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Der Ölindustrie droht ein böses Erwachen

Die Wachstumshoffnungen der Ölförderer werden durch staatliche Plastikverbote und Recyclingversprechen ernsthaft gefährdet.

Ein Mann wischt vor einem Plastikberg bei InnoRecycling in Eschlikon TG. Aus den Abfällen werden hier Recyclingkunststoffe für neue Produkte hergestellt. Foto: Keystone/Alexandra Wey
Ein Mann wischt vor einem Plastikberg bei InnoRecycling in Eschlikon TG. Aus den Abfällen werden hier Recyclingkunststoffe für neue Produkte hergestellt. Foto: Keystone/Alexandra Wey
Nguyen Huy Kham, Reuters

Sogar Lobbyisten der Ölindustrie räumen ein, die von ihr geförderte schwarze Flüssigkeit sei eigentlich ein zu wertvoller Rohstoff, um als Benzin und Heizmittel verbrannt zu werden. Doch erst die Klimadiskussion und das Aufkommen der Elektromobilität sorgen jetzt dafür, dass die Wachstumsaussichten für Öl in deutlich gedämpfteren Farben ausgemalt werden. Die Ölförderer und -verarbeiter haben dies bislang gelassen genommen, denn sie richten ihre Hoffnungen auf einen ganz anderen Wirtschaftszweig – die petrochemische Industrie.

Auf sie entfallen derzeit rund 14 Prozent des weltweiten Ölkonsums – während mehr als die Hälfte in den Personen- und Güterverkehr fliesst. Wie Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) weiter zu entnehmen ist, wird der petrochemische Sektor bis 2030 mehr als ein Drittel und bis 2050 sogar knapp die Hälfte zum Wachstum des Ölverbrauchs beisteuern. Er ist damit die einzige bedeutende Nachfragequelle der Ölindustrie, die auf längere Sicht ein beschleunigtes Wachstum verspricht.

Immenses Wachstumspotenzial – auf dem Papier

Die Langfristprognose der IEA unterstellt dabei, dass der globale Plastikverbrauch auch weiterhin deutlich rascher zunehmen wird als das Wachstum der Weltwirtschaft. Das mag nachvollziehbar erscheinen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Pro-Kopf-Konsum von Plastik in den USA und Europa 10- bis 20-mal grösser ist als in vielen asiatischen Schwellenländern. Daraus lässt sich ein immenses Wachstumspotenzial für die Hersteller von Plastik in all seinen Facetten ableiten. Nach Schätzungen von Experten verwendet die Petrochemie rund zwei Drittel des von ihr benötigten Öls als Ausgangsstoff für die Plastikfertigung.

Vor diesem Hintergrund entwirft die Energieagentur ein Szenario, in welchem der rasant zunehmende Konsum von Plastik in der aufstrebenden Welt alle Bemühungen zu dessen Eindämmung in unseren Breitengraden bei weitem übertreffen wird. Doch wie realistisch sind Annahmen, die darauf beruhen, dass die Schwellenmärkte die Verhaltens- und Konsummuster entwickelter Staaten eins zu eins übernehmen?

Nicht minder plausibel erscheint, aufstrebende Länder würden – im Wissen um die Umweltlasten von Plastik, die dort besonders augenscheinlich sind – den bei uns verbreiteten Verpackungsexzess erst gar nicht zulassen. Oder aber sie «überspringen» Plastik und wenden sich anderen, überlegeneren Materialien zu – in ähnlicher Weise, wie viele Schwellenmärkte in der Telekommunikation auf Festnetze verzichtet und gleich auf die Mobiltelefonie übergegangen sind. So hat etwa Kenia Einwegplastiksäcke verboten.

Stärkerer Einfluss als Elektroautos

Sollten andere aufstrebende Märkte dem Beispiel des ostafrikanischen Landes folgen, hätte das deutlich spürbare Auswirkungen auf die Plastikproduktion: Rund 45 Prozent hiervon werden für Verpackungszwecke genutzt. In der entwickelten Welt ist bereits die Rede vom «Krieg gegen das Plastik», der ebenfalls mittels staatlicher Verbote gewisser Einwegprodukte, vermehrter Verwendung alternativer Materialien und verstärkten Plastikrecyclings ausgetragen wird.

Wenn sich der Einsatz von Plastiksäcken und anderen Plastikprodukten weltweit zurückdrängen liesse – so hat der unabhängige Londoner Energieberater Crystol Energy ermittelt –, könnte der jährliche Nachfragezuwachs bei Plastik im Zeitraum von 2017 bis 2040 auf etwa 3 Prozent halbiert werden. Gelänge es darüber hinaus, den Anteil des rezyklierten Plastiks bis in gut 20 Jahren von 5 auf 25 Prozent auszuweiten, würde der Ölverbrauch in der petrochemischen Industrie zusätzlich reduziert.

Umgelegt auf die Prognosen der Energieagentur, hiesse das: Die Ölnachfrage der Petrochemie würde 2040 um über 20 Prozent geringer ausfallen. Der «Plastikkrieg» hätte damit laut Crystol Energy einen noch stärkeren Einfluss auf die Absatzperspektiven der Ölindustrie als die Verbreitung von Elektroautos.

Hehre Absichten

Voraussetzung ist indes, dass die grossen Verbraucher von Plastikverpackungen ihren Worten auch Taten folgen lassen. So hat etwa Coca-Cola angekündigt, bis 2030 so viel Plastik einzusammeln und zu rezyklieren, wie der US-Getränkekonzern Verpackungen benötigt; aktuell nutzt er jährlich 120 Milliarden Flaschen. Die französische Mineralwassermarke Evian will schon bis 2025 nur noch Flaschen aus wieder verwertetem Plastik in Umlauf bringen. Ebenfalls bis 2025 wollen die US-Schnellverpflegungskette McDonald’s und der niederländische Konsumgüterhersteller Unilever nur noch rezykliertes und wieder verwendbares Plastik einsetzen. Jüngst hat auch Nestlé in Aussicht gestellt, bis in gut fünf Jahren auf nicht recyclingfähiges Plastik zu verzichten.

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