Der Preis der Reisefreiheit

Wollen wir weiterhin die Bahn ohne Einschränkungen benützen, werden wir überfüllte Züge in Kauf nehmen müssen.

Ein Bild, an das sich Reisende wohl gewöhnen müssen: Am Bahnhof gestrandete Passagiere, hier im Wallis. Foto: Keystone

Ein Bild, an das sich Reisende wohl gewöhnen müssen: Am Bahnhof gestrandete Passagiere, hier im Wallis. Foto: Keystone

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Es wird wieder passieren. Ziemlich sicher. Die Wettervorhersage ist gut, die Zürcher, Berner oder Basler werden in den nächsten Tagen die Züge stürmen, die gen Süden fahren. Vielleicht werden dann wieder Reisende am Perron zurückbleiben. Oder dicht gedrängt in den Waggons stehen müssen. Oder nicht dort aussteigen können, wo sie wollen.

Es wird wieder passieren, weil die SBB Opfer ihres eigenen Erfolgs sind. Weil zu gewissen Zeiten so viele Menschen Zug fahren wollen, dass das System sie nur noch aufnehmen könnte – wenn alles nach Plan läuft. Was aber nach Murphys Gesetz genau dann nicht passiert, wenn es wirklich notwendig wäre.

Der Taktfahrplan der Schweizer Bahnen sollte ja eigentlich in die Liste der Weltwunder aufgenommen werden. Mittlerweile ist er so dicht, dass sich eine Weichenstörung in Chiasso bis St. Gallen auswirken kann. Je komplexer ein Verkehrssystem, desto störungsanfälliger wird es. Und dann kommt es eben zu Verspätungen und überfüllten Wagen im ganzen Netz.

Die Alternative wäre: zurück zum Stundentakt auf den Hauptstrecken, zurück zu längeren Fahr- und Wendezeiten, die es ermöglichen, Verspätungen aufzuholen. Das will niemand.

Überfüllte Züge sind der Preis unserer Reisefreiheit.

Der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist ein offenes System. Wer ein Billett für eine Strecke kauft, erwirbt das Recht, in einer bestimmten Zeitspanne jeden Zug oder Bus zu benützen, welcher auf dieser Strecke verkehrt. Meistens ist diese Zeitspanne ein Tag oder vier Tage bei internationalen Billetten. Lediglich Sparbillette sind an bestimmte Züge gebunden.

Neben der Schweiz haben auch Deutschland, Österreich und die osteuropäischen Staaten so ein offenes Ticketsystem, weil es Reisenden Flexibilität bietet. Der Nachteil: Jeder kann zu jeder Zeit fahren, jeder kann in einen vollen Zug drängen. So lange, bis das Zugpersonal die Evakuierung anordnet.

Anders in Italien, Frankreich oder teilweise Grossbritannien: für die superschnellen Züge wie Frecciarossa, TGV, Thalys oder Eurostar. Dort ist das Billett fix verbunden mit einer Sitzplatzreservierung, so wie im Flugzeug: Der Sitzplatz ist garantiert. Es gibt gut gefüllte, aber keine überfüllten Züge.

Es liegt auch an uns

Allerdings: Es gibt auch keine Möglichkeit, in letzter Minute die Reisepläne noch zu ändern, einen Zug später zu nehmen. Reservierungspflicht auf der Nord-Süd-Achse wäre möglich. Aber wollen wir wirklich gebunden sein an einen fixen Zug und einen fixen Sitzplatz?

Bahnfahren müsse so einfach werden wie Zähneputzen, sagte der ehemalige SBB-Chef Benedikt Weibel: Man sollte ohne viel Planung zum Bahnhof gehen und sich in den Zug setzen können. Die SBB wollen das beibehalten. Das sollten sie auch. Reservierungszwang würde die Reisefreiheit einschränken und der Bahn einen Vorteil gegenüber dem Flugzeug rauben.

Klar: Überfüllte Züge sind extrem unangenehm. Aber es liegt auch an uns Reisenden, diesen Zustand zu vermeiden. Indem wir Hauptreisezeiten vermeiden. Indem wir nicht in volle Waggons drängen, sondern ausnahmsweise auf den nächsten Zug warten. Der kommt ohnehin spätestens in einer halben Stunde.

Erstellt: 08.10.2019, 21:50 Uhr

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