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Der liebenswürdige Inquisitor

US-Senator Carl Levin hat bereits die UBS alt aussehen lassen. Jetzt attackiert er die mächtigste Wallstreet-Bank.

Angesehen weit über die eigene Partei hinaus: US-Senator Carl Levin.
Angesehen weit über die eigene Partei hinaus: US-Senator Carl Levin.
Keystone

Wenn Carl Levin ärgerlich wird, dann schreit er nicht, und er wird auch nicht aggressiv. Dann rutscht ihm nur die Brille noch etwas tiefer auf die Nase hinunter, und er wird leise, ganz leise. Und geniesst es, wenn sich alle Kameras auf ihn richten und die Angeklagten unruhig herumzurutschen beginnen. Beinahe elf Stunden unterzog der Senator diese Woche das Topkader von Goldman Sachs einem Kreuzverhör, das zwar nicht neues Belastungsmaterial ans Licht brachte, die Banker aber als genauso uneinsichtig und profithungrig aussehen liess, wie Levin wollte. Wenn Goldman Sachs nun die Betrugsklage rasch mit einem Vergleich lösen will, ist das ihm zu verdanken.

Aufklärer im Enron-Skandal

Das öffentliche Anprangern der Machenschaften der Finanzindustrie ist nicht Neues für den Senator aus Michigan, der weit über die eigene Partei hinaus wegen seiner Unbestechlichkeit und Unabhängigkeit geschätzt wird. Lange bevor die Öffentlichkeit auf die Betrügereien mit Aktienoptionen aufmerksam wurde, ging Levin der Sache nach. 1994 versuchte er bereits, den Dachverband der Buchprüfer dazu zu bewegen, Optionen zuhanden der Manager als Aufwand zu verbuchen. Doch die geballte Opposition der Wirtschaftsverbände verhinderte dies. Als dann aber der Energiekonzern Enron Bankrott anmeldete, wurde bekannt, dass 29 Topmanager zuvor Optionen im Gegenwert von einer Milliarde Dollar eingelöst hatten. Da sie nie richtig verbucht worden waren, blieb dieser Unterzug unentdeckt.

Bekannt wurde die Tragweite des Enron-Skandals erst, nachdem Levin scharfe Anhörungen durchgeführt und einen dicken Untersuchungsbericht präsentiert hatte. Sein Lehrmeister sei Warren Buffett, sagte Levin damals. «Optionen sind Lohnbestandteile. Sie nicht zu verbuchen, ist das schlimmste Versteckspiel der Manager und Buchhalter», zitierte er den Milliardeninvestor.

Die Ermittlungen gegen die UBS hatten ihren Ursprung ebenfalls in Levins Bestreben, Steuerschlupflöcher für Unternehmen zu stopfen. Als Chef des ständigen Untersuchungsausschusses im Senat zitierte er UBS-Manager und befragte sie nach kleinsten Details der Betrugsoperation in den USA. Dies festigte seinen Ruf, wie kaum ein anderer Parlamentarier seine Dossiers minutiös vorzubereiten und dunkle Ecken auszuleuchten. Es war Levin, der im Fall UBS zum ersten Mal den Umfang des Steuerbetrugs mit jährlich 100 Milliarden Dollar bezifferte. «Wir können uns nicht auf die Schweizer verlassen, das steht fest», sagte er letztes Jahr und erklärte, das Steuerabkommen von 2001 sei «ein Schutzschild» für Betrüger, «statt ein Schwert gegen die Steuerflucht».

Auch Kritik am Weissen Haus

Der 75-jährige Demokrat ist in Detroit aufgewachsen. 2008 wurde er zum sechsten Mal in Folge gewählt. Seine Popularität beruht darauf, dass er sich gleich vehement wie in Wirtschaftsfragen auch für die Region Detroit einsetzt. So überzeugte er Präsident Obama, 14 Milliarden Dollar für die Rettung von GM und Chrysler einzusetzen. Levin ist auch nicht leiser, wenn das Weisse Haus betroffen ist. So widersetzte er sich 2002 dem Kriegseinsatz im Irak, forderte die Schliessung von Guantánamo Bay und deckte im Detail die Folterpraktiken der US-Geheimdienste auf.

Auch bei Goldman Sachs geht es ihm um mehr als um juristische Fragen. Ob die Bank illegal gehandelt habe, wisse er nicht, so Levin nach der Anhörung. Sicher aber habe die Bank ethische Grenzen durchstossen, indem sie ihre Kunden mit faulen Kreditpapieren in die Irre geführt habe. «Am meisten aber beunruhigt mich», sagte er, «dass dies die Bank nicht zu stören scheint.»

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