Der Meister der riesigen Firmendeals

Kaum war publik geworden, dass Kraft Heinz den Konkurrenten Unilever kaufen will, wurde der Deal schon wieder abgeblasen. Dahinter steckt Milliardär Jorge Lemann.

Jorge Paulo Lemann dürfte einer der Strippenzieher hinter der abgeblasenen Übernahme von Unilever durch Kraft Heinz gewesen sein.

Jorge Paulo Lemann dürfte einer der Strippenzieher hinter der abgeblasenen Übernahme von Unilever durch Kraft Heinz gewesen sein. Bild: Ueslei Marcelino/Reuters

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Jorge Paulo Lemann exponiert sich nicht gerne öffentlich. In seinen Deals geht es um Milliarden – und er wickelt sie lieber im Hintergrund ab. Das war schon immer so. Der in Rapperswil wohnhafte brasilianisch-schweizerische Investor gilt mit einem Vermögen von 25 bis 30 Milliarden Franken als zweitreichster Schweizer. Im Zusammenhang mit der angestrebten Übernahme der britisch-niederländischen Unilever durch den US-Lebensmittelriesen Kraft Heinz ist sein Name dennoch kaum gefallen. Obwohl Lemann einer der Strippenzieher hinter dem inzwischen bereits wieder abgeblasenen Milliardendeal gewesen sein dürfte.

Überhaupt publik geworden ist das Interesse von Kraft Heinz an Unilever aufgrund der britischen Regeln für Firmenübernahmen. Nachdem es Freitag an den Aktienmärkten Gerüchte über das Vorhaben gegeben hatte, war der US-Konzern gezwungen, eine Offerte zu veröffentlichen. Diese lehnte die britisch-niederländische Unilever umgehend als zu tief ab. Am Sonntag zog Kraft Heinz seine Offerte dann bereits wieder zurück.

Zu früh durchgesickert

Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte ein Kraft-Heinz-Sprecher, die Übernahmepläne seien sehr früh bekannt geworden. Zu früh für Lemann wahrscheinlich. Zumal bereits am Wochenende grosse Bedenken zur Fusion aufgekommen waren, mit der der zweitgrösste Nahrungsmittel- und Konsumgüterkonzern hinter Nestlé entstanden wäre.

Die «Financial Times» etwa hatte berichtet, die britische Premierministerin Theresa May habe die Behörden angewiesen, zu prüfen, ob eine Übernahme britische Wirtschaftsinteressen gefährden könne. Dies ist insofern bedeutend, als dass die Briten negative Assoziationen mit dem Namen Kraft verbinden. Denn bis 2012 – also noch vor der Fusion von Kraft mit dem Ketchup-Hersteller Heinz – gehörte auch die traditionelle britische Süsswarenmarke Cadbury zu Kraft. Dass der US-Konzern damals – entgegen früher gemachten Versprechen – die Cadbury-Produktion nach Polen auslagerte, haben viele Briten bis heute nicht verwunden.

Mit lokaler brasilianischer Brauerei an die Weltspitze


Für Lemann wäre ein Zusammenschluss von Kraft Heinz mit Unilever ein weiterer Schritt beim Ausbau seines Milliardenimperiums gewesen. Bei Kraft Heinz ist Lemann über seine Investitionsgesellschaft 3G Capital ein bedeutender Aktionär. Zudem sitzt er – Seite an Seite mit Starinvestor Warren Buffett – im Verwaltungsrat des Konzerns. Die angedachte, nun aber nicht zustande gekommene Riesenübernahme trägt durchaus seine Handschrift.

Mit ähnlichen Deals hat er aus der kleinen brasilianischen Brauerei Brahma in weniger als zwanzig Jahren AB Inbev, den grössten Brauereikonzern der Welt, geformt. Unter anderem kaufte Lemann dafür den belgischen Bierkonzern Interbrev und den US-Brauereiriesen Anheuser-Busch – wobei Lemann laut Medienberichten immer selbst massgeblich an den Kaufverhandlungen beteiligt war. Letztes Jahr kam dann noch der Riesenkonzern SABMiller dazu. Dabei trinkt der 77-jährige brasilianisch-schweizerische Investor selbst keinen Alkohol.

Tennis-Schweizer-Meister der Ü-65

Abgesehen davon ist aus dem Privatleben Lemanns nicht viel bekannt. In die Schweiz gezogen ist der Milliardär, nachdem seine Kinder aus zweiter Ehe nur knapp einem Entführungsversuch entgingen. Lemann hat indes Schweizer Wurzeln: Seine Eltern wanderte in den 1920er-Jahren nach Brasilien aus und brachten es dort unter anderem mit Kakao-Anbau zu Reichtum. Lemanns private Leidenschaft ist Tennis – er spielt in der Seniorenmannschaft der GC Herren, die 2016 die Schweizer Meisterschaft der Über-65-Jährigen gewann. In jungen Jahren war Lemann mehrfach brasilianischer Meister, und für die Schweiz hat er im Davis-Cup gespielt.

Die brasilianische Journalistin Cristiane Correa, die vor einigen Jahren ein Buch über den Aufstieg Lemanns verfasst hat, sieht sein Erfolgsrezept einerseits in seiner von Disziplin geprägten Arbeitsmoral, anderseits in der extremen Leistungsorientierung, die in dieser Form neu war, als er in den 1970er-Jahren zusammen mit drei weiteren Investoren die Banco Garantia gründete. Die Bank selbst wurde in den 1990er-Jahren an die Credit Suisse verkauft. Seither haben Lemann und seine Mitinvestoren ihr Bierimperium geformt.

An AB Inbev hält Lemann heute rund ein Achtel des Kapitals und ist damit weiterhin Hauptaktionär. Auch sitzt er weiterhin im Verwaltungsrat des Riesenkonzerns. Massgeblich beteiligt ist Lemann aber auch an dem von ihm ebenfalls mit Megadeals geformten US-Fast-Food-Konzern Restaurant Brands. Zu diesem gehören unter anderem Burger King, aber auch die in Kanada und den USA operierende Kette Tim Hortons. Am Nahrungsmittelkonzern Kraft Heinz schliesslich ist Lemann beteiligt, nachdem er zusammen mit Warren Buffett beim Ketchup-Hersteller Heinz eingestiegen war und diesen 2015 mit Kraft fusionierte.

Welches ist das nächste Ziel

Die Riesendeals laufen stets nach dem gleichen Muster ab. Die Verhandlungen finden meist im Verborgenen statt – und sie kommen aufgrund ihrer Dimension meist auch für Brancheninsider ziemlich überraschend. Dass sich die Übernahmen und Fusionen für Lemann und andere Investoren rentieren, wird bei den Unternehmen nach den Transaktionen jeweils rigoros Synergien genutzt und auf die Kostenbremse gedrückt. Oft müssen bisherige Manager dabei offenbar Vertretern von 3G Platz machen, die aus Lemanns Firmenimperium stammen und dessen Geschäftsphilosophie quasi verinnerlicht haben.

Und selbst wenn der neueste Deal, bei dem Lemann die Hände im Spiel gehabt haben dürfte, nun nicht aufging: Der brasilianisch-schweizerische Investor bleibt ein Meister der grossen Deals. Das wird auch so bleiben: Bereits letztes Jahr gab es Gerüchte, wonach Kraft Heinz dirigiert von Lemann den Nahrungsmittelkonzern Mondelez übernehmen könnte. Nun berichtet die Nachrichtenagentur Reuters, dass unter Analysten bereits darüber spekuliert werde, wie der Plan B von Kraft Heinz aussehe. Unter anderem wurde Unilever-Konkurrent Colgate-Palmolive als mögliches nächstes Übernahmeziel genannt.

Erstellt: 20.02.2017, 17:54 Uhr

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