Der Starkult bei den Banken hat ausgedient

Die CS-Beschattungsaffäre wirft ein grelles Licht auf eine Bankenkultur, in der nur Geld und Karriere zählen.

Auch wenn er vom Überwachungsfiasko nichts gewusst hat, wird an ihm etwas hängen bleiben: CS-Chef Tidjane Thiam. Foto: Getty Images

Auch wenn er vom Überwachungsfiasko nichts gewusst hat, wird an ihm etwas hängen bleiben: CS-Chef Tidjane Thiam. Foto: Getty Images

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Tidjane Thiam und die Credit Suisse stehen im Fokus einer der verrücktesten Affären in der Geschichte des Schweizer Finanzplatzes. Kaum hat die Bank ihren Umbau überstanden, stürzt sie sich selbst in eine Krise. Bei der Neuausrichtung der Bank war Thiams wenig zimperlicher Führungsstil eine Stärke. Nun scheint dieser die Ursache für die Probleme zu sein. Thiams Streit mit Iqbal Khan, dem Ex-Leiter des Vermögensverwaltungsgeschäft bei der Credit Suisse, offenbart arge Schwächen in der Bank und am Finanzplatz. Die Wurzel des Problems liegt im Starkult, der um besonders clevere Banker betrieben wird. Er muss ein Ende haben.

Als Thiam 2015 bei der Credit Suisse anfing, waren die Kapitalpolster zu klein, das Geschäft lief schleppend, und grosse Rechtsfälle drohten zu einer Gefahr zu werden. Um das Überleben der Bank zu sichern, brauchte es einen Manager, der nicht zimperlich ist. CS-Präsident Urs Rohner setzte in dieser Situation auf Thiam, der anderswo bewiesen hatte, dass er durchgreifen kann.

Drei Jahre lang wurde unter Thiam das zweitgrösste Schweizer Finanzinstitut umgebaut. Auch die CS-Führung musste schmerzhafte Einschnitte wegstecken. In der Schweizer Konzernzentrale wurden 1600 Stellen abgebaut, die Investmentbank wurde zusammengestrichen und frisches Kapital aufgenommen. Heute steht die Bank stabiler da. Dank Thiam und seinem autoritären Führungsstil.

«Der Streit der beiden mit Millionen vergoldeten Alphatiere wurde zu einer Krise der Bank.»

Ein Glücksgriff von Thiam war auch die Ernennung Iqbal Khans zum Chef des internationalen Vermögensverwaltungsgeschäfts. Khans Einheit sorgte stets für ansehnliche Zahlen. Sie waren so gut, dass er schliesslich mehr Einfluss forderte. Doch das goutierte Thiam nicht. Es passte nicht zu seinem Führungsstil, Macht abzugeben. Der Zwist der beiden wurde dann auch noch durch einen Nachbarschaftsstreit genährt. Denn Thiam und Khan wohnen in Herrliberg nebeneinander. Baulärm auf Khans Anwesen soll sogar ein Thema an den Geschäftsleitungssitzungen der Bank gewesen sein. Ein Irrsinn.

Als Khans Wechsel zur UBS bekannt wurde, engagierte die Credit Suisse Detektive. Sie sollten herausfinden, ob Khan Personal für die Konkurrenz abwirbt. Khan bemerkte die Überwachung und fühlte sich bedroht – nun ermitteln die Behörden, und die Bank steht gelähmt da.

Der Streit der beiden mit Millionen vergoldeten Alphatiere wurde zur Krise der Bank. Eine, die nun Thiam den Kopf kosten könnte. Zwar sprechen ihm erste Grossaktionäre das Vertrauen aus. Doch sollte sich herausstellen, dass er über die gescheiterte Überwachung im Bilde war und sie tatsächlich auch einen privaten Hintergrund hatte – dann ist er nicht mehr zu halten. Denn es darf nicht sein, dass eine private Fehde eine Grossbank ins Wanken bringt.

«Die Affäre verdeutlicht, dass im Schweizer Banking noch immer zweifelhafte Mechanismen spielen.»

Aber auch wenn Thiam entlastet wird, weil er nichts von der Überwachungsfiasko gewusst hat, wird an ihm etwas hängen bleiben. Und eben nicht nur an ihm: Der Imageschaden für alle Beteiligten ist immens. Die Affäre schlägt sich bereits negativ auf den Börsenwert der CS nieder. Und: Unter der Affäre leiden auch die CS-Mitarbeiter, sie müssen sich von Kunden unangenehme Fragen anhören, als ob sie in den letzten Jahren nicht schon genug Stress durch die Restrukturierung gehabt hätten. Eine Anwaltskanzlei untersucht derzeit den Vorfall. Anfang nächste Woche soll ihr Bericht vorliegen. Dann wird sich zeigen, wie grundlegend die Bank durch die Affäre erschüttert ist. Aber schon heute ist klar, dass es nicht genügt, den Mann zu entlassen, der das Detektivbüro angeheuert hat. Es braucht einen Kulturwandel.

Die Affäre verdeutlicht, dass im Schweizer Banking noch immer zweifelhafte Mechanismen spielen. Kundenberater mit vermögender Klientel werden in den Himmel gelobt und gegenseitig abgeworben. Auch mehr als zehn Jahre nach der Finanzkrise sind die Banken stolz auf ihre Stars, die besonders grosse Kundenbücher haben – und die entsprechend entlöhnt werden. Ziehen die Top-Shots dann weiter, weil andernorts mehr zu holen ist, ist – angeblich – alles gar nicht so schlimm. Jede Bank verweist dann auf ihre Klauseln, die es den Bankern erschweren, die Vermögen der betuchten Klienten mitzunehmen. Wie der Fall Khan zeigt, ist das aber eben nicht so einfach.

Ein Umdenken ist so bald nicht in Sicht. Leider, leider. Das zeigt sich an Iqbal Khan: Er wurde bei der UBS als grosser Hoffnungsträger verpflichtet, wird wieder als Star gefeiert. Sein Start ist dem neuen Arbeitgeber einen Antrittsbonus von 4 Millionen Franken wert. Thiams Salär betrug zuletzt mehr als sagenhafte 12 Millionen Franken. Das sind Summen, die überall sonst nur die Weltbesten verdienen. Und in ihrer aktuellen Verfassung gehören die Schweizer Grossbanken eindeutig nicht dazu.

Erstellt: 27.09.2019, 20:03 Uhr

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