oder «Downton Abbey».

Vielen Tories wäre es in der Tat am liebsten, wenn die BBC alles Gewinnbringende «den anderen» überliesse und sich auf Wetterberichte, Naturkundesendungen und ein bisschen Drama konzentrieren würde – eine britische Version des traurigen öffentlichen Fernsehens in den USA. Dieser Plan geht an die Fundamente der britischen Anstalt. Ohne ihren alten Auftrag, ohne ihre zentrale gesellschaftliche Rolle hätte die BBC nicht mehr viel zu tun. Nur: Was wäre Grossbritannien ohne die BBC?

Erstellt: 07.08.2015, 19:33 Uhr

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