«Der Bundesrat meinte, er könne beim Preis feilschen»

Pilatus-Präsident Oscar Schwenk verrät, wer den ersten PC-24 bekommt und welches neue Flugzeug er als nächstes bauen möchte.

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Ist es nicht etwas frustrierend für Sie? Ihren neuesten Flieger, das Düsenflugzeug PC-24, können Sie derzeit gar nicht verkaufen.
Es ist fast schon etwas arrogant, was wir da machen. Aber es war ein bewusster Entscheid, bei unserem neuesten Flugzeug PC-24 vorerst keine Bestellungen mehr anzunehmen. Wir haben nun 84 Stück verkauft und sind damit bis Ende 2019 ausverkauft. Das reicht vorerst.

Warum machen Sie das?
Bislang baute Pilatus nur Propellerflugzeuge. Der PC-24 ist unser erstes Düsenflugzeug. Erst wenn wir alle Zulassungen bekommen haben, nehmen wir wieder Bestellungen an. Wir wollen ganz sicher sein, dass wir beim PC-24 das halten können, was wir versprechen. Das wird im Oktober 2017 so weit sein.

Gibt es bis dahin eine Warteliste?
Durchaus. Und sie ist sehr lang.

Wie kommt man da nach vorne?
Wer bereits heute ein guter Pilatus-Kunde ist, der bekommt einen guten Platz auf der Warteliste. Auch unsere unabhängigen Händler in den USA, die seit Jahren einen guten Job machen, werden vorne platziert. Und dann gibt es sicherlich auch Wunschkunden, die wir sofort bedienen würden. Wenn Bill Gates mich anruft und einen PC-24 wünscht, dann werde ich ihm auch einen geben.

Riskieren Sie mit dem Orderstopp nicht, Kunden zu verlieren?
Solche Fälle gibt es. Aber damit können wir leben. Die Nachfrage ist genug gross.

Der PC-24 fliegt nun seit einem Jahr. Zufrieden mit den Tests?
Ich bin mehr als zufrieden. Bei Pilatus prahlen wir nicht gerne. Eines kann ich Ihnen aber sagen: Der PC-24 wird mehr leisten als geplant. Er wird unter anderem schneller fliegen als angekündigt.

«Wenn Bill Gates mich anruft und einen PC-24 wünscht, dann werde ich ihm sicher auch einen geben.»

Gab es auch Negatives?
Natürlich. Wenn alles rundläuft, dann ist es ein Zeichen, dass Sie zu wenig verlangt haben. Wir wollen einen sehr guten Flieger bauen und setzten uns daher sehr hohe Ziele. In den Tests findet man dann immer Dinge, die man noch verbessern muss.

Bildstrecke – als der PC-24 im Sommer 2014 in Buochs erstmals präsentiert wurde:

Die erste Auslieferung haben Sie auf 2017 angekündigt. Können Sie den Termin einhalten?
Ja. Im November 2017 bekommt der erste Kunde seinen PC-24.

Ist das der Bundesrat, er bestellte den PC-24 als neuen Bundesratsjet?
Nein. Der Bundesrat muss länger warten. Die Regierung kommt im Spätsommer 2018 dran. Bis dahin sind dann alle Kinderkrankheiten, die es immer gibt, ausgemerzt. Das erste Flugzeug geht an die amerikanische Firma Planesense. Sie betreibt schon jetzt eine Flotte von 35 Pilatus PC-12. Wir haben bei der Auswahl der ersten Lieferungen allgemein darauf geschaut, dass wir schnell auf allen Kontinenten präsent sein werden. Auch ein guter Kundenmix war uns wichtig.

PC-24 und PC-12 haben ein grosses Frachttor und können auch auf Schotterpisten starten. Können Sie eigentlich sicherstellen, dass keine Drogenbosse einen Pilatus ordern?
Bei Militärflugzeugen können wir das inzwischen zu hundert Prozent sicherstellen. Wir haben nach den negativen Einzelfällen vor mehr als zwanzig Jahren, wo unsere Flugzeuge nachträglich bewaffnet wurden, einen strengen Ethikkodex eingeführt. Das heisst auch, dass wir Aufträge ablehnen. In den letzten rund acht Jahren haben wir mindestens fünf Geschäfte mit kleineren Ländern bewusst nicht gemacht. Die Konkurrenz ist da dankend eingesprungen. Wir können das, weil es uns gut geht.

Und bei den Privatflugzeugen . . .
Wenn wir wüssten, dass das Flugzeug am Ende für Waffen- oder Drogenschmuggel gebraucht wird, würden wir einen Vertrag ablehnen. Ganz klar. Das kann man aber nie wissen. Darum haben wir fast keine Handhabe, da sich solche Leute auch über den Zweitmarkt einen Pilatus beschaffen könnten.

Bildstrecke – im Mai 2015 hob die Maschine erstmals ab:

Der Bundesrat ist dagegen ein Vorzeigekunde. Bekommt er Rabatt?
Der Bundesrat meinte zwar, er könne feilschen. Aber auch er muss die 8,9 Millionen Dollar bezahlen, wie Nestlé-Präsident Peter Brabeck. Das ist ein ausgezeichneter Preis.

Ab wie vielen verkauften PC-24 rechnet sich das Projekt?
Das weiss ich selbst noch nicht genau. Es hängt vom künftigen Preis ab. Ich kann Ihnen aber sagen, dass wir bislang 400 Millionen Franken investiert haben.

Die Entwicklungskosten haben Sie also bereits mehr als eingespielt . . .
Brutto gerechnet schon.

«Die hohen Löhne fliessen hundertmal zurück an die Firma – in der Form von guter Arbeit.»

Kannibalisieren Sie mit dem PC-24 nicht Ihren Verkaufschlager PC-12?
Das kann sicher passieren. Aber bislang spüren wir diesen Effekt überhaupt nicht. Denn es gibt auch Firmen, die einen PC-12 haben und zur Ergänzung einen PC-24 wollen. Oder Privatleute, die auf einen PC-24 wechseln. Der Occasionsmarkt für PC-12 ist ausgetrocknet. Das heisst, die Besitzer behalten ihre Flieger. Daher sind wir zuversichtlich.

Also kein Abbau beim PC-12?
Im Gegenteil. Wir haben so viele Anfragen, dass wir sogar ausbauen. Wir fahren die Produktion in diesem Jahr von 70 Flugzeugen pro Jahr auf 90 hoch.

Trotz starkem Franken? Leiden Sie nicht darunter?
Für uns ist nicht der Euro wichtig, sondern der Dollar. Dennoch spüren wir den starken Franken bei den Margen. Aber wir haben über die Jahre gelernt, damit umzugehen. Um uns zu schützen, versuchen wir in der Regel Verträge in Franken durchzusetzen. Aber selbst das hilft nicht immer, wie sich nun in Australien zeigte. Die Regierung bestellte 49 Trainingsflugzeuge vom Typ PC-21. Danach sackte der australische Dollar ab – und die Beschaffung wurde deutlich teurer. Der vom Parlament gesprochen Kredit reichte plötzlich nicht mehr. Da kann man drei Dinge tun: weniger Flugzeuge liefern, beim Preis nachgeben oder günstigere Komponenten verbauen.

Und was machen Sie?
Wir gaben etwas beim Preis nach, und sie sprachen einen Nachtragskredit. Die Stückzahl bleibt die gleiche.

Im Video – so landete der PC-24 bei seinem Erstflug im Mai 2015:

Der Standort Schweiz bleibt?
Die Schweiz hat viele Vorteile: Wir sind berechenbar, streiken nicht, lügen nicht, sind innovativ und arbeiten gut und gerne. In vielen Ländern bremsen Gewerkschaften die Produktivität sehr. In der Schweiz gibt es keine Gewerkschaften, die diesen Namen verdienen. Auch die SP weiss nicht mehr, was sie tun soll. Die Arbeitnehmer verdienen gut und werden gut behandelt. Die Kehrseite: die hohen Löhne. Aber das ist in Ordnung, solange die Leistung stimmt.

Die hohen Löhne fressen Marge . . .
Ja. Dennoch zahlen wir bei Pilatus immer allen einen Bonus. Bei uns bekamen alle Mitarbeitenden in den vergangenen Jahren 14,5 Monatslöhne. Das ist viel Geld. Aber es fliesst hundertmal zurück an die Firma – in Form von guter Arbeit. Denn das Einzige, was wir haben, sind unsere guten Angestellten. Das ist unser Kapital, der Vorteil des Standortes.

Das heisst, wir können von Pilatus neue Schweizer Projekte erwarten?
Durchaus. Kürzlich wurde beispielsweise ein neues Konkurrenzprodukt von Textron Aviation vorgestellt. Alle wissen, dass der amerikanische Konzern 1:1 den PC-12 kopiert. Es ist das genau gleiche Konzept. Vielleicht ist der Motor etwas stärker, da er neuer ist. Der PC-12 ist ja bereits zwanzigjährig. Aber abkupfern, das würden wir bei Pilatus nie tun. Man muss etwas Neues bringen.

Also bringt Pilatus etwas Neues?
Wir werden eine Antwort geben. Nicht umgehend, da wir jetzt stark mit dem PC-24 beschäftigt sind, aber mittelfristig. Wir haben immer angekündigt, nach erfolgreicher Einführung des PC-24 den PC-12 grundlegend zu überarbeiten. Es ist denkbar, dass wir dann auch mit einem neuen Motor kommen werden.

Also eher eine Weiterentwicklung als etwas ganz Neues?
Der PC-12 ist ein Riesenerfolg, den wird es immer geben. Daher werden wir ihn noch besser machen. Das heisst nicht, dass wir nicht auch die Entwicklung eines neuen Flugzeugs prüfen.

Wird das Projekt eher militärisch oder eher zivil sein?
Auf der militärischen Seite sind wir so gut aufgestellt, dass wir keinen Handlungsbedarf sehen. Es kann aber gut sein, dass wir bei den zivilen Fliegern nochmals etwas tun. Vielleicht finden wir nochmals eine Nische.

Eine Nische zwischen PC-12 und PC-24?
Sie muss nicht unbedingt dazwischen liegen, sondern kann auch darunter oder darüber sein. Oder am Ende liegt sie auch daneben.

Daneben?
Einer meiner Träume ist es, einen Spezial-Frachtflieger zu bauen. Einer, mit dem man Gefängnisinsassen sicher transportieren kann oder schnell verderbliche Medikamente oder Organe.

So viele Projekte. Das heisst, Sie müssen noch viele Jahre arbeiten . . .
(lacht) Ja, das ist wohl so. Ich bin 72, aber kann nicht ohne Arbeit sein. Es müssen aber nicht auf ewig Flugzeuge sein. Ich besitze noch die Mineralwasserquelle Knutwil, einen Bauernhof im Kanton Luzern und eine Farm in Australien. Es gibt genug zu tun für mich.

Erstellt: 05.06.2016, 23:16 Uhr

Oscar J. Schwenk: Präsident Pilatus Aircraft

Die 1939 gegründeten Pilatus Flugzeugwerke wurden mit dem Pilatus Porter PC-6 bekannt, der bis heute gebaut wird. Die Umsatzbringer sind aber inzwischen die Trainingsflugzeuge PC-7 MkII, PC-9 M und PC-21, die von Luftwaffen weltweit gekauft werden. Daneben baute sich das Unternehmen mit Hauptsitz in Stans NW in den letzten Jahren mit dem PC-12 ein starkes ziviles Standbein auf. Nun kommt der Businessjet PC-24 hinzu. Oscar J. Schwenk prägt das Unternehmen seit Jahrzehnten. Der Luzerner studierte Kunst, Philosophie und Agrarwissenschaften, bevor er 1979 zu Pilatus kam. Von 1994 bis 2012 war er Konzernchef, seit 2013 nur noch Verwaltungsratspräsident. (se)

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