Der gelbe Riese wankt

Die Post ist in der Krise: Das Kerngeschäft bricht ein, Postfinance zahlt keine Dividende mehr, und das Parlament blockiert den Abbau des defizitären Poststellennetzes.

Susanne Ruoffs Nachfolgerin oder Nachfolger hat einen schweren Stand: der Hauptsitz der Post in Bern. Bild: Keystone

Susanne Ruoffs Nachfolgerin oder Nachfolger hat einen schweren Stand: der Hauptsitz der Post in Bern. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ulrich Hurni arbeitet schon seit zehn Jahren bei der Post. Die nächsten fünf Monate dürften für den knapp 60-Jährigen stressiger werden als alles, was er bisher erlebt hat. Hurni übernimmt in dieser Zeit den Sitz der zurückgetretenen Konzernchefin Susanne Ruoff. Er muss für sie eine Nachfolge finden, die den Staatsbetrieb aus der tiefen Krise führt, in die er wegen des jahrelangen Subventionsbetrugs bei Postauto gestürzt ist.

Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, der ungünstiger nicht sein könnte. Denn während der gesamte Konzern mit der Vergangenheitsbewältigung beschäftigt ist, müsste er sich eigentlich um die Zukunft kümmern – und um neue Geschäftsmodelle. In mehreren Bereichen erodieren die Einnahmen der Post. Der Konzerngewinn hat sich seit 2010 mehr als halbiert. Gleichzeitig kommen hohe Kosten auf den Staatsbetrieb zu.

Zum Beispiel wegen des Postauto-Skandals. Die Post-Tochter hat jahrelang unerlaubte Gewinne im subventionierten Busverkehr erzielt und muss diese nun zurückzahlen. Kostenpunkt: mindestens 126 Millionen Franken. Diese Summe könnte sich jedoch gemäss dem am Montag veröffentlichten Untersuchungsbericht der Anwaltskanzlei Kellerhals Carrard noch erhöhen. Denn sie umfasst nur die unrechtmässigen Gewinne der Jahre 2007 bis 2017, plus Zinsen. Bereits fordern Politiker, dass Postauto auch die ungerechtfertigten Gewinne zurückzahle, die vor 2007 mutmasslich erzielt wurden. Wann der Subventionsbetrug genau begann, ist unklar. Post-Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller geht davon aus, dass es um die Jahrtausendwende oder noch früher war.

Betriebsergebnis wird ins Minus rutschen

Zudem sind in den 126 Millionen Franken die illegalen Gewinne aus dem Orts- und Auftragsverkehr nicht eingerechnet. Zumindest im Tessin wurde jedoch der Ortsverkehr mit Gewinnen aus dem Regionalverkehr quersubventioniert. Private Konkurrenten, die damit ausgestochen wurden, könnten Postauto nun verklagen. In Frankreich steht das Unternehmen wegen illegaler Quersubventionierungen bereits vor Gericht.

Wegen der Rückzahlungen wird das Betriebsergebnis von Postauto dieses Jahr minus 69 Millionen Franken betragen. Für die Jahre 2016 und 2017 musste der Konzern ausserdem eine Rückstellung von über 30 Millionen Franken vornehmen.

Grafik vergrössern

Damit nicht genug. Weitere Problemzonen könnten der Post gefährlich werden. Allen voran bei der Bankentochter Postfinance. Sie gab vor kurzem bekannt, dass sie 500 Stellen abbauen wird, weil der Zinsertrag erodiert. Kompensieren könnte Postfinance diesen Einbruch mit der Vergabe von Hypotheken – was ihr aber per Postgesetz verboten ist. Eine Aufweichung dieses Verbots zeichnet sich derzeit nicht ab.

Das Loch bei den Poststellen wird grösser

Die Krise bei Postfinance hat schwerwiegende Folgen für die Post. «Für das laufende Geschäftsjahr und die darauffolgenden Jahre rechne ich damit, dass die Dividende ausfallen wird», sagte Postfinance-Chef Hansruedi Köng vor einer Woche dem «Tages-Anzeiger». Während mindestens drei Jahren entfällt also der Geldfluss von Postfinance an den Gesamtkonzern. Das könnte zur Folge haben, dass die Post ihre Ausschüttung an den Bund kürzen muss. Für das Geschäftsjahr 2017 zahlte sie ihm eine Dividende von 200 Millionen Franken. Ein wesentlicher Teil davon war von Postfinance gespeist: Sie reichte ihren gesamten Gewinn von 136 Millionen Franken an die Konzernmutter als Dividende weiter.

Während Einnahmen wegfallen, wird an anderer Stelle ein Loch immer grösser: bei den Poststellen und den Agenturen. Seit 2005 ist der Versand von Briefen um knapp ein Drittel zurückgegangen. Seit 2013 verliert die Post mit ihren ­Filialen und Schaltern Geld, im vergangenen Jahr lag das Minus bei 159 Millionen Franken. Durch eine «Netzentwicklung und die konsequente Anpassung an die Kundenbedürfnisse» wolle man die Verluste eindämmen, schreibt die Post im letzten Jahresbericht. Konkret: In den nächsten zwei Jahren will sie mehr als 500 Poststellen schliessen. Dafür baut sie andere Zugangsmöglichkeiten wie Agenturen, «My Post 24»-Automaten und Haus-Services aus.

Kosten von 30 Millionen Franken innert fünf Jahren

Allerdings: Die Post kann beim Umbau des Postnetzes nicht mehr schalten und walten, wie sie will. Weil eine Poststelle nach der anderen zugeht, hat das Parlament vor einer Woche die Vorgaben für deren Erreichbarkeit verschärft. Neu muss die Post sie in jeder einzelnen Region erfüllen statt wie heute im Schweizer Durchschnitt. Sie kann also ein weniger dichtes Netz in Randregionen nicht mehr so leicht mit sehr dichten Netzen in Städten kompensieren – und muss wohl 15 neue Filialen und Agenturen errichten. Kostenpunkt: 3 bis 30 Millionen Franken innert fünf Jahren.

Das Parlament verlangt auch, dass künftig Dienstleistungen des Zahlungsverkehrs wie die restlichen Post-Services für 90 Prozent der Kunden in 20 Minuten zu Fuss oder mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar sind und nicht mehr in 30 Minuten. Zudem sollen Agenturen alle Dienste der Grundversorgung mit Ausnahme von Bargeldeinzahlungen anbieten müssen. Auch das geht ins Geld.

«Die nötige Umstrukturierung wird verhindert»

Gefahr droht dem gelben Riesen ausserdem, weil der Ständerat Ende Mai einer Standesinitiative des Kantons Jura zugestimmt hat. Diese verlangt, dass Gemeinden Postschliessungen rechtlich anfechten können. Die Eidgenössische Postkommission soll es der Post dann verbieten können, eine Poststelle zu schliessen oder in eine Agentur umzuwandeln.

Von solchen Eingriffen der Politik gehe für die Post die grösste Gefahr aus, sagt ein ehemaliger Spitzenmanager des Konzerns: «Es wäre aus unternehmerischer Sicht verheerend, wenn die dringend nötige Umstrukturierung bei den Poststellen verhindert würde.»

Das letzte Wort hat der Nationalrat. Wenn er der Standesinitiative zustimmt, drängt er die Post noch stärker in die Ecke – keine guten Nachrichten für Ruoffs Nachfolgerin oder Nachfolger.

Erstellt: 16.06.2018, 22:49 Uhr

Artikel zum Thema

Der grosse Postauto-Aufräumer schaute über ein Jahr zu

SonntagsZeitung Urs Schwaller räumt jetzt im Skandal um die Post-Tochter auf. Gewusst hat er allerdings längst von den versteckten Geldern. Mehr...

Vassalli tritt zurück – Schwaller soll folgen

SonntagsZeitung Doris Leuthard müsse Verwaltungsräte des Postkonzerns entlassen, finden Politiker von links bis rechts. Mehr...

So trickste Postauto in Liechtenstein

SonntagsZeitung Um im Nachbarland bestehen zu können, transferierte die Post Subventionsgelder – und soll auch die Arbeitsbedingungen der Chauffeure verschlechtert haben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Wie Räume wärmer werden
Geldblog Wem Negativzinsen doppelt schaden

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...