Sparsamer als die Schotten – der Bier-Gigant vom Zürichsee

Jorge Paulo Lemann steht hinter der heutigen Bier-Grossfusion. Wer ist der Milliardär, der bei den Grasshoppers Tennis spielt und mit dem Zug zur Arbeit fährt?

Was kostet die Welt? Eine Illustration zeigt Jorge Lemanns Besitztümer. Illustration: Rafa Alvarez

Was kostet die Welt? Eine Illustration zeigt Jorge Lemanns Besitztümer. Illustration: Rafa Alvarez

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Als Jorge Paulo Lemann das Geschäft seines Lebens machte, im Sommer 2008, ritt er auf einem Kamel durch die Wüste Gobi. Schon länger arbeitete er daran, grösster Bierbrauer der Welt zu werden, er war bereits Herr über 300 Marken, von Beck’s in Deutschland über Brahma in Brasilien bis zu Stella Artois in Belgien. Nun nahm er die bisherige Nummer eins ins Visier – den US-Konzern Anheuser-Busch mit seiner Weltmarke Budweiser. Ein feindlicher Angriff, ein gigantisches Unterfangen.

Lemann, heute 76, ein hagerer Mann mit den Fitnesswerten eines 40-Jährigen, war mit seinem Freund Fernando Henrique Cardoso, früher Präsident Brasiliens und einer der führenden Intellektuellen Südamerikas, in der Mongolei unterwegs. Ab und zu griff Lemann zum Handy – Anheusers Familienpatriarch August Busch IV verlangte eine Erklärung. «Jorge Paulo blieb völlig souverän», erzählt sein Freund Cardoso. «Er ist die Ruhe selbst, auch unter grösstem Stress.»

Man könne sich gern mal treffen, sagte Lemann dem Amerikaner, aber momentan sitze er auf einem Kamel. Bei den Amerikanern brach Panik aus. Ein Brasilianer von der Copacabana? Ein ehemaliger Beachboy und Tennisprofi? Die Bosse trommelten Staranwälte und Investmentbanker für eine Verteidigungsschlacht zusammen. Am Ende aber siegte Lemann. Für 52 Milliarden Dollar wurden er und seine Investmentfirma 3G Capital Hauptaktionäre des grössten Bierkonzerns der Welt: AB Inbev. Dieses Ziel hatte er zwanzig Jahre lang verfolgt. «Das ist das Erstaunliche», sagt Cardoso, «Jorge Paulo plant von langer Hand. Immer nach dem Motto: Think Big. Das war ja erst der Anfang.»

Jorge Paulo Lemann besucht mit seiner Frau Susanna die 38. Allen and Company Media and Technology Conference in Idaho. Bild: Keystone

Vor zweieinhalb Jahren übernahm Lemann gemeinsam mit dem legendären Investor Warren Buffett den Ketchup-Hersteller Heinz. In diesem Jahr kam der Lebensmittelkonzern Kraft hinzu. Die Fast-Food-Kette Burger King gehört ihm seit 2010. Vier grosse US-Unternehmen in sieben Jahren – das gab es noch nie. Schon bald kommt wohl der nächste Mega-Deal hinzu. Vor drei Wochen trat AB Inbev an SAB Miller heran, die Nummer zwei der Bierbranche, um das Unternehmen für 75 Milliarden Dollar zu schlucken. Heute konkretisierten sich die Pläne – ein paar Milliarden kamen dazu. Es wird die grösste Übernahme des Jahres. Der neue Konzern wird dann ein Drittel des Weltmarktes beherrschen. Viele Biermarken, die nach Heimat klingen, sind längst in der Hand des Global Players.

Verbindlich, aufrichtig, bescheiden

Manchmal taucht er einfach bei Cardoso in São Paulo auf. Er geht vorbei an den Obdachlosen und Drogendealern und hinauf in den sechsten Stock eines Bürohauses, wo ihn sein Freund mit einer Umarmung empfängt. Der Multimilliardär Jorge Paulo Lemann hat die Geschäftswelt Brasiliens revolutioniert. Der Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso, heute 84, hat das Land von Grund auf reformiert. Brasiliens reichster Mann und Brasiliens angesehenster. Der Macher und der Denker.

«Ich mag seine Verbindlichkeit, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit», sagt Cardoso, «Tugenden, die man in unserer Wirtschaft nicht so oft antrifft. Bei uns landen Unternehmensbosse und Politiker gerade im Gefängnis. Jorge Paulo dagegen nimmt den Zug zur Arbeit.»

Mit einem Vermögen von etwa 23 Milliarden Dollar ist Lemann nicht nur der reichste Brasilianer. Er ist laut «Forbes» auch einer der reichsten Männer der Welt, der «spannendste Milliardär». Gleichzeitig ist er der grosse Unbekannte. Er besitzt zwar Burger King, isst aber kein Fast Food. Er ist der grösste Bierbrauer der Welt, trinkt aber keinen Alkohol. Er arbeitet wie ein Berserker, aber für ein gutes Tennismatch lässt er alles liegen. Ein Mann des Understatements, aber die grossen Amerikaner greift er hemmungslos an. Das ruft Bewunderung hervor. Aber auch Angst.

Vor Kurzem fand in den USA ein Treffen von Private-Equity-Firmen statt. Das Thema: Wer ist dieser Magnat aus dem Schwellenland Brasilien, der in Amerika so abräumt? Als Referentin luden sie die Fondsmanager Cristiane Correa ein, eine Finanzexpertin aus São Paulo. Zehn Jahre hat sie Lemanns Aufstieg begleitet und eine Biografie des öffentlichkeitsscheuen Asketen geschrieben.

Bloomberg News rätselt über Jorge Lemann. Video: Youtube/Billionaires 2015

Correa nannte den Investoren Eigenschaften, die sie nur von Warren Buffett kannten: einfach, reserviert, protestantische Arbeitsethik, trinkt nur Wasser, und zwar aus Plastikflaschen, höflich im Umgang, aber bei Geschäften aggressiver als die Amerikaner, disziplinierter als die Deutschen, sparsamer als die Schotten. «Kosten sind wie Fingernägel. Sie müssen ständig gekürzt werden.» Bei Anheuser-Busch etwa tat Lemann das, was er immer tut. Er krempelte alles um. Schickte seine Sanierer und entliess 1400 Mitarbeiter, auch im Top-Management. Er schaffte alles ab, was er so hasst: Hierarchien, Privilegien, sechs Privatjets, zwei Helikopter – und machte den Laden wieder flott. Da waren die Fondsmanager beruhigt. Also kein echter Brasilianer. Eher ein Schweizer.

Vier Jahre für einen Termin mit Lemann

Correa kommt zum Gespräch in ein Café im Stadtteil Itaim Bibi, dort wo São Paulo aussieht wie Manhattan. Sie hat Lemann oft aus der Nähe erlebt und auch seine andere Seite kennengelernt: Er ist kein guter Redner – nicht wie Steve Jobs. Er mag keine Auftritte – anders als Warren Buffett. Er macht sich nichts aus Geld – anders als Donald Trump. Aber er ist extrem ehrgeizig. «Ein gewonnenes Tennisturnier bedeutet ihm mehr als eine Titelgeschichte in ‹Forbes›.»

Für ihre Biografie «Dream Big» bekam Correa nur eine Stunde mit ihm. Sie sagte: «Ich habe vier Jahre gebraucht, um dieses Gespräch zu kriegen.» Er antwortete: «Ich habe zwanzig Jahre gebraucht, um Anheuser-Busch zu kriegen.»

Glaubt man Lemann, dann war es die Copacabana, die ihn auf seine Weltkarriere vorbereitete. Als Teenager ging er jeden Tag surfen und begriff, dass jede einzelne Welle eine Herausforderung ist, dass man im Leben Risiken eingehen muss: «Bis heute erinnere ich mehr an das, was ich von den Wellen der Copacabana gelernt habe, als an mein Unistudium.» Beim Tennisspielen habe er zusätzlich gelernt, alles auszublenden, sich allein auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Schon damals ging es dem Sohn einer Brasilianerin und eines Einwanderers aus dem Emmental um Disziplin, Leistung, Lernen. Er ass gesund, trank keinen Alkohol, rauchte nicht, keine Partys – nur Mädchen war er nicht abgeneigt. Aber er verliebte sich nur in solche, die ihn nicht daran hinderten, früh ins Bett zu gehen, erzählte Lemanns Cousin Alex Haegler einmal.

Jorge Lemanns Rede am Endeavor Day 1 im August 2015. Video: Youtube/ Flavio Jr

Eine Zeit lang wollte Lemann Tennisprofi werden und schaffte es ins Davis-Cup-Team, spielte sogar bei den Grand-Slam-Turnieren in Wimbledon und Paris. Als er jedoch merkte, «dass ich es nicht unter die zehn Besten der Welt schaffe, gab ich meine Tenniskarriere auf». Dann, beschloss er, «werde ich eben Weltmeister in der Wirtschaft». Sein Mantra lautet bis heute: Einen grossen Traum zu träumen macht genau so viel Arbeit wie einen kleinen. Also träume den grossen Traum!»

Sein Rezept: Kleine Gehälter, hohe Boni

1971 gründete Lemann seine erste Firma, Garantia, eine Investmentbank, er wollte aus ihr das Goldman Sachs Brasiliens machen. Er ging dabei höchst unbrasilianisch vor: Es gab keine Privatsekretärinnen, keine reservierten Parkplätze, kaum Hierarchien, wenig Gehalt, aber hohe Boni. In Brasilien nennen sie das heute Lemanns «Moderne Industrielle Revolution». Über Jahre baute er gute Beziehungen zu Unternehmen auf und übernahm schliesslich 1989 Brahma, den grössten brasilianischen Brauereikonzern. Schon damals hatte er die Vision, eines Tages die Nummer eins der Brauwelt zu sein.

«Ich hätte ihm gesagt: Das ist keine Vision, das ist ein Delirium», sagt Jim Collins.

Collins, einst Professor an der Stanford University und heute einer von Amerikas Business-Gurus, hat das Erfolgsmodell von 3G Capital eingehend studiert. Er kommt zu dem Urteil: Lemann sei ein Visionär wie Henry Ford, Steve Jobs oder Walt Disney. Er stehe für ein knallhartes System der Meritokratie: Stecke dir allerhöchste Ziele, um deine Leute zu motivieren. Schare die besten Talente um dich, und gib ihnen viel Verantwortung. Bewerte sie nur nach Leistung. Ordne alles der Firmenkultur unter: völlige Transparenz, einfache Strukturen, keine Statussymbole. Keine Fünf-Sterne-Hotels. Selbst Manager teilen sich Hotelzimmer und fliegen Economy. Selbst Lemanns Kinder müssen durchs Trainee-Programm und schleppen Getränkekisten.

15 Schüsse auf den gepanzerten VW Passat

Das Ergebnis: Schon nach wenigen Jahren lenken junge Leute bei 3G Capital Weltunternehmen, sie kürzen und sparen und holen die letzten Reserven aus Firmen und Mitarbeitern. Viele, die unter Lemann durchgehalten haben, sind heute Multimillionäre. Auf 147 Stellen für Uniabsolventen kommen an die 100'000 Bewerber. Ehemalige Mitarbeiter sagen, der «Meister der Austerität» mische sich in alles ein, bis ins Verbot von Farbkopien. Er verschlanke gnadenlos. «Vergiss die Work-Life-Balance», so ein früherer Manager. «Wer nicht leistet, fliegt.»

Die Brasilien-Zentrale in Rio ist ein einfacher Bau und zugleich so etwas wie eine Festung. Es gibt hier keine Auskunft ausser: Wir geben keine Auskunft. Auch das gehört zu Lemanns Modell: totale Verschwiegenheit.

Dass Lemann die Öffentlichkeit so scheut, hat auch einen anderen Grund. 1999 versuchten professionelle Kidnapper, seine drei Kinder auf dem Weg zur Schule in São Paulo zu entführen. Laut Zeitungsberichten gaben die Kidnapper 15 Schüsse auf den gepanzerten VW Passat ab. Der Fahrer konnte fliehen, und die Kinder blieben unverletzt. Lemann regelte die traumatische Erfahrung auf seine Weise. Er sprach kurz mit der Polizei. Danach gingen die Kinder zur Schule und er zur Arbeit. Für die untypische einstündige Verspätung entschuldigte er sich.

Am Tag darauf zog er mit der Familie an den Zürichsee.

Dort lebt der Schweizbrasilianer noch heute. Die Kinder aus seiner zweiten Ehe fuhren frei mit dem Fahrrad umher, er selber nimmt den Zug und spielt Tennis bei den Grasshoppers Zürich. Geschäftsreisen führen ihn vor allem nach Amerika. Mit Warren Buffett hat er einen kongenialen Partner gefunden. Sie kennen sich seit fast zwanzig Jahren. Noch so einer, der sich nichts aus Luxus macht, aber den Wettkampf liebt. Gemeinsam suchen die beiden nach dem nächsten «Big Deal». «Viele Geschäftsleute sehen sich im Zentrum und lechzen nach Anerkennung», sagt Buffett über Lemann. «Jorge Paulo ist das Gegenteil.»

Der übernächste Grosseinkauf? Die Spekulationen häufen sich. Es könnte Kellogg’s werden oder der Spirituosenhersteller Diageo (Guinness), wird spekuliert, womöglich gar Pepsi oder Coca-Cola.

Sein vorerst grösstes Ziel hat Lemann bereits erreicht: Schweizer Teammeister im Seniorentennis zu werden. Im Endspiel zerlegte er seinen Gegner in zwei Sätzen. 6:2 und 6:0.

* Dieser Artikel erschien in der vorletzten Ausgabe des «Magazins».

Erstellt: 13.10.2015, 15:04 Uhr

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