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Der ausgepowerte US-Mittelstand

Die Löhne der US-Arbeitnehmer sind auf das Niveau von 1993 gerutscht. Und was verspricht Mitt Romney? Die «Vertrauensfee», wie es Paul Krugman argwöhnisch zitiert. Dabei liegt die Hoffnung ganz woanders.

Amerika braucht eine Wirtschaftspolitik, welche die Kaufkraft des Mittelstandes wiederherstellt: Wal-Mart Supercenter in Nevada, USA.
Amerika braucht eine Wirtschaftspolitik, welche die Kaufkraft des Mittelstandes wiederherstellt: Wal-Mart Supercenter in Nevada, USA.
Keystone

Selbst konservative Kommentatoren sprechen inzwischen davon, dass die Löhne der amerikanischen Arbeitnehmer stagnieren. Das ist im besten Fall eine Untertreibung oder im schlimmsten Fall eine Lüge. Die jüngsten offiziellen Zahlen des US Census Bureau sprechen eine ganz andere Sprache: Der durchschnittliche amerikanische Haushalt ist heute 4,8 Prozent ärmer als 2009. Das durchschnittliche Einkommen ist gar auf das Niveau von 1993 gefallen. «Alle Gewinne der Clinton-Jahre sind vernichtet worden», stellt die «Financial Times» fest. «Der amerikanische Mittelstand steht nicht vor einem Aufbruch, sein Abstieg hat sich im Gegenteil verschlimmert.»

«Wenn ich die Wahl gewinne, dann kehrt der Optimismus zurück»

Die nackten Zahlen stehen im krassen Gegensatz zur politischen Propaganda der Republikaner. Ihr Präsidentschaftskandidat Mitt Romney tritt die Endphase des Wahlkampfes mit einer These an, die sich wie folgt zusammenfassen lässt: Wenn ich die Wahl gewinne, dann kehrt der Optimismus zurück, die Unternehmen investieren wieder und die Konjunktur springt wieder an. Nobelpreisträger und «New York Times»-Kolumnist Paul Krugman spricht deshalb von einer «Vertrauensfee».

Der Glaube, allein das Vertrauen in eine stabile Wirtschaftspolitik würde die Konjunktur ankurbeln, sei lächerlich, argumentiert Krugman. Als Beispiel zitiert er den ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet. Dieser hat seine Austeritätspolitik mit genau diesem Argument begründet – und hat damit Schiffbruch erlitten. «Der Glaube an die Vertrauensfee und die Austeritätsprogramme haben in weiten Teilen Europas zu einem Depressions-ähnlichen Abschwung der Wirtschaft geführt», stellt Krugman fest.

Drei gute Gründe, die hoffen lassen

Solange die Konsumenten kein Geld in der Tasche haben, können sie es auch nicht ausgeben, und solange der Konsum lahmt, investieren auch die Unternehmen nicht. Diese banale Erkenntnis von John Maynard Keynes gilt auch heute noch. Das muss jedoch nicht zwingend heissen, dass sich die Verelendungsspirale der US-Wirtschaft immer weiter nach unten drehen muss. Es gibt drei Gründe für Hoffnung:

1. Die geschrumpften Löhne und der schwache Dollar haben die Wettbewerbsfähigkeit der US-Exportwirtschaft erhöht. Die Beratungsfirma Boston Consulting Group rechnet damit, dass so bis ins Jahr 2020 zwischen zwei und fünf Millionen neue Industriejobs geschaffen werden könnten.

2. Die Häuserpreise scheinen endlich den Tiefpunkt erreicht zu haben. Sie haben das Vertrauen der Amerikaner am nachhaltigsten erschüttert.

3. Dank der Förderungsmethode Fracking können neue Erdgas- und Erdölquellen erschlossen werden. Die Abhängigkeit der USA vom Import fossiler Energieträger, und damit ihr chronisches Handelsdefizit, nimmt ab.

Die Chancen für einen Aufschwung der US-Wirtschaft sind intakt. Voraussetzung dafür ist nicht der Glaube an eine imaginäre Vertrauensfee, sondern eine Wirtschaftspolitik, welche die Kaufkraft des Mittelstandes wiederherstellt.

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