Der langsame Tod eines Giftes

Monsanto hat mit dem Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat seit fast 40 Jahren viel Geld verdient. Nun gerät das Herbizid nach Europa auch in den USA in Verruf.

Millionen von Bauern sind vom US-Konzern Monsanto abhängig: Ein Schweizer Bauer versprüht Pflanzenschutzmittel. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

Millionen von Bauern sind vom US-Konzern Monsanto abhängig: Ein Schweizer Bauer versprüht Pflanzenschutzmittel. Foto: Arno Balzarini (Keystone)

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Der Entscheid der Weltgesundheitsorganisation, Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend einzustufen, trifft kein Unternehmen direkter als Monsanto. Der US-Konzern hat das Gift zusammen mit Gentechsaatgut zum weltweit führenden Kombinationsprodukt der Landwirtschaft entwickelt. Dies hat Millionen Bauern von Monsanto abhängig gemacht und liess den Konzern selber in eine Mühle zwischen zunehmend resistentem Unkraut, billiger Konkurrenz aus China und tiefen Margen geraten. Zusätzlich droht erstmals Gefahr im Heimmarkt: Kalifornien setzt als erster US-Bundesstaat das Spritzmittel auf die Liste krebserregender Substanzen. Schwer erkrankte Landarbeiter gehen vor Gericht gegen Monsanto vor. Umweltschützer klagen wegen Rodungen gesunder Baumbestände.

Diese geballten Aktivitäten in Kalifornien der letzten Monate treffen den Konzern in einem Moment der Schwäche. Umsatz und Gewinn sind als Folge der Nachfrageschwäche in Schwellenländern wie China und Brasilien deutlich gesunken. Kürzlich musste Monsanto die Aufhebung von 2600 Stellen bekannt geben. Fast 12 Prozent aller Arbeitsplätze weltweit gehen verloren. Gelitten hat insbesondere die Agrochemieabteilung und deren Hauptprodukt Glyphosat, das unter dem Markennamen Roundup verkauft wird. Der Absatz ging letztes Quartal erneut zurück – um 12 Prozent auf noch 1,1 Milliarden Dollar.

Stimmungswandel in den USA

Was Monsanto mehr als die Umsatzeinbussen zu denken geben muss, ist aus Sicht von Agrarexperten der Stimmungswandel in den USA. Von hier aus startete der Konzern seine Gentechkampagne, hier werden heute mehr als 90 Prozent des Weizens, von Soja, Mais und Baumwolle mit Gentechsaatgut angebaut, das gegen Glyphosat immun gemacht wurde. Als Kalifornien Anfang September das Gift auf die Liste der krebserregenden Stoffe setzte, reagierte Monsanto zunächst irritiert und beharrte darauf, der Wirkstoff sei für den Menschen ungefährlich und das Krebsrisiko ohnehin nicht erwiesen. Die WHO-Untersuchung werde nun mit eigenen Studien überprüft, hiess es am Hauptsitz in St. Louis.

Doch die Warnlampen hätten schon im vergangenen Jahr aufleuchten müssen, als Kolumbien überraschend entschied, illegale Kokafelder nicht mehr länger mit Glyphosat zu vernichten, nachdem sich Meldungen über Miss- und Fehlgeburten in der Landbevölkerung der betroffenen Regionen gehäuft hatten.

Wenn heute auch Kalifornien aktiv wird, so ist es nur eine Frage der Zeit, bis andere Bundesstaaten nachziehen und den Verkauf einschränken. In Europa hat Frankreich bereits ein Verbot erlassen, Holland visiert eine Sperre an, und in Brasilien wird dies auf Antrag des Justizministeriums geprüft. Ende Jahr läuft die Zulassung von Glyphosat zudem in den USA und der EU aus, womit offen ist, ob das Gift weiterhin voll erlaubt wird oder nur mit Einschränkungen und ob es ausserhalb der Landwirtschaft noch verkauft werden kann. In der Schweiz etwa werden von jährlich 280 bis 350 Tonnen Glyphosat rund 20 Prozent von Hobbygärtnern verwendet.

Kampf gegen fremde Pflanzen

In den USA bringt die Kontroverse um die Substanz zunächst vor allem die Park- und Naturschutzbehörden in Bedrängnis. Sie setzen Roundup ein, um unerwünschte Bäume, Gräser und Sträucher aus öffentlichen Anlagen und Wäldern zu entfernen. Besonders umstritten ist die Praxis im Grossraum San Francisco. So protestierten schon Mitte Juni auf dem Campus der Universität Berkeley besorgte Bürger gegen die ­chemische Rodung und stellten sich schützend und unbekleidet vor die bedrohten Eukalyptusbäume, die vor mehr als hundert Jahren aus Australien eingeführt wurden, um die lokale Flora zu bereichern und den sandhaltigen Boden zu stabilisieren.

Eine andere Gruppe von Umweltschützern dagegen toleriert nur einheimische Pflanzen und hat das Ziel, Eindringlinge ausrotten. «Es ist die eine besonders aggressive Art der Umwelthysterie», sagt Mark Davis, Biologieprofessor am Macalester ­College in St. Paul, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Was vergessen geht, ist, dass die Natur schon immer chaotisch war. Fremde und einheimische Arten trennen zu wollen, ist sinnlos.»

Die Gegner der importierten Pflanzen erhalten seit Jahren logistisch und finanziell Unterstützung von Monsanto, wie Tao Orion, Lehrbeauftragte an der Oregon State University, in ihrem Werk «Beyond the War on Invasive Species» schreibt. Monsanto und andere Agrochemiekonzerne «haben den Krieg gegen die invasiven Arten allein zu ihrem finanziellen Vorteil erfunden», sagt sie. Die Kampagne sei alles in allem sehr wirksam gewesen. «Sie hat die Leute davon überzeugt, dass Herbizide sicher, unschädlich und sogar notwendig sind, um die einheimische Pflanzenwelt wiederherzustellen, wie sie einmal war.»

Diese Verbindung von Agrochemie und militantem Umweltschutz gehe auf die Neunzigerjahre zurück, sagt Mark Davis, als Monsanto das Roundup-Modell zu seinem Kerngeschäft auszubauen begann und auf ein günstiges soziales Klima angewiesen war. «Es ist schon erstaunlich, wie sich so seltsame Bettgenossen gefunden und gemeinsame Sache gemacht haben», sagt Davis.

Noch offen ist, ob die Naturparkbehörden in Kalifornien wie geplant weiter Glyphosat einsetzen wollen. Vorsorglich haben aber Umweltschutzgruppen die Federal Emergency Management Agency (Fema) verklagt, weil sie Kalifornien 5,7 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt hatte, um mehr als 450'000 gesunde Eukalyptusbäume zu vernichten. Seit kurzem muss sich der Konzern auch in zwei Einzelfällen von Glyphosat-Opfern vor Gerichten verantworten.

In Los Angeles reichte ein 58-jähriger Landarbeiter eine Klage gegen den Konzern ein. Er hatte das Herbizid jahrelang auf Betrieben im Westen der USA gespritzt, erkrankte an Knochenkrebs und führt dies auf das Gift zurück. Konkret wirft er Monsanto auch vor, die Krebsrisiken bewusst verschwiegen zu haben. In New York geht eine 64-jährige Gärtnerin gegen Monsanto vor. Auch sie führt ihre Leukämieerkrankung auf Roundup zurück, dem sie in den Neunzigerjahren in ihrem Beruf ausgesetzt war.

Syngenta kein Rettungsanker

Im Lichte der aktuellen Krise erhält auch die versuchte und gescheiterte Übernahme von Syngenta eine neue ­Bedeutung. Monsanto habe damit den langsamen Rückzug aus dem Glyphosat-Markt vorbereiten wollen, sagen Insider. Mit zunehmender Resistenz von Unkräutern gegen Glyphosat stehe der Wirkstoff vor dem Niedergang, meint ­Piper-Jaffray-Analyst Brett Wong. Mon­santo müsse sich um Alternativen bemühen, und dafür wäre Syngenta ein idealer Partner gewesen. Der Schweizer Agrochemiekonzern hat mehr als 30 Herbizide mit anderen Wirkstoffen entwickelt und will das Glyphosat-Geschäft zusehends verkleinern.

Unbestritten ist, dass immer mehr Pflanzen eine Resistenz gegen Roundup entwickelt haben. Bauern berichten von Monsterunkräutern, die schneller und grösser wachsen würden als alles, was sie je gesehen hätten. Monsanto-Chef Hugh Grant versicherte kürzlich, bald eine potentere Giftmischung bereitzuhaben. Doch dafür müsste Glyphosat das von BASF produzierte Herbizid Dicamba beigemischt werden, das ebenfalls als krebserregend gilt. Das Center for Food Safety sieht in einer solchen Kombination von Roundup und Dicamba «ein weiteres Beispiel dafür, wie Pestizidfirmen die Landwirtschaft zurück in die dunklen Zeiten des massiven, unbeschränkten Einsatzes von gefährlichen Giftstoffen zurückführen wollen».

Obwohl Monsanto den Patentschutz für Glyphosat bereits im Jahr 2000 verloren hat, ist das Mittel wegen der Kombination mit dem Gentechsaatgut für den Konzern noch immer eine wichtige Geschäftsstütze. Glyphosat ist weltweit das am weitesten verwendete Herbizid und wird von über 90 Unternehmen in 20 Ländern hergestellt. 40 Prozent davon in China.

Wäre die Übernahme von Syngenta gelungen, so hätte Monsanto Zugriff auf neue Herbizide gehabt. In diesem Fall wäre der Konzern auch offen gewesen, die mit Syngenta «überlappenden Pflanzenschutzchemikalien zu verkaufen». Als möglicher Käufer der Glyphosat-­Mittel wurde die Chem China gehandelt, der grösste und staatlich kontrollierte Agrochemiekonzern des Landes. Diese Perspektive ist nach der abgewehrten Attacke auf Syngenta geschwunden. Monsanto bleibt auf einem Erfolgsprodukt sitzen, das je länger, ­desto mehr zu einem Bleigewicht zu werden droht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2015, 23:23 Uhr

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