Der Geschlechter-Knigge fürs Büro

Ist seit «Me Too» jeder Spass verboten? Darf man der Kollegin noch Komplimente machen? Tipps für vier heikle Situationen.

Empathie hilft: Was man sagen oder tun darf, hängt vom Einzelfall ab, von der Situation und vom Gegenüber. Foto: alvarez, iStock

Empathie hilft: Was man sagen oder tun darf, hängt vom Einzelfall ab, von der Situation und vom Gegenüber. Foto: alvarez, iStock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die armen Pfefferkuchenmänner! Jetzt will man sie entmannen. Eine britische Supermarktkette arbeitet gerade an einem Pfefferkuchen, der weder als Mann noch als Frau erkennbar ist. Diese «Gingerbread Person» werde von September an den «Gingerbread Man» ersetzen. Zerstört politische Korrektheit nun auch traditionelle Backwaren? Ist der Pfefferkuchenmann, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen, ausser ein Mann zu sein, ein Opfer von Me Too?

Man kann die Entmannung des Keksmanns albern finden – mindestens genauso albern wie die Empörung britischer Konservativer, die im geschlechtsneutralen Gebäck den Untergang des Abendlands sehen. Ärgerlich daran ist die Tatsache, dass die Initiative der Supermarktkette vorbeigeht an den echten Problemen.

Es ist schliesslich so, dass Frauen in der Wirtschaft und im öffentlichen Leben tatsächlich oft unterrepräsentiert sind. Es wird aber nur sehr wenige Frauen geben, denen ihre mangelnde Repräsentanz bei den Pfefferkuchenpersonen zu schaffen macht. Stattdessen liefert die Initiative Menschen Argumente, die sich lieber über ausufernde politische Korrektheit aufregen, als darüber nachzudenken, mit welchen Worten und Taten sie andere verletzen.

Ist seit Me Too jeder Spass verboten?

Aaahhh, Political Correctness! Darf man jetzt nicht einmal mehr unschuldig backen? Was darf man überhaupt noch? Ist seit Me Too jeder Spass verboten? Darf ein Mann seiner Kollegin noch Komplimente machen, wenn sie am Morgen im Büro eine hübsche neue Frisur hat? Darf der alte Chef die junge Mitarbeiterin zum Abendessen ausführen? Ist Flirten verboten? Geht politische Korrektheit zu weit?

Die Fragen nach dem Erlaubten und Verbotenen durchziehen plötzlich unser ganzes Leben, vor allem aber stellen sie sich im Büro, diesem Ort, an dem wir sehr viel Zeit mit Menschen verbringen, die wir uns nicht aussuchen können.

Ein Ort, der mit Hoffnungen und Ängsten aufgeladen ist, an dem es offene Machtkämpfe und geheime Seilschaften, offizielle und inoffizielle Hierarchien gibt. Wo in überwältigender Mehrheit Männer im Sozialgefüge oben stehen. Das Büro zwingt zum Umgang miteinander – das ist nicht immer leicht.

Sie verstehen, wie abwegig es ist, sich vor der Praktikantin zu entblössen

Gern wird kritisiert: Die politische Korrektheit seit der «Me Too»-Bewegung, die sexuelle Belästigung und Alltagssexismus zum Thema gemacht hat, sei masslos übertrieben. Im täglichen Bürokulturkampf ist das ein scharfes Schwert. Bemerkenswert ist, dass es fast immer von Männern gezogen wird, die wohl zu Recht vermuten, sich vor Me Too nicht astrein verhalten zu haben, sich aber auch nicht ändern wollen.

Es gibt aber keine neuen Regeln seit Me Too. Weiterhin gilt nur eine Massgabe für den Umgang miteinander: Respekt. Oder um einen noch weniger sexy klingenden Begriff zu verwenden: Anstand. Man soll Mitarbeiterinnen, Kolleginnen, Chefinnen, ja alle Menschen so behandeln, dass sie sich ernst genommen fühlen, dass sie ihre Arbeit gut machen können, dass sie sich wohl fühlen und keine Angst haben müssen.

Politisch inkorrekt ist, was respektlos ist.

Die Regeln, die «Me Too»-Hasser als Auswuchs politischer Korrektheit verächtlich machen, haben nur diesen Zweck: Sie sollen Schwächere vor Verletzungen schützen. Politisch inkorrekt ist, was respektlos ist. Neu ist seit Me Too nur, dass Männer, die diese Regeln brechen, sanktioniert werden, zumindest ab und zu.

«Nichts darf man mehr sagen/tun» – das ist heute oft zu hören. Das Gemecker kommt gern als liberale Haltung daher. Die Meckerer sehen sich als Verfechter der freien Meinungsäusserung und der Freiheit an sich. Sie meinen aber immer nur ihre eigene Freiheit; die Freiheit der Mächtigen, sich weiter so zu verhalten, wie sie es schon immer taten. Sie meinen nicht die Freiheit der Frauen, anziehen zu können, was sie wollen, ohne anzügliche Sprüche befürchten zu müssen. Sie meinen nicht die Freiheit, an einem Meeting teilnehmen zu können, ohne wegen Altherrenwitzen betreten zu Boden schauen zu müssen. Wer so argumentiert, ist nicht liberal – im Gegenteil: Er oder sie will Machtstrukturen erhalten, Vorurteile verfestigen.

Dabei sind die meisten Männer, die das Ende des entspannten Miteinanders im Büro beklagen, mit den Zielen von Me Too im Grunde einverstanden. Sie verstehen, wie abwegig es ist, sich vor der Praktikantin zu entblössen oder der Mitarbeiterin nachts Nacktbilder aufs Handy zu senden. Sie wollen nicht, dass Kolleginnen bei der Weihnachtsfeier Angst haben, mehr als ein Glas Wein zu trinken. Wenn sie erfahren, dass eine Frau begrapscht wurde, tut ihnen das leid. Was meinen sie also, wenn sie sagen, dass sie seit Me Too nicht mehr wissen, wie sie sich verhalten sollen?

Es geht ihnen um die Grauzonen jenseits eindeutigen Fehlverhaltens. Es gibt nun einmal keinen Büro-Knigge, der auf alles eine Antwort hat. Was man sagen oder tun darf, hängt vom Einzelfall ab, von der Situation und vom Gegenüber. Um den Einzelfall richtig einzuschätzen, braucht man Empathie. Und Empathie kann man lernen, zumindest ein bisschen.

Konkrete Tipps

Darum für diejenigen, die sich eine Art Anleitung fürs Büro wünschen, jetzt ein paar Tipps – zuerst zum heiklen Thema Komplimente. «Das ist ein hübscher Rock», ist ein Kompliment, mit dem wohl die meisten Frauen gut umgehen können. Man sagt «Danke», Sache erledigt. «Du siehst super aus in dem Rock» dagegen kann man leicht in den falschen Hals kriegen. «Deine Beine sehen sexy aus in dem Rock» ist deplatziert. Und wenn man «sexy» denkt, aber «hübscher Rock» sagt, sollte man sich selbst das lieber sparen – das Gedachte kann sich allzu leicht im Tonfall niederschlagen. Zudem sind Kommentare zum Äusseren eher akzeptabel, wenn man ab und zu auch die Arbeit der Person lobt.

Je besser man sich kennt, desto mehr geht. Wenn die Kollegin schon oft Kommentare gemacht hat, sobald der Kollege neue Schuhe oder ein über dem Bauch spannendes Hemd hatte, sind umgekehrt auch eher Kommentare zum Aussehen erlaubt. Weiss man nicht, wie das Kompliment ankommt und ob es vielleicht verunsichert, sollte man es sich lieber sparen. Ein Kompliment kann ein Machtinstrument sein – wenn man es so benutzt, ist es unzulässig.

Ein Chef sollte vermeiden, Mitarbeiterinnen in peinliche Situationen zu bringen.

Darum gelten für Chefs andere Massstäbe. Liegt ein Machtgefälle vor, muss man besonders vorsichtig sein. Wenn der Chef das Outfit der Mitarbeiterin herausstreicht, fragt sie sich vielleicht, ob er eine versteckte Botschaft hat, dass er den Rock zu kurz oder das Décolleté zu tief findet. Oder sie rätselt, warum er ihr Aussehen, aber nicht ihre Arbeit lobt. Ein Chef sollte vermeiden, Mitarbeiterinnen in peinliche Situationen zu bringen; er sollte davon ausgehen, dass sie mehr peinlich finden, als manch ein Chef für möglich hält. Apropos: Wenn man das Gefühl hat, an ein Kompliment einen Zusatz wie «oder darf man das nicht mehr sagen?» anzufügen, sollte man es sich lieber sparen.

Ausser zu Komplimenten stellen sich manche Männer auch Fragen, ob soziale Termine jenseits der Arbeit noch erlaubt sind. An der Wall Street hat die Paranoia extrem zugenommen: Männer halten sich von Frauen fern aus Angst, zu Unrecht einer Missetat beschuldigt zu werden. Man nennt das den «Mike-Pence-Effekt», nach dem US-Vizepräsidenten, der sich weigert, mit einer anderen Frau als seiner eigenen zu Abend zu essen.

Ein strenger Grundsatz lautet, dass man männliche und weibliche Kollegen und Mitarbeiter gleich behandeln sollte. Wer entscheidet, dass es unangebracht ist, sich abends mit der hübschen Mitarbeiterin auf ein paar Drinks zu treffen, sollte auch nicht mit dem männlichen Mitarbeiter trinken gehen. Frauen wegen «Me Too»-Angst zu meiden, ist eine Form der Diskriminierung, die nicht unter Me Too fällt, aber eine Folge davon ist, dass Männer sich verunsichert fühlen und, statt sich damit auseinanderzusetzen, den einfachen Weg wählen. So verfestigt sich der Boys Club. Frauen brauchen Mentoren, sie müssen dabei sein, wenn Entscheidungen hinter verschlossenen Türen fallen. Soziale Kontakte entscheiden schliesslich über Karrieren.

Es geht um normale Grundsätze des Zusammenlebens

Dazu eine Ergänzung: Wenn man sich in eine Kollegin verguckt hat und mit ihr gern mal auf ein Date gehen würde, kann man sie immer noch fragen – viele Menschen finden ihre Liebe am Arbeitsplatz und daran ist nichts falsch. Aber wenn sie «Nein» sagt, heisst das auch «Nein», selbst wenn man hofft und vermutet, dass sie «vielleicht» meint. Wenn sie ihre Meinung ändert, wird sie sich schon melden.

Drittes Büroalltagsproblem: Humor. Auch hier hilft Empathie. Wenn man weiss, dass die Kollegin Humor hat, kann man sich mehr Witz erlauben als bei der unsicheren Neuen, die vielleicht gar nicht merkt, wenn etwas nicht ganz ernst gemeint war. Wer selbst gern Sprüche klopft, kann vermutlich mit Altherrenhumor besser umgehen.

Es schadet aber nicht, von einer Zahl zu wissen: zehn Prozent. So viele Frauen finden eine latent sexuell aufgeladene Atmosphäre bei der Arbeit gut, wie sie zum Beispiel durch anzügliche Witze entsteht, hat ein kanadisches Wissenschaftlerteam ermittelt. «Die einfachste Erklärung ist die Geschlechterdifferenz in der Macht», schreiben die Autoren. «Je weniger Kontrolle man über eine Situation hat und je weniger Möglichkeiten man hat, darauf zu reagieren, desto bedrohlicher und weniger angenehm ist diese Situation.» Lachen ist erlaubt, Humor auch, Zoten gehören in den Feierabend, wenn man sie sich nicht gleich ganz sparen kann.

Frauen waren vor Me Too die gleichen Dinge unangenehm wie heute.

Ein viertes heikles Thema sind Berührungen. Darf man der Kollegin die Hand auf den Hintern / den Rücken / das Knie/ die Schultern legen? Klare Antwort: nein. Einzige Ausnahme: Man kennt sich sehr gut und fasst einen unverfänglichen Teil des Körpers an, etwa den Unterarm.

Diese Regeln gelten nicht immer, sie sind eine Richtschnur. Die meisten Menschen halten sich instinktiv daran, es geht um normale Grundsätze des Zusammenlebens – überall, aber besonders im Büro. Frauen waren vor Me Too die gleichen Dinge unangenehm wie heute. Aber die Sensibilität der Männer ist gewachsen. Und das ist doch etwas Gutes.

Umso ärgerlicher sind die geschlechtslosen Pfefferkuchenwesen. Sie erwecken den Eindruck, dass man Frauen sogar mit Keksen beleidigen kann. Dabei ist das Zusammenleben so einfach: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.

Erstellt: 10.07.2019, 17:40 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich würde dich gerne von oben bis unten abschlecken»

Wie vier Journalistinnen sexuelle Belästigung erlebt haben. Mehr...

Ein Sextäter mit besten Kontakten

Der US-Financier soll Dutzende Mädchen missbraucht haben. Dass er bisher ungestraft blieb, liegt auch an Verbindungen, die bis ins Weisse Haus reichen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Eine fast aussterbende Tradition: Tänzer führen den Thengul-Tanz während der 74. Indonesischen Unabhängigkeitsfeier im Präsidentenpalast in Jakarta, Indonesien vor. (17. August 2019)
(Bild: Antara Foto/Wahyu Putro) Mehr...