Der geplatzte Traum einer Schweizer Amazon-Alternative

Swisscom hat ihre Beteiligung an Coops Onlineshop Siroop verkauft. Recherchen zeigen: Siroop hat die vereinbarten Zwischenziele nicht erreicht.

Trotz auffälliger Werbung ist Siroop zu wenig bekannt. Foto: Rod Kommuikation

Trotz auffälliger Werbung ist Siroop zu wenig bekannt. Foto: Rod Kommuikation

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Eine Schweizer Alternative zu global tätigen Online-Handelsriesen wie Amazon und Aliexpress anbieten: Mit diesem Anspruch lancierte Swisscom vor zwei Jahren in Zusammenarbeit mit Coop den gemeinsamen Online-Laden Siroop. Die neue Plattform sollte hierzulande nicht nur grossen Anbietern zur Verfügung stehen, sondern auch kleinen regionalen Händlern. Daneben erhoffte sich der grösste Schweizer Telecombetreiber neue Einsichten über Absatzkanäle und den Kundendialog im Internet. Zurzeit bieten 500 Verkäufer über eine Million Produkte auf Siroop an.

Doch die ehrgeizigen Pläne sind gescheitert. Swisscom kündigte Mitte ­April an, ihr Aktienpaket von 50 Prozent an ­Siroop vollständig an Coop zu verkaufen. Der umsatzstärkste Detailhändler der Schweiz wird somit zum alleinigen Besitzer des Online-Ladens. Coop hat vor, den eigenen Heimelektronikbereich Microspot mit Siroop zu einer Marke zusammenzuführen. Swisscom bleibt Partner bei Technik und Vertrieb des neu ausgerichteten Angebots. Der staatsnahe Betrieb begründet den Ausstieg als Investor mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen.

Denn laut Recherchen dieser Zeitung hat Siroop die vereinbarten Zwischenziele respektive Meilensteine nicht erreicht. Der Hintergrund: Swisscom führte den Online-Händler intern als Firma in der Gründungsphase. Als solche musste Siroop in seiner Entwicklung klar definierte Meilensteine erreichen. Als das nicht klappte, zog Swisscom die Reissleine.

Der Telecomkonzern glaubt, dass der Online-Händler nur unter den Fittichen von Coop eine Chance hat. «Wir haben uns entschieden, das Zusammenführen von Siroop und Microspot zu ermöglichen und unsere Aktien an Coop zu veräussern», sagt Swisscom-Sprecher Sepp Huber.

Geringe Bekanntheit

Welche Meilensteine konkret Siroop verpasst hat, war nicht in Erfahrung zu bringen. Doch Branchenschätzungen zum Geschäftserfolg – etwa vom EHI-­Retail-Institut – zeigen, dass Siroop trotz einer massiven Werbekampagne weder in Sachen Bekanntheit noch bei den Umsätzen mit den Branchenleadern mithalten kann.

Der Traum eines einheimischen und zugleich offenen Gegenstücks zu den globalen Akteuren ist aus verschiedenen Gründen geplatzt. Schweizer Inter­netläden erwirtschaften zwar schöne Umsätze, aber kaum Gewinne. So erzielte das Online-Flaggschiff von Coop, Coop@home, mit einer Auswahl an ­Lebensmitteln im vergangenen Jahr einen Umsatz von 142 Millionen Franken. Coop-Chef Joos Sutter räumte ein, dass unter Einberechnung aller Kosten nur eine schwarze Null übrig bleibe. Internetläden sind technologiegetrieben und erfordern deshalb ständig Inves­titionen. Diese Ausgaben schmälern die Gewinne. Das dürfte auch für ­Siroop ­gelten.

Ein weiterer Stolperstein scheint der geringe Bekanntheitsgrad trotz eines grossen Werbeefforts zu sein. «Die befragten Händler, die bereits über Siroop verkaufen, sprechen noch von niedrigen Umsätzen», schreibt die Fachhochschule Nordwestschweiz in ihrer aktuellen Studie zum elektronischen Handel in der Schweiz. Konkrete Zahlen zum Geschäftsgang gaben bislang weder Swisscom noch Coop bekannt.

Einziger Anhaltspunkt sind Schät­zungen des EHI-Retail-Instituts in Köln für 2016. Die Forschungsanstalt des deutschen Handels beziffert den Umsatz von Siroop im verkürzten Geschäfts- jahr auf 25 Millionen Franken. Damit schafft es Siroop nicht einmal in die Top 30 der umsatzstärksten Online-Shops in der Schweiz. Experten schätzen, dass ­Siroop einen Umsatz zwischen 300 und 500 Millionen Franken braucht, um in die schwarzen Zahlen zu kommen. In diesen Sphären ist Digitec Galaxus längst unterwegs: Mit Verkäufen von 861 Mil­lionen Franken im Jahr 2017 ist die ­Plattform des Coop-Erzrivalen Migros Marktführer.

Auf Siroop hat niemand gewartet, der Markt für Online-Warenhäuser ist hart umkämpft, wie die aktuelle Rangliste der Beratungsfirma Carpathia für das Jahr 2016 zeigt. Nebst den Migros-­Marken Le Shop und Ex Libris sowie ­Microspot von Coop mischen andere Schweizer Firmen wie Nespresso und Brack erfolgreich mit. Hinzu kommt die zunehmende Konkurrenz aus dem Ausland. Der deutsche Schuh- und Modeverkäufer Zalando ist mit einem geschätzten Umsatz von 534 Millionen Franken die Nummer zwei in der Schweiz, gefolgt vom US-Buchhändler Amazon. Aliexpress aus China taucht ebenfalls in den Top 10 auf.

Um die Mitbewerber aus dem Inland unter Druck zu setzen, zeigen sich die ausländischen Anbieter einfallsreich. Amazon ist eine Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Post eingegangen. Die Partnerschaft erlaubt es den Kunden, bestellte Ware digital zu verzollen. Sie sehen und bezahlen bei der Be­stellung bereits den Gesamtbetrag, inklusive Zoll und Mehrwertsteuer. Das beschleunigt die Einfuhr.

Siroop reduziert Betrieb

Bleibt die Frage, wie es mit Siroop weitergeht. Ist die Plattform nach der Zusammenlegung mit Microspot weiterhin offen für Händler, die nicht zu Coop ­gehören? Das Unternehmen werde «zu gegebener Zeit» darüber informieren, heisst es beim Detailhändler.

Gestern erhielt die Beratungsfirma Carpathia Meldungen von Händlern, wonach Siroop in der Übergangsphase den Betrieb reduziere. Demnach finanziere Coop keine Promotionen mehr und führe keine Werbemassnahmen mehr durch. Coop wollte dazu nichts ­sagen. Eine Sprecherin erklärte nur, dass die Details der Zusammenführung von Siroop und Microspot «in den ­kommenden Monaten erarbeitet» würden. Viel Zeit für neue Konzepte bleibt Coop im schnelllebigen Online-Geschäft aber nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2018, 15:41 Uhr

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