Der Postmann hat noch gar nicht geklingelt

Post-Chef Roberto Cirillo bleibt vage, wenn es um konkrete Zukunftspläne für den Staatsbetrieb geht.

Der neue Post-Chef Roberto Cirillo läuft Gefahr, dass Kunden, Mitarbeiter und Politik die Geduld mit ihm verlieren. Foto: Keystone

Der neue Post-Chef Roberto Cirillo läuft Gefahr, dass Kunden, Mitarbeiter und Politik die Geduld mit ihm verlieren. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nach den turbulentesten 18 Monaten in der Geschichte der Post wartete gestern die Öffentlichkeit gespannt auf den ersten Auftritt des neuen Konzernchefs seit April. Eine drängende Frage stand im Raum: Welche Pflöcke schlägt Roberto Cirillo ein, um den in Schieflage geratenen Staats­betrieb rasch wieder auf Kurs zu bringen? Im Argen liegt einiges: Der gute Ruf ist nach dem Bekanntwerden des Postauto-Skandals angeschlagen. Bei der Tochtergesellschaft Post­finance brechen die Gewinne weg. Die Schliessung von Poststellen sorgt für wachsenden Unmut bei Kunden sowie Kantonen. Und das traditionelle Kerngeschäft, das Befördern von Briefen, schrumpft im Zuge der Digitalisierung.

Um es gleich vorwegzunehmen: Cirillo bleibt die noch drängenderen Antworten zur Zukunft der Firma schuldig. Die «Gesamtschau Post», wie er seinen Ansatz nennt, bleibt auch fünf Monate nach Cirillos Amtsantritt vage. Bei konkreten Nachfragen zu möglichen Szenarien greift der Post-Chef entweder auf Allgemeinplätze zurück oder verweist auf die Strategie 2021 bis 2024 – welche aber erst am Entstehen ist. Beispiel Postfinance: «Wir müssen eine längerfristige Lösung finden.» Beispiel Poststellen: «Das Netz garantiert uns Nähe zum Kunden. Inwiefern ein weiterer Abbau nötig wird, entscheiden wir im Rahmen der neuen Strategie.»

Andere Ideen für die Gesamtschau wiederum sind naheliegend und deshalb wenig überraschend. So soll der gelbe Riese in Zeiten eines gestiegenen Bewusstseins für die Umwelt einen grünen Anstrich erhalten. Hier prüft die Post neue Dienstleistungen und Geschäftsmodelle. Gefallen sind Stichworte wie eine «Logistik ohne Verpackungen» oder Angebote, welche die Lebensdauer von Alltagsprodukten durch Reparieren und Wiederverwenden verlängern. Allein: Die Post hat schon vor der Ära Cirillo auf Nach­haltigkeit gesetzt. Zu nennen sind die elektrischen Velos von Publibike und das E-Postauto.

Video: Post-Chef präsentiert Zukunftspläne

Gut 20 Wochen im Amt: Roberto Cirillo. Video: Keystone-SDA

Einem neuen Konzernchef oder einer neuen Konzernchefin werden in der Regel ein Jahr zugestanden, um ein Unternehmen von Grund auf kennen zu lernen. Diese lange Dauer soll sicherstellen, dass die Topmanager die internen Abläufe verstehen und fundierte Entscheide treffen. Cirillo hat die ersten 20 Wochen seiner Amtszeit vor allem dazu genutzt, um mit Mitarbeitern «an der Front» und mit Post-Kunden zu sprechen. Unter normalen Umständen wäre eine solche Vorgehensweise angebracht.

Bei der Post ist die aktuelle Ausgangslage aber nicht alltäglich. Das wohl urschweizerischste aller Schweizer Unternehmen befindet sich seit Anfang 2018 im Ausnahmezustand. Kunden, Mitarbeiter, Politik und Gewerkschaften wollen lieber heute als morgen erfahren, wie es mit der Post weitergehen soll. Denn genau dafür hat der Verwaltungsrat Cirillo geholt: als externe Führungskraft mit Auslandserfahrung, die das verloren gegangene Vertrauen der Öffentlichkeit wiederherstellt. Und Ideen bringt, um das Unternehmen ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten fit zu trimmen für die nächsten Jahrzehnte.

Als er seinen Arbeitsvertrag unterschrieb, wusste Cirillo, dass er unter Zeitdruck stehen würde. Er muss jetzt liefern. Ansonsten wird es für Cirillo schwierig, auf seine Anspruchsgruppen zählen zu können. Auf diese ist er aber angewiesen, wenn er die Post mit raschen Veränderungen aus der Krise führen will.

Erstellt: 22.08.2019, 22:13 Uhr

Artikel zum Thema

Der unsichtbare Post-Chef

Roberto Cirillo soll den gelben Riesen wieder auf Kurs bringen. Bislang hat man wenig von ihm gehört – doch heute kommt der grosse Auftritt. Mehr...

Postchef: «Wir müssen uns bewegen»

Roberto Cirillo ist seit 100 Tagen im Amt. Im neuen Paketzentrum Cadenazzo TI zog der 48-Jährige Bilanz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...