Wie lange hält Frankreich am gefallenen Superstar fest?

Renault-Chef Carlos Ghosn sitzt in Tokio im Gefängnis. Zuhause kann er aber auf Rückhalt zählen. Noch. Eine Geschichte über Geld, Gier und Grössenwahn.

Der Renault-Chef Carlos Ghosn muss am Dienstag in Tokio vor Gericht erscheinen. Foto: Regis Duvignau (Reuters)

Der Renault-Chef Carlos Ghosn muss am Dienstag in Tokio vor Gericht erscheinen. Foto: Regis Duvignau (Reuters)

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Der Mann war knallhart und erfolgreich. Man erzählte sich, dass er am Morgen der Erste im Büro war und abends der Letzte. Wenn er nicht da war, arbeitete er im Privatjet der Firma Nissan weiter: Renault-Chef Carlos Ghosn, der Mann, der den Autokonzern Nissan vor der Pleite gerettet hat, der Mann mit den drei Pässen – Brasilien, Libanon, Frankreich. Er sei «kein Ausserirdischer, wohl aber ein Multiirdischer», sagte er einmal über sich selbst.

Ghosn hat das Dreierbündnis geschmiedet und soll Pläne verfolgt haben, die Partner nach seinen Vorstellungen zu fusionieren. So wäre er zum Schöpfer eines der grössten Autokonzerne der Welt geworden. Dann kam der 19. November. Seither sitzt Carlos Ghosn (64), der zuletzt mehr als 16 Millionen Euro im Jahr verdient hat, in einem Gefängnis in Tokio. Er ist seine Jobs als Verwaltungsratschef bei Nissan und Mitsubishi los. Nissan wirft dem gefallenen Ex-Chef vor, seine Bezüge bei dem Unternehmen viele Jahre lang zu niedrig angegeben und Firmengelder veruntreut zu haben. Warum? Er fand es nicht verwerflich, immer noch mehr zu wollen. «Dass Ronaldo und Messi ein Vermögen verdienen, wird akzeptiert, aber bei Unternehmenschefs nicht», sagte er einmal.

Erbitterter Machtkampf

Es geht bei dieser Geschichte nicht nur um Gier und Geld. Es ist auch die Geschichte eines erbitterten Machtkampfs. Die Japaner haben sich an ihm gerächt. Der Machtmensch, der die Allianz aus Renault und Nissan «unumkehrbar» machen wollte und dessen exorbitant hohe Gehälter allen japanischen Gepflogenheiten widersprachen, hat mit seinen Plänen das Nissan-Management gegen sich aufgebracht. In Tokio ist von einer «Re-Japanisierung» Nissans die Rede. Ghosns Tochter Caroline sagte der «New York Times», dass sie überzeugt davon sei, dass die Ermittlungen, die von Nissan angestossen worden seien, ein Komplott seien. Gegen «die Fusion, die mein Vater vorbereitete», wie sie sagte.

Der Manager war am 19. November in einem Privatjet der Firma Nissan auf dem Flughafen Tokio-Haneda gelandet. Für den Abend hatte er sich mit seiner jüngsten Tochter Maya zum Nachtessen verabredet. Doch Carlos Ghosn kam nicht. Staatsanwälte empfingen ihn am Flughafen. Nach über zwei Stunden Verhör wurde er ins Unter­suchungsgefängnis von Tokio gebracht.

Ghosn war ins Visier von Nissan-internen Prüfern geraten, die wissen wollten, ob sein Einkommen gegenüber der Tokioter Börse zu niedrig beziffert wurde. Seit 2011 soll Ghosn 40 Millionen Euro verschleiert haben. Er soll auch mit einem US-Gehilfen im Nissan-Management Pläne zur Auszahlung weiterer 124 Millionen Dollar entwickelt haben. Bei einer Firma, die Nissan 2010 in den Niederlanden ins Leben gerufen hatte, um in Start-ups zu investieren, soll ein grosser Teil des Kapitals, rund 20 Millionen Dollar, in von Ghosn genutzte Luxusimmobilien in Rio de Janeiro, Beirut und Paris geflossen sein.

Ghosns Bezüge waren elfmal höher als die des mächtigeren Toyota-Chefs. Auch in Frankreich stiessen die Vergütungen auf Unverständnis. 2015 kritisierte der damalige Wirtschaftsminister Emmanuel Macron die Vergütung als «exzessiv». 2016 heiratete Ghosn seine zweite Frau im Park des Königsschlosses von Versailles. Nissan hatte die Feier bezahlt.

Einzelzelle ohne Heizung

Ghosn soll alle Vorwürfe japanischen Medien zufolge von sich weisen. Alle Zahlungen seien abgesprochen gewesen. Nissan habe der Finanzaufsicht zwar nur die Hälfte seiner Bezüge gemeldet. Da aber eine zweite Tranche der fragwürdigen Geldsummen – etwa 8 Millionen Euro pro Jahr – erst bei Ghosns Rücktritt fällig war, habe Nissan das Geld noch gar nicht melden müssen. Gebracht hat diese Verteidigungslinie bisher nichts.

Carlos Ghosn, der von Kaiser Akihito als erster ausländischer Topmanager mit einer Medaille für seine Verdienste um Japan geehrt wurde, sitzt in einem Gefängnis in Tokio. Die Einzelzellen sollen nicht grösser sein als 4,8 Quadratmeter. Die Gefangenen schlafen auf Futons, die sie tagsüber aufrollen müssen. Es soll allerdings auch Zellen mit Betten geben. Unter dem kleinen Fenster stehen jeweils eine Toilette und ein Spülbecken. Heizung gibt es nicht. Lange Unterhosen sind verboten – damit, so die Gefängnisleitung, könnten sich die Insassen das Leben nehmen. Fernseher, Radio, Laptops und Smartphones sind nicht erlaubt. Seinen Kindern wurden Besuche bisher verwehrt, aber Diplomaten und Anwälte, die ihn im Gefängnis besuchen durften, sollen berichtet haben, dass er etwa zehn Kilo abgenommen hat.

Möglich, dass die Verbindung von Renault und Nissan von Anfang an falsch angelegt war. Schon als Renault den japanischen Hersteller vor zwanzig Jahren mit viel Geld vor dem Aus rettete, sagte Ghosns Vorgänger Louis Schweitzer, eine Fusion sei eine «Möglichkeit». Heute ist Nissan, vor allem dank Ghosns Sanierungsarbeit, das grössere Unternehmen der Allianz. Trotzdem halten die Japaner nur 15 Prozent der Renault-Aktien und haben keine Stimmrechte. Die Franzosen kontrollieren mehr als 43 Prozent von Nissan. Dieses Ungleichgewicht stört die Japaner schon lange. Sie glauben auch, dass Ghosn Renault bevorzugt behandelt.

Ghosns wichtigster Rückhalt

Philippe Riès, der frühere Büroleiter der Nachrichtenagentur AFP in Tokio und Co-Autor einer Ghosn-Biografie, sagt: «Dass Carlos Ghosn wochenlang aus dem Verkehr gezogen wird, ist ein unerlässliches Element der Intrige, die von Nissan gesponnen wurde, um die Re-Japanisierung des Autoherstellers voranzutreiben.» Die Justiz diskriminiere den Autoboss ganz offensichtlich, sagt Riès. Ihre Vollmachten gäben den Ermittlern alle Möglichkeiten, einen Beschuldigten zu einem Geständnis zu treiben, obwohl er unschuldig sei.

Am Renault-Sitz im Pariser Vorort Boulogne-Billancourt verkneift man sich Attacken auf den japanischen Partner. Thierry Bolloré, der bei Renault für Ghosn die operative Führung wahrnimmt, hat mehr als 24 Stunden nach der Verhaftung im Intranet seine «uneingeschränkte Unterstützung» für den Chef erklärt. Das kommt nicht bei allen im Konzern gut an. «Wenn Ghosn seine Macht missbraucht hat, unterstütze ich ihn ganz und gar nicht», sagt Éric Théry, der die Gewerkschaft CFDT im nordfranzösischen Werk Douai vertritt. Mitte Dezember melden die internen Ermittler bei Renault, man habe bisher keine Anzeichen für den Missbrauch von Konzerngeld gefunden.

Während Ghosn bei Nissan und Mitsubishi schnell abserviert wurde, ist er bei Renault immer noch im Amt, obwohl er aus seiner Gefängniszelle in Tokio die Geschäfte nicht führen kann. Ghosns wichtigster Rückhalt ist der französische Staat, der 15 Prozent der Renault-Aktien hält – und mit dem er sich regelmässig über sein Millionengehalt gestritten hat. Frankreich dürfte Ghosn erst fallen lassen, wenn es im Kampf um die Macht innerhalb der Allianz von Renault und Nissan von den Japanern etwas bekommt.

Kritik an Ghoshns Ziehschüler

Es gibt in diesem Fall auch Merkwürdigkeiten auf japanischer Seite. Bei Nissan konnten nur drei Topmanager wichtige Entscheidungen treffen: Carlos Ghosn, sein amerikanischer ­Vertrauter Greg Kelly und der Ghosn-Ziehschüler an der Nissan-Spitze, Hiroto Saikawa. Die Honorarversprechen an Ghosn tragen die Unterschriften aller drei. Dennoch trat der 65-jährige Saikawa wenige Stunden nach der Verhaftung seines Mentors vor die Presse, um sich von Ghosn zu distanzieren.

Auch in Japan melden sich Kritiker. Der Ex-Staatsanwalt Nobuo Gohara meint: Wenn es wirklich rechtens sei, dass Ghosn und Kelly verhaftet wurden, dann müsste auch Saikawa in Untersuchungshaft sitzen. Auffällig auch, dass Saikawa die Staatsanwaltschaft vor jener Vorstandssitzung alarmiert hat, bei der Ghosn die Struktur der Renault-Nissan-Allianz umbauen wollte.

Jetzt, wo Ghosn im Gefängnis sitzt und ihm in Japan bis zu zehn Jahre Haft drohen, geht es um sein Erbe, um die Zukunft des Autobündnisses. Vor Weihnachten trafen sich Hiroto Saikawa und Thierry Bolloré, die momentan in den beiden Konzernen die Geschäfte führen, in Amsterdam. Saikawa fordert die Neujustierung der Gewichte in der Allianz. Bolloré verlangt, eine ausserordentliche Generalversammlung bei Nissan, um neue Renault-Vertreter in dem Konzern zu platzieren. Saikawa liess Bolloré abblitzen.

Ende der Allianz kein Thema

Beiden Seiten dürfte klar sein, dass sie sich ein Ende der Allianz gar nicht leisten können: In der Autoindustrie ist Grösse unerlässlich.

«Sollte Ghosn dauerhaft verhindert sein, wird der Renault-Verwaltungsrat die nötigen Entscheidungen fällen müssen, um dem Unternehmen und der Allianz eine Führung zu garantieren», sagt Wirtschaftsminister Bruno Le Maire in Paris.

Französischen Medien zufolge hat die Regierung eine Liste mit möglichen Ersatzkandidaten für Ghosn erstellen lassen. Wer Renault-Chef ist, wird faktisch auch der Chef der Allianz mit Nissan und Mitsubishi. Auf der Liste soll sich der Namen des Chefs des Reifenherstellers Michelin befinden oder der eines französischen Managers, der heute für Toyota tätig ist.

Erstellt: 07.01.2019, 09:35 Uhr

Schwere Vorwürfe an die Behörden

Der einst mächtige Auto-Manager Carlos Ghosn wird nach ­Darstellung seines Sohnes von der japanischen Staatsanwaltschaft zu einem Geständnis gedrängt. Sein Vater werde sich aber verteidigen und seinen Namen reinwaschen, sagte der Sohn. Wie der 24-jährige Anthony Ghosn der französischen Zeitung «Journal du Dimanche» sagte, sei ihm nicht erlaubt worden, seinen Vater in der Untersuchungshaft zu besuchen. «Paradoxerweise ist das Geständnis, von dem sie wollen, dass er es unterschreibt, nur in japanischer Sprache verfasst.» Sein Vater spreche aber kein ­japanisch.

Anhörung am Dienstag

Anthony Ghosn sagte weiter, die Anwälte seines Vaters hätten von der Staatsanwaltschaft immer noch nicht alle Unterlagen erhalten. Morgen Dienstag soll es in dem Fall eine öffentliche Anhörung vor einem Gericht in Tokio geben. Carlos Ghosn hat diese zur Klärung seiner Haftgründe beantragt. Erstmals werde er seine Sicht der Dinge darlegen können, sagte sein Sohn. Ghosn werde dabei Gefängniskleidung und Handschellen tragen müssen.

Während Ghosn nach seiner Verhaftung bei Nissan und Mitsubishi seiner Ämter enthoben wurde, muss er seinen Chefposten bei Renault bisher nur ruhen lassen. (sda)

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