Der letzte Autokrat

Ferdinand Piëch hat VW zum grössten Autobauer weltweit gemacht. Er hat den Konzern mit eiserner Hand geführt.

Er führte VW wie seine eigene Firma: Ferdinand Piëch bei einem Pressetermin 1999 in Wolfsburg. Foto: Getty Images

Er führte VW wie seine eigene Firma: Ferdinand Piëch bei einem Pressetermin 1999 in Wolfsburg. Foto: Getty Images

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Ferdinand Piëch brauchte keine langen Sätze und schon gar keine laute Stimme. Im Gegenteil, je kürzer die Sätze des Legasthenikers wurden und je leiser er sie vor sich hin murmelte, desto sicherer konnten seine Zuhörer sein: Achtung, das Orakel hat Wichtiges mitzuteilen. Zum Beispiel bei der Pariser Automesse im September 2010. Kurz vorher war durchgesickert, was der Milliardär, VW-Patriarch und Herrscher über ein weit verzweigtes Autoimperium für die Zeit danach plante.

Im Falle seines Todes solle sein Konzernerbe an seine Ehefrau gehen. Ursula Piëch, geborene Plasser, genannt Uschi, winkt ab an jenem Abend vor neun Jahren. Man rede über etwas, «was in dreissig bis vierzig Jahren passiert», sagt sie. Und ihr Mann, damals 73, presst durch seine dünnen Lippen diesen einen kurzen Satz: «So lang geht das nicht.»

Piëch hatte früh gelernt, dass man in dieser Welt nicht weit kommt, wenn man weich und sanft ist.

Es ging noch neun Jahre. Der grosse Exzentriker und Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, jener Piëch, den einige für den grössten Automanager des vergangenen Jahrhunderts halten, starb nicht am Steuer eines Boliden, wie man es von einem wie ihm vielleicht erwartet hätte. Er brach am Sonntagabend in einem Restaurant in Rosenheim in Bayern zusammen, vor den Augen seiner Ursula. Kurz darauf verstarb er im Krankenhaus. Er wurde 82 Jahre alt.

Jahrzehnte hatte Piëch den VW-­Konzern geführt, geprägt, auf sich zugeschnitten und zum grössten Autobauer der Welt gemacht. Vom alten Käfer-Konstrukteur zu einem Milliardenreich mit dreizehn Marken von Audi über Skoda und Lamborghini, Seat und Porsche bis zu MAN und Scania. Da reicht es wahrscheinlich nicht, einfach nur genial zu sein oder einfach nur autokratisch. Man musste wohl ein genialer Autokrat sein wie Piëch, um das hinzubekommen. Ferdinand Piëch, der Samuraischwerter ebenso genüsslich sammelte wie persönliche Schlachten und Siege gegen seine Widersacher, war erst VW-Chef, dann Aufsichtsratschef des Konzerns.

Autos und Samuraischwerter

Die Geschichte des grossen Patriarchats endete an einem Samstag im April 2015, als ihn seine Aufsichtsräte, die Miteigentümer der Familien Porsche und Piëch, Politiker und Betriebsräte zu einem Treffen nach Braunschweig kommen liessen. Dort empfahl man dem Aufsichtsratschef den Rücktritt. Piëch ging, und mit ihm seine Frau Ursula, zuvor noch Aufsichtsrätin bei VW und Audi, von Beruf Kindergärtnerin und Hort-erzieherin mit zusätzlichem Prüfungsfach Wirtschaft und Recht. Fortan sass er also daheim in Salzburg, umgeben von Autos, Samuraischwertern und seiner Frau Ursula.

Der VW-Grossaktionär Piëch, der den Milliarden-Euro-Konzern geführt hatte wie seine eigene Firma, einer, der jedes kleinste Detail der Automodelle, sogar die Spaltmasse, noch selbst inspizierte und den man daher auch den «Fugen-Ferdi» nannte, hatte die Niederlage seines Lebens erlebt. Dabei hatte er nur das getan, was er schon so oft in seinemLeben gemacht hatte. Er hatte versucht, einen Manager mit einem seiner kurzen, knackigen Sätze aus dem Amt zu fegen.

Früher hiessen solche Männer Bernd Pischetsrieder oder Wendelin Wiedeking. Diesmal war es der damalige VW-Chef Martin Winterkorn. «Ich bin auf Distanz zu Winterkorn», sprach das Orakel. Eine schnelle Attacke, die den angestellten Manager Winterkorn zur Strecke bringen sollte, schaffte den Patriarchen auf einmal selbst ab. Der Samurai hatte im Eifer des Gefechts vergessen, Unterstützer zu suchen und Allianzen zu schmieden. Das rächte sich. Am Ende ging nicht nur er auf Distanz zu Winterkorn. Am Ende gingen sie alle auf Distanz zu ihm. Es war das Ende eines Patriarchats.

Burli und Butzi, geboren als Konkurrenten

Lange wurde über diesen kurzen Satz des Alten gerätselt. Warum auf Distanz, gerade zu seinem engen Wegbegleiter und Zögling Winterkorn? Vielleicht war ja dies die Erklärung: Einige Monate später, im September 2015, kam der Dieselskandal, und auch Winterkorn musste gehen. Es kam die Zeit der grossen Verschwörungstheorien: Wusste oder ahnte Piëch schon damals, was da auf den Volkswagen-Konzern zurollte?

Später wurde sowohl gegen Winterkorn wie auch gegen den langjährigen Audi-Chef Rupert Stadler wegen der Dieselaffäre Anklage erhoben. Beide haben etwas gemeinsam: Sie stammen aus dem engsten Kreis des Alten, Stadler war sogar Piëchs Büroleiter, als der noch VW-Chef in Wolfsburg war. Gerade jetzt, wo es um die Aufarbeitung des Jahrhundertbetrugs um illegale Abschalteinrichtungen in der Motorsteuerung von Dieselfahrzeugen geht, wird er fehlen, der Piëch.

Ein VW-Konzern ohne ihn, das war lange unvorstellbar. Ferdinand Piëch, geboren am 17. April 1937, hatte einen berühmten Grossvater. Ferdinand Porsche, Porsche-Gründer, Käfer-Konstrukteur und seit der Berliner Automobilausstellung 1935 auch Adolf Hitlers Autobauer. Seine Eltern waren: Louise und Anton Piëch. Die Mutter stammte aus dem Clan des Porsche-Ahnherrn, und Ferdinand konnte gar nicht anders, als ein Automann zu werden.

Es gibt ein altes Bild, das zwei kleine Jungen zeigt, die neben ihrem Grossvater sitzen und einen kleinen Porsche bewundern, den der Alte in der Hand hält. Es ist 1949, der Alte ist Ferdinand Porsche, der eine Junge ist Ferdinand Piëch, der andere sein Cousin Ferdinand Alexander Porsche. Piëch hatte den Spitznamen «Burli», «Butzi» nannte man den anderen. Es ist die Zeit, als die Butzis und die Burlis, die Porsches und die Piëchs, noch nebeneinander sassen.

Auf dem Abhärtungsinternat

Piëch hatte früh gelernt, dass man in dieser Welt nicht weit kommt, wenn man weich und sanft ist. Vater Anton starb früh, und die Mutter kümmerte sich um ihre Firma, die Porsche-Holding Salzburg, einen Importeur für VWs und Porsches. Der lernschwache Ferdinand, das zweite von vier Kindern, wird auf das Lyceum Alpinum in Zuoz gebracht. Ein, wie Piëch später schreibt, «typisches Abhärtungsinternat, elitär, schlicht und streng». Eine Schule, in der gelehrt wurde, dass man viele Dinge «nur im Alleingang» machen kann.

Piëch, von dem vieles gesagt wird, ausser, dass er ein Teamspieler war, hatte das beherzigt. Anders als die Cousins der Porsche-Familie, denen das streng Elitäre immer abging. Sie gingen auf die Waldorfschule. «Strickende, Flöte spielende Verwandtschaft», lästerte Piëch mal. Kein Wunder, dass er, der Samurai, jahrzehntelang den Anspruch hatte, den Clan zu kommandieren.

Es gab Momente, da konnte er auf eine sehr spezielle Art sehr unterhaltsam sein. Oft waren es kurze, bissige, sibyllinische Andeutungen. Als er 1993 an die VW-Spitze kam, hatte der Konzern vier Marken. VW, Audi, Seat, Skoda. Dann fing er an, sich ein Reich zusammenzukaufen. Irgendwann waren es zwölf Marken, und als er dann vor ein paar Jahren ein Auge auf die Fiat-Tochter Alfa Romeo geworfen hatte, stellte er sich bei einer Automesse neben Journalisten und sagte: «13 ist meine Glückszahl.» Aber Herr Piëch, Fiat will doch gar nicht verkaufen. «Ach was, dem Konzern geht es noch nicht schlecht genug, und wir können warten.»

Kurz und böse. Es gab einen Piëch, von dem seine Frau Ursula meinte, dass er ein guter Mensch sei, «viel verzeihender, als man ihm zutraut», sagte sie mal. Und es gibt einen Piëch, von dem die Menschen aus dem Konzern sagen, dass er «nie Gefangene gemacht» habe. Dass es schon Pech bringe, nur seinen Namen auszusprechen.

Vielleicht lernt man diese grosse Kunst der Selbstverteidigung, der Attacken und Intrigen, der eiskalten Abrechnungen, wenn man Teil einer solchen Familie ist. Wenn um einen herum viel Neid ist, die grossen Eitelkeiten, und wenn es insgeheim doch immer um die eine Frage geht: Wer ist nun Nachfolger des grossen Ferdinand Porsche? Ein Piëch oder ein Porsche? Burli oder Butzi? Für den Enkel Ferdinand war die Sache klar, es konnte ja nur einen geben – ihn. In seiner Autobiografie schrieb er: «Ich hatte das Gefühl, überall bestehen zu können, und für meine Verwandten war ich mir da nicht so sicher.» Wer so über seine Verwandten schreibt, muss davon ausgehen, dass er danach ein paar Feinde mehr hat.

«Es hat geknistert»

Im Sommer 1972 fährt Piëch mit einer Honda 750 nach Turin, um sich die Arbeiten des Autodesigners Giorgetto Giugiaro anzuschauen. Was auf dem Weg dorthin passiert, beschreibt der schon früh verheiratete Vater von damals fünf Kindern so: «In jenem Sommer 1972 geriet auch mein Privatleben gehörig durcheinander. Bei der Anreise zu Giugiaro hatte ich in Lugano bei meiner Schwägerin Marlene, der Frau Gerd Porsches, Station gemacht. Damals hat es zwar schon etwas geknistert, aber ich habe die Dame nach dem Abendessen brav mit dem Motorrad heimgebracht.»

Aus dem Stopp in Lugano wurde eine langjährige Liaison mit zwei Kindern, und Piëch schreibt in seiner Biografie: Marlene sei auch «mit Managern, mit denen ich zwangsläufig arbeiten musste, gut bekannt, was für Hochspannung sorgte». Intime Inneneinsichten eines Managers, wie es sie selten zu lesen gibt.

Die Bilanz des Privatmanns Piëch: fünf Kinder mit der ersten Frau Corina, zwei Kinder mit Marlene, drei mit Ursula, weitere zwei, «die einer anderen Connection entstammen», wie er mal einräumte. Stets sprach er von zwölf Kindern; am Dienstag liess die Witwe Ursula Piech mitteilen: «Er hinterlässt eine grosse Familie mit dreizehn Kindern und über doppelt so vielen Enkelkindern.» Piëch gibt Rätsel auf, auch nach seinem Tod.

Erstellt: 27.08.2019, 19:45 Uhr

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