Er zwang Spekulanten in die Knie

Ulf Berg kämpfte gegen Viktor Vekselberg, legte sich mit Grossinvestoren an und brachte ZKB-Banker zu Fall. So wurde der designierte Kuoni-Präsident zur Symbolfigur.

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Warum lässt ein altgedienter Industrieveteran sich mit 66 Jahren noch für das Präsidium eines Reisekonzerns gewinnen? Überraschend ist die auf den 2. Mai angesetzte Wahl von Ulf Berg zum Präsidenten des Verwaltungsrates von Kuoni indes nur auf den ersten Blick. Der gebürtige Däne ist seit 2009 für die schwedische Beteiligungsgesellschaft EQT aktiv, an der die Wallenbergs, Skandinaviens mächtigste Industriellenfamilie, massgeblich beteiligt sind. An EQT wird bekanntlich Kuoni verkauft, das Plazet der Aktionäre ist nur noch Formsache.

Gut möglich, dass Berg mithalf, den Deal einzufädeln. Denn Chef von Kuoni war bis letzten November Peter Meier. Die beiden kennen sich bestens aus ihrer Zeit bei Sulzer, wo Meier 2007 Finanzchef wurde, während Berg den Chefsessel für den Nachfolger Ton Büchner räumte und ins Präsidium des Winterthurer Industriekonzerns wechselte.

Zur Symbolfigur eines selbstbewussten und wehrhaften Schweizer Unternehmertums wurde Berg, als er sich im Börsenboom vor der Finanzkrise mit Entschlossenheit gegen den Angriff ausländischer Raider auf Sulzer wehrte. Der russische Investor Viktor Vekselberg und die beiden Wiener Spekulanten Ronny Pecik und Georg Stumpf hatten sich im Frühling 2007 als Besitzer einer Beteiligung von 32 Prozent an Sulzer geoutet. Aufgebaut hatten sie diese mittels Optionskonstrukten der ZKB und der Deutschen Bank, ohne vorher eine einzige der vorgeschriebenen Meldungen an die Börse zu machen. Sie nutzten dabei geschickt Lücken im Schweizer Börsengesetz.

Heftige Kritik an der ZKB

Dass das Trio mit dem heimlich geschnürten Riesenpaket faktisch die Kontrolle über Sulzer ergattert hatte, löste bei Sulzer heftige Gegenwehr aus. Berg griff die ZKB, eine der Hausbanken, hart an: «Ob die ZKB-Banker die Gesetzes­lücken gerade am extremsten ausnützen müssen, ist eine berechtigte Frage», sagte er damals zum TA. Berg intervenierte in kurzer Folge bei drei Bundesräten, zuletzt bei der damaligen Wirtschaftsministerin Doris Leuthard. Für Vekselberg machte sich Russlands Wirtschaftsminister stark.

Die Empörung über den Angriff auf Sulzer war so gross, dass die Finma ein Verfahren gegen das Trio eröffnete und bei ZKB, Deutscher Bank sowie Neuer Zürcher Bank mit Blaulicht vorfuhr und Akten konfiszierte. Die Affäre führte zum Abgang von ZKB-Chef Hans Vögeli und zwei weiteren Topmanagern der Zürcher Staatsbank. Die Meldevorschriften an die Börse beim Aufbau von Beteiligungen wurden stark verschärft. Als Pecik und Stumpf im Sommer 2007 ausstiegen und ihre Anteile an Vekselberg verkauften, entwickelte Berg sich zum Meister der Hinhaltetaktik. Er traute dem Oligarchen nicht, verzögerte mit wechselnden Begründungen den Eintrag seiner Beteiligung im Aktienregister. Dann behauptete er, erst müssten die EU-Wettbewerbshüter zustimmen. Im Herbst war Vekselberg derart entnervt, dass seine Getreuen laut wurden. Flugs unterbreitete Berg ein Stillhalteabkommen, gültig bis im Mai 2009. Als der Oligarch nach endlosen Verhandlungen zur Unterschrift anreiste, änderte Berg Detail um Detail – fast hätte Vekselberg den Flieger nach Moskau verpasst.

Kurz bevor der Deal auslief, setzte Vekselberg an der GV 2009 die Abwahl von Berg durch, der in Tränen ausbrach während seiner Dankesrede an die Mitarbeitenden. Berg war an einem Tiefpunkt seiner Karriere angelangt – nicht zum ersten Mal.

Vor Sulzer war er ein unauffälliger Manager gewesen, der 22 Jahre für ABB durch die Welt jettete, bis deren damaliger Chef Göran Lindahl ihn 1998 aus dem Amt drängte. Zu unzimperlich hatte er eine deutsche ABB-Tochter saniert und für aufgedeckte Risiken so viel Rückstellungen gebildet, dass Lindahl angestrebte Ertragszahlen nach unten revidieren musste. Den Frust über den Rauswurf schrieb Berg sich in einer Alphütte von der Seele.

Berg wechselte 1999 zur Zuger Elektronikgruppe Carlo Gavazzi, stieg dort vom operativen Chef zum Konzernleiter auf, verliess die Gruppe 2001 und gründete eine Beteiligungfirma mit derzeit acht Partnern. Ab 2003 sanierte er beim grössten Schweizer Verpackungskonzern SIG die defizitäre Sparte Getränkeverpackungen, bevor er 2004 Chef von Sulzer wurde.

Kein Gemauschel

Über Sulzer wollte Berg nach seinem Abgang dort nicht mehr reden, es seien jetzt andere «in Charge». Als er kurz darauf mit der Beteiligungsfirma EQT ins Geschäft kam, er also quasi von Vekselberg zu den Wallenbergs wechselte, der schwedischen Familiendynastie und Grossinvestorin. Statur als Profi-Verwaltungsrat verlieh ihm auch, als Magdalena Martullo-Blocher ihn 2007 als Präsident des obersten Gremiums in ihre Ems-Chemie geholt hatte, um seine profunde Industrieerfahrung zu nutzen. Der phänomenale Erfolg, zu dem Martullo und Berg die Ems-Chemie geführt haben, spricht für die strategischen Fähigkeiten des Duos. Seit 2006 sitzt er ­zudem im Verwaltungsrat des Verpackungsmaschinen-Konzerns Bobst. Im Vorstandsausschuss des Industrieverbands Swissmem setzte er sich von 2004 bis 2015 mit Verve für den Werkplatz Schweiz ein. Unter anderem bis heute als Verwaltungsrat von AM-Tec, einem von Swissmem mitfinanzierten Kreditfonds für Schweizer KMU.

Mit Vekselberg kreuzte Berg erneut die Klingen, als EQT mit ihm als industriellem Berater an der Seite die auf Oberflächenbeschichtung spezialisierte Sulzer-Division Metco kaufen wollte. Der Oligarch setzte jedoch seine Interessen durch, Metco landete bei der ebenfalls von ihm beherrschten OC Oerlikon.

Umso genauer nimmt es Berg mit Corporate Governance: Als Martullos Vater Christoph Blocher sich 2014 für den Kauf des Gripen einsetzte, verkündete die Ems-Chemie den Verzicht auf Geschäfte, zu denen sich die Schweden im Gegenzug verpflichtet hätten (Kompensationsgeschäfte) – auch, weil Bergs Auftraggeber, die Wallenbergs, am Gripen-Hersteller Saab beteiligt sind.

Erstellt: 14.04.2016, 19:54 Uhr

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