Stiller Abschied von Millionär Erb

Er gehörte zu den reichsten Unternehmern und endete als Betrüger. Der Ex-Chef der Erb-Gruppe starb am Samstag – vor Antritt einer Gefängnisstrafe.

Rolf Erb ist tot: Der Ex-Unternehmer sollte in diesen Tagen seine Haftstrafe antreten. (Tamedia-Webvideo)

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Es ist, als hätte er es geahnt oder geplant. Rolf Erb sagte schon 2012 während eines Mittagessens: «Ich werde auf Schloss Eugensberg sterben.» Unter Zwang werde er seinen Wohnsitz nicht verlassen müssen – schon gar nicht wegen eines Gerichtsurteils. Und doch wäre es diesen Frühling fast so weit gekommen, dass er, einst Multimillionär und Sprössling der bekannten Erb-Familie aus Winterthur, Richtung Gefängnis abgeführt wird. Dort hätte er eine siebenjährige Haftstrafe wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Gläubigerschädigung absitzen müssen. Das wird nicht mehr geschehen. Rolf Erb ist am Samstag auf seinem Schloss im Thurgauer Salenstein gestorben. Seine Lebensgefährtin habe ihn gefunden, schreibt der «Blick». Die Polizei untersucht, ob er sich das Leben genommen hat oder auf natürliche Art gestorben ist.

Die Prophezeiung seines Todes machte Rolf Erb in der Woche des ersten Strafprozesses in Winterthur. Er war ein hagerer Mann mit schlohweissen Haaren und sah viel älter aus als ein 60-Jähriger. Als er die Worte sagte, kniff er die Augen zusammen, blickte ernst und prüfend. Er war misstrauisch, wahrscheinlich weil er sich nie hätte denken können, dass er dereinst als einziger Schuldiger für den Niedergang der Erb-Gruppe vor dem Richter stehen würde. Im Gerichtssaal verhielt er sich, als wäre er nicht Angeklagter, sondern Chef. Erb grüsste die Anwesenden beim Eintreten, als hielte er eine Ansprache vor dem Kreis vertrauter Mitarbeiter. Er schwieg zu allen Fragen des Gerichtspräsidenten und setzte am Schluss zu einer langen Verteidigungsrede in eigener Sache an.

Jeden Strohhalm ergriffen

Erb wollte für die Pleite seines Auto-Unternehmens und die Schuldenlast in Milliardenhöhe nicht verantwortlich sein. Er sagte, sein Vater und der ehemalige Revisor seien schuld an der Finanznot der Firma. Beide starben kurz vor dem Konkurs. Erb beteuerte seine Unschuld vor dem Bezirksgericht, dem Obergericht, und er blieb bei seiner Meinung, als das Bundesgericht vor zwei Jahren seine Haftstrafe bestätigte. 14 lange Jahre griff er nach jedem juristischen Strohhalm, um seiner Gefängnisstrafe zu entfliehen. Zuletzt wollte er seinen Haftantritt mit der Begründung verzögern, er sei suizidgefährdet. Das Bundesgericht zeigte sich unnachgiebig und lehnte seine Beschwerde vor gut zwei Wochen ab.

Fotos – Rolf Erb und sein Imperium:

In den letzten Jahren hatte sich Erb aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Er wohnte mit seiner Lebensgefährtin und den Zwillingssöhnen im Teenageralter in Salenstein. Die Familie hielt zusammen, während sich die alten Freunde abwandten. Ihr Zuhause war Schloss Eugensberg, das Prunkstück des Familienbesitzes. Es gehörte einst der Hugo Erb AG. Rolf Erb liess das Schloss aufwendig renovieren, gab Millionen aus für vergoldete Wasserhahnen, Ornamente, Spiegel und liess ein 37 Meter langes Schwimmbecken bauen. Das Schloss bedeutete ihm sehr viel. Als grosser Kenner von Napoleon war er stolz auf sein Anwesen, das einst Napoleons Stiefsohn errichtet hatte. Erb selbst sagte verschiedentlich, er habe eigentlich lieber Kunst studieren als Manager werden wollen. Nach einem Schicksalsschlag hatte ihn sein dominanter Vater aber in die Erb-Gruppe beordert. Sein ältester Bruder war bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Jahre später brachte ein weiterer Unfall seinen jüngeren Bruder in den Rollstuhl.

Familie verlässt das Schloss

Nach Erbs Tod wird seine Familie bald aus dem Schloss ausziehen. Dieses wird nach jahrelangen Rechtsstreitigkeiten verkauft, genauso wie weitere Immobilien – zum Beispiel das Zentrum Töss in Winterthur und eine wertvolle Old­timersammlung. Das Geld geht an die Gläubiger der Erb-Gruppe.

Einer der wenigen engen Freunde der Familie bezeichnet Erb als «sehr kultivierte, gebildete Persönlichkeit». Er habe mit den Gerichtsurteilen bis zum Schluss gehadert, weil die Richter seine Seite nie richtig angehört und ein wichtiges Gutachten ausser Acht gelassen hätten. Mit Rolf Erbs Tod verblasst die Erinnerung an eine der einst reichsten Winterthurer Familien. In der Stadt ist von ihr nicht viel mehr übrig geblieben als die Geschichte eines Imperiums, das zusammenfiel – und einige marode Häuser hinterliess.

Erstellt: 10.04.2017, 23:26 Uhr

Kein Aufschub wegen Suizidgefahr

Rolf Erb sollte erstmals am 2. März 2016 seine Gefängnisstrafe antreten. Da er sich wehrte und erst ein Gutachten zur Hafterstehungsfähigkeit angefertigt werden musste, wurde der Strafantritt auf den 30. November 2016 verschoben, später auf den 5. April 2017 festgelegt. Gegen den Apriltermin wehrte sich Erb bis vor Bundesgericht. Er forderte ein interdisziplinäres Zweitgutachten zu seiner Hafterstehungsfähigkeit. Ein Aspekt dabei: die «unbestrittenermassen bestehende, sehr ernst zu nehmende, akute Suizidalität».

Das Bundesgericht wies die Beschwerde am 27. März ab. Ein Strafvollzug werde von Betroffenen unterschiedlich gut ertragen. Auch wenn eine «beträchtliche Wahrscheinlichkeit» bestehe, dass das Leben eines Verurteilten gefährdet sein könnte, sei eine Interessenabwägung zwischen Strafvollzug und Strafaufschub vorzunehmen. Dabei seien neben medizinischen Gesichtspunkten auch die Art und Schwere der begangenen Straftat und die Dauer der Strafe mitzuberücksichtigen.

Dies gelte auch bei Suizidgefahr. Das Bundesgericht: «Es darf nicht dazu kommen, dass die Selbstgefährlichkeit zu einem gängigen letzten Verteidigungsmittel wird, das von rechtskräftig Verurteilten oder ihren Anwälten in Fällen eingesetzt wird, in denen ein Begnadigungsgesuch keine Erfolgsaussichten hat.» Ein Strafaufschub komme sowieso nicht infrage, solange der Suizidgefahr mit geeigneten Massnahmen begegnet werden könne – beispielsweise mit der Unterbringung in einer geschlossenen psychiatrischen Klinik.

Im Fall Erb verwies das Bundesgericht auf einen Satz des Zürcher Verwaltungsgerichts: «Selbst wenn der Strafvollzug mit beträchtlicher Wahrscheinlichkeit das Leben oder die Gesundheit (von Rolf Erb) gefährden würde, fiele eine Abwägung zwischen privaten und öffentlichen Interessen zuungunsten (von Erb) aus und hätte dieser die Strafe gleichwohl anzutreten.» (thas.)

Urteil 6B_336/2017

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Rolf Erb tot aufgefunden

Rolf Erb tot aufgefunden Der einstige Konzernchef des Erb-Imperiums, Rolf Erb ist tot. Das Winterthurer Unternehmen ging 2003 Konkurs. Der Fall gilt als zweitgrösste Firmenpleite der Schweizer Geschichte.

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