Der «Hammerdeal» von Saas-Fee holt Pirmin Zurbriggen ein

Das 222-Franken-Abo trieb die Bergbahnen in Saas-Fee an den Rand des Ruins. Das könnte nun Folgen für den Ex-Verwaltungsratspräsidenten haben.

Die Walliser Skilegende Pirmin Zurbriggen bekommt den Unmut der Aktionäre zu spüren. Foto: Sebastien Agnetti (13 Photo)

Die Walliser Skilegende Pirmin Zurbriggen bekommt den Unmut der Aktionäre zu spüren. Foto: Sebastien Agnetti (13 Photo)

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In Saas-Fee ist ein erbitterter Streit ausgebrochen. Im Mittelpunkt stehen die Saastal Bergbahnen AG. Dessen frühere Führung mit Verwaltungsratspräsident Pirmin Zurbriggen und Direktor Rainer Flaig hat die Wintersportbranche mit einem Saisonabo für nur 222 Franken aufgewirbelt. Die Aktion führte jedoch zu einem Millionenloch in der Kasse des Unternehmens. Schliesslich musste es im Oktober durch die österreichische Schröcksnadel-Gruppe gerettet werden. Diese drückte einen Kapitalschnitt durch, die Aktionäre mussten 50 Prozent abschreiben.

An der Generalversammlung der Bergbahnen vom 28. März gab es die Quittung: Die Aktionäre verweigerten Pirmin Zurbriggen und Rainer Flaig die Entlastung. Ihnen droht nun eine Verantwortlichkeitsklage. Sie könnten für die Schäden belangt werden, die dem Unternehmen in ihrer Amtszeit entstanden sind. Unter den Kleinaktionären bespreche man sich derzeit, ob eine solche Klage eingereicht werde, sagt Aktionär Bernhard Pfammatter.

Vorwurf der Misswirtschaft

Die Vorwürfe an Zurbriggen und Flaig sind happig. Drei Aktionäre sprechen von Misswirtschaft und Täuschung. Hintergrund sind neue Fakten rund um die 2016 gestartete Crowdfunding-Aktion für den Saisonpass Wintercard. Damals hiess es, der sogenannte «Hammerdeal» komme zustande, falls bis Ende November 99'999 Tickets verkauft würden. Obwohl offiziell nur 75'000 Abos verkauft wurden, erklärte man die Aktion für gültig.

Längst nicht alle Abos wurden jedoch von Skifahrern erworben, wie nun bekannt wurde. Die Macher der Aktion schönten mit Eigengeschäften die Zahlen. So hat die für das Crowdfunding verantwortliche Partnerfirma, die in Pfäffikon SZ ansässige Mountain Marketing AG, 10'000 Wintercards gekauft und 2,1 Millionen Franken bezahlt. Auch die Gemeinde Saas-Fee erwarb für 1,3 Millionen Franken 6000 Abos. Gegenüber der Öffentlichkeit und den Aktionären wurde dieser Kniff verschwiegen.

«Dieses Vorgehen grenzt meines Erachtens an Betrug», sagt Bernhard Pfammatter. «Ohne die Irreführung der Aktionäre wäre es nicht zum ‹Hammerdeal› gekommen.» An der General-versammlung beklagten sich mehrere der 218 anwesenden Aktionäre über die heimlichen Abokäufe, wie der «Walliser Bote» schrieb.

Bumann: «Vorgehen war nicht illegal»

Im Verwaltungsrat der Bergbahnen sitzen heute neue Leute. Pirmin Zurbriggen und Rainer Flaig traten Mitte letzten Jahres zurück. Hinzu kamen Peter und Markus Schröcksnadel als Vertreter des neuen Hauptaktionärs sowie Simon Bumann, künftiger Direktor der Bergbahnen.

Bumann bestätigt die geschilderten Käufe, sagt aber: «Das Vorgehen war nicht illegal.» Das Ganze sei als Anschubfinanzierung gedacht gewesen, um das Crowdfunding in Schwung zu bringen. Eine transparente Abrechnung, wie von Aktionären gefordert, will der Verwaltungsrat nicht offenlegen.

Gemeinde mischte mit

Bei der Gemeinde Saas-Fee heisst es, dass von den 6000 Saisonpässen nur 716 weiterverkauft wurden. Den Rest habe man zulasten der Gemeindekasse verbucht. Gemeindepräsident Roger Kalbermatten erklärt, der Gemeinde- und der Burgerrat hätten das Geld wegen der wirtschaftlichen Bedeutung der Bergbahn für Saas-Fee bewilligt. Brisant: Kalbermatten sass bis Ende Oktober selber im Verwaltungsrat der Bergbahnen. Bei der Lancierung des «Hammerdeals» war er Vizepräsident. Trotzdem erhielt er von den Aktionären die Decharge.

Pirmin Zurbriggen zeigt sich tief betroffen von der Reaktion der Aktionäre. «Ich bin derart enttäuscht vom Saastal, dass ich keine Stellungnahme gegenüber den Medien mache», antwortet er schriftlich. Rainer Flaig erklärt zur Verweigerung der Decharge: «Ich sehe den weiteren Schritten entspannt entgegen.»

Ungemach droht Zurbriggen und Flaig auch, weil die Bergbahnen von Mountain Marketing eingeklagt werden könnten, wie Recherchen zeigen. Unter ihrer Führung haben die Bergbahnen mit Mountain Marketing einen Vertrag für fünf Jahre abgeschlossen. Die nun von der Schröcksnadel-Gruppe dominierten Bergbahnen haben diesen vorzeitig aufgelöst. Mountain Marketing entgehen Umsätze von mehreren Millionen Franken. Das Unternehmen prüft eine Klage. Die Grossaktionäre Schröcksnadel, Edmond Offermann und die Gemeinde Saas-Fee – sie halten 70 Prozent der Stimmen – haben deshalb die Decharge verweigert. Dass dem früheren Vizepräsidenten Roger Kalbermatten die Decharge erteilt wurde, wirft Fragen auf. Eine mögliche Antwort gibt es von einem Insider: «Gemeindepräsident Kalbermatten lässt man als Einheimischen passieren. Die Grossaktionäre wollen es nicht mit Saas-Fee ver-derben.»

Die Konkurrenz reagierte empört

Die Klagedrohungen sind ein weiterer Tiefpunkt einer mit viel Lärm gestarteten Marketingidee, die als «Wintermärchen von Saas-Fee» gefeiert wurde. Die Aktion war als Befreiungsschlag gedacht – für eine Region, die stärker als andere unter dem Rückgang des Wintersports leidet. Innert zehn Jahren sanken die Skifahrerzahlen in Saas-Fee um ein Drittel. Neue, auswärtige Fachleute wollten Gegensteuer geben: Rainer Flaig bei den Bergbahnen und Pascal Schär als Chef der Vermarktungsorganisation Saastal Tourismus. Als deren Präsident holte man mit dem Luzerner Hochschulprofessor Jürg Stettler einen ausgewiesenen Tourismusexperten. Sie be-mängelten den Rückstand der einst als «Perle der Alpen» beworbenen Region und machten sich daran, mit dem 222-Franken-Abo den Ferienort und eine ganze Branche aufzumischen.

Die Konkurrenz reagierte empört, warf Saas-Fee Preisdumping vor. Der «Hammerdeal» brachte den Ort wieder ins Gespräch. Im ersten Jahr waren Betten und Restaurants gefüllt wie zu besten Zeiten. Doch der Effekt verpuffte schnell. Der Aboverkauf brach im zweiten Jahr um 20 Prozent ein, die Marketingkosten blieben horrend hoch. Die Bergbahnen rutschten in die roten Zahlen. Pirmin Zurbriggen scheiterte mit einem Sanierungsversuch und trat zurück.

Nun herrscht Katerstimmung. Flaig hat das Unternehmen vor dem Start in die dritte Wintercard-Saison verlassen. Er leitet heute die Andermatt-Sedrun Sport AG. Auch Pascal Schär hat zum Ferienresort von Samih Sawiris gewechselt. Er steht der Andermatt-Sedrun-Disentis Marketing AG vor.

Erstellt: 12.04.2019, 22:22 Uhr

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