Der Streit eskalierte in Thiams Villa

Wie es dazu kam, dass sich zwei Topmanager öffentlich streiten und sich die zweitgrösste Schweizer Bank der Lächerlichkeit preisgibt.

Die Villa von Tidjane Thiam mit Rundbau, in der die Abendeinladung vollkommen aus dem Ruder lief, und dahinter Iqbal Khans Backsteinhaus. Foto: Niklaus Wächter (Reportair.ch)

Die Villa von Tidjane Thiam mit Rundbau, in der die Abendeinladung vollkommen aus dem Ruder lief, und dahinter Iqbal Khans Backsteinhaus. Foto: Niklaus Wächter (Reportair.ch)

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Dies ist die Geschichte von zwei der mächtigsten Männer des Schweizer Finanzplatzes: Tidjane Thiam (57), Chef der Credit Suisse, und Iqbal Khan (43), bis vor kurzem Leiter der internationalen Vermögensverwaltung der CS und ab dem 1. Oktober in gleicher Funktion bei der UBS. Es ist die Geschichte eines Zerwürfnisses, das sowohl zu einer internen Untersuchung wie auch zu einer Strafuntersuchung führte, die beide Herren ihre Karriere kosten kann. Thiam, sollte er der Drahtzieher hinter der Überwachungsaktion sein, und Khan, falls die CS Belege dafür hat, dass er Ex-Kollegen abwerben wollte. Möglichst noch diese Woche will CS-Präsident Urs Rohner Ergebnisse der internen Ermittler präsentieren, und dann könnten Köpfe rollen.

Wie konnte es so weit kommen, dass die Credit Suisse einen ihrer Hoffnungsträger, der nun im Oktober bei der UBS anheuert, verliert, ihn von einer Firma überwachen lässt, die sonst Sozialhilfebetrügern nachstellt, und sich der Lächerlichkeit preisgibt?

Der Ursprung dieser Geschichte liegt im Januar 2019, und eigentlich sollte es ein geselliger Abend zum Jahresauftakt werden. Konzernchef Thiam lud Khan und seine Frau sowie eine Reihe anderer Credit-Suisse-Mitarbeiter samt Begleitung in seine Villa nach Herrliberg ZH. Khan hatte von allen Anwesenden den kürzesten Weg, erst einen Monat zuvor hatte er mit seiner Familie das frisch renovierte Haus direkt neben Thiams Villa bezogen.

«Eine persönliche Sache»

Es floss ziemlich viel Alkohol, und zum Schluss kam es zu einem sehr heftigen Krach zwischen Thiam und Khan. Die beiden waren etwas abseits der Gäste, nur die beiden Frauen waren dabei. Danach warf Thiam Khan angeblich vor, dass er seine Freundin beleidigt habe, Khan gab später an, er habe sich an Leib und Leben bedroht gefühlt. Offenbar war der Streit so heftig, dass am Ende die Ehefrau Khans die Streithähne nur knapp voneinander trennen konnte, bevor es handgreiflich wurde.

Was genau der Auslöser für die Auseinandersetzung war, dazu gehen die Darstellungen auseinander. Das Lager um Thiam erklärt den Krach damit, dass sich Khan an diesem Abend unangemessen verhalten habe. «Die Auseinandersetzung ist eine persönliche Sache», heisst es. Mit der Bank habe das Ganze nichts zu tun. Ganz falsch, sagt das Lager um Khan. Thiam sei zunehmend entnervt darüber gewesen, dass Khan dank der Erfolge seiner Sparte in die Rolle des Kronprinzen hineinwuchs – und damit eine Bedrohung für Thiams Machtposition wurde. Thiam hat Khan lange als eine Art Ziehsohn betrachtet, der nur dank seiner Unterstützung so weit gekommen ist. «Ich habe Iqbal erfunden», soll er mehrfach gesagt haben.

Chef und Nachbar des Starbankers Iqbal Khan: Tidjane Thiam. Foto: Gaetan Ball (Keystone)

Und tatsächlich: Khans Berufung an die Spitze der Vermögensverwaltung war eine Wette auf einen jungen, sehr ehrgeizigen Newcomer, der seine Karriere als Revisor und Berater bei Ernst & Young begonnen hatte und keine klassische Bankerkarriere vorweisen konnte. Vieles, was Thiam ursprünglich 2015 angekündigt hatte, und das wie eine Wette klang, ging nicht auf: Den geplanten Börsengang des profitablen Schweizgeschäfts musste er nach Kritik von Grossaktionären abblasen. Das hochgelobte Asiengeschäft hat nie die Erwartungen erfüllt. Noch immer fährt die Bank viel höhere Risiken als die UBS. Richtigen Erfolg brachten nur die von Thiam initiierten Einsparungen, das Schweizgeschäft und vor allem Khans Division, die internationale Vermögensverwaltung, die plötzlich Milliardengewinne einfuhr.

Khan musste sich verpflichten, keine seiner früheren Kollegen bei der Credit Suisse abzuwerben. Und darin lag die Quelle für den nächsten Eklat.

Angesichts des Leistungsausweises wurde der heute 43-Jährige für jeden Topjob gehandelt, der in der Bankenbranche zu vergeben war. So machten hartnäckig Gerüchte die Runde, Khan könnte der nächste Chef bei Julius Bär werden. Beobachter, und offenbar auch der Verwaltungsrat, trauten Khan auch zu, CS-Chef Thiam eines Tages zu beerben. Das war die Gemengelage, als es Anfang dieses Jahres zur Abendeinladung in Thiams Villa kam, die vollkommen aus dem Ruder lief.

Das Ganze sollte ein Nachspiel haben, denn Khan rapportierte die Geschehnisse an den Verwaltungsrat. Verwaltungsratspräsident Rohner bemühte sich, die Affäre nicht weiter hochkochen zu lassen, und versuchte zu moderieren. Doch das gelang nur vordergründig. Nach diesem Abend sei das Verhältnis zwischen dem Bankchef und seinem erfolgreichsten Geschäftsleitungsmitglied zerrüttet gewesen. Auf Mails wurde nur mit Verspätung geantwortet, es sollen abfällige Bemerkungen gefallen sein. Fünf Monate später reichte Khan seine Kündigung ein.

Vermutlich war die Auseinandersetzung mit dem Chef der Grund, warum er die CS so leicht verlassen konnte: Iqbal Khan. Foto: PD

Mehrere Quellen bestätigen, dass die Vorkommnisse an jenem Abend auch der Grund dafür waren, warum Khan so schnell und problemlos die Grossbank verlassen und drei Monate später bei der UBS anheuern konnte. Um den Hahnenkampf nicht weiter eskalieren zu lassen, moderierte Rohner am Ende diesen Kompromiss. Gleichzeitig musste sich Khan verpflichten, während der drei Monate keine seiner früheren Kollegen bei der Credit Suisse abzuwerben. Und darin lag die Quelle für den nächsten Eklat.

Die Affäre kann Thiam oder jemanden aus dessen Entourage den Kopf kosten.

Khans Umfeld betont, dass es für ihn selbstverständlich sei, getroffene Abmachungen einzuhalten. Doch aufseiten von Credit Suisse tendierte das Vertrauen offenbar gegen null, man glaubte, Khan habe bereits eine Liste von Ex-Kollegen zusammengestellt, die er abwerben wolle – daher die spätere Überwachung durch die Detektei Investigo. Der Auftrag dazu soll von Thiams Vertrautem Pierre O. Bouée und seinem globalen Sicherheitschef Remo Boccali ausgegangen sein. Nur beobachten, betonen Bankkreise, es sei nie um einen Einschüchterungsversuch gegangen.

Doch als Khan seine Verfolger stellte und das Kennzeichen ihres Autos fotografierte, kam ein Mitarbeiter von Investigo und verlangte von Khan, das Handy herauszugeben. Es habe aber keinen Versuch gegeben, das Gerät mit Gewalt zu entreissen, sagen mehreren Quellen. Der Anwalt der Überwachungsfirma, Thomas Fingerhuth, erklärte, dass der Mitarbeiter der Firma Khans Handy nicht weggenommen habe – was allerdings auch nie jemand behauptet hat. Khan und seine Frau gerieten aber in Panik und riefen laut nach der Polizei. Nun ermittelt die Justiz wegen Verdachts auf Drohung und Nötigung.

Am 1. Oktober tritt Khan seinen neuen Job bei der UBS an. Bis dann sollte sich die Affäre geklärt haben; sie kann ihn, Thiam oder jemanden aus dessen Entourage den Kopf kosten. Und die beiden Streithähne bleiben Nachbarn im Goldküstendorf Herrliberg. Und der Zank geht weiter, denn Thiam hat an der Grenze zum Grundstück Khans zwei grosse Bäume pflanzen lassen, direkt in dessen Aussicht auf den See.

Erstellt: 25.09.2019, 06:26 Uhr

Die aufgeflogenen Detektive aus Otelfingen

Sie waren ihm auf der Spur, doch er hatte das längst bemerkt. Mit einem Trick liess Iqbal Khan seine Verfolger auffliegen. Nach einer Verfolgungsjagd durch Zürich, bremste er ab und fotografierte das Nummernschild des Wagens. Die drei Verfolger, einer davon tätowiert, sollen dann versucht haben, ihm das Handy zu entreissen. Das war am Wochenende zu lesen.

Es gibt aber auch noch eine andere, weniger dramatische Version der Geschichte. Sie kommt von der Detektei Investigo aus Otelfingen ZH. Sie hatte den Auftrag, Khan zu überwachen. Thomas Fingerhuth, Anwalt von Investigo, bestreitet, dass ein Mitarbeiter seines Klienten das Handy von Khan weggenommen habe. Es sei zudem nur ein Mann und nicht drei auf Khan zugegangen. Weiter äussert er sich nicht zum Fall. «Wir warten noch auf die Akten der Staatsanwaltschaft», so Fingerhuth. Khan hat Anzeige erstattet.

Der Vorfall kommt bei Berufskollegen nicht gut an. «Wenn es so stimmt, wie es in der Presse wiedergegeben wurde, sind die Detektive dilettantisch vorgegangen», so Erich Wunderli, Privatdetektiv und Präsident des Verbands der Privatdetektive. Der Verband distanziert sich denn auch vom Unternehmen.
In der Stadt seien Verfolgungsjagden nutzlos, dort helfe ein Tracker, um unerkannt zu bleiben. Und: «Ein Detektiv will undercover bleiben, daher spricht er keine Zielpersonen an», so Wunderli. Sollte ein Mitarbeiter tätowiert sein, dann wird dieser nicht für Überwachungen eingesetzt, weil er schnell auffällt und leicht wiedererkannt werden kann. Auch Mietautos kommen bei Wunderli nicht zum Einsatz. Die Detektei verwendet eigene Wagen mit gesperrten Nummernschildern.

Investigo verfügt laut früheren Angaben über rund ein halbes Dutzend freischaffende Mitarbeiter, dabei handle es sich oft um ehemalige Polizisten. Der grösste Teil der Aufträge betreffe das Sozialwesen, also das Aufspüren von Sozialbetrügern. (Jorgos Brouzos )

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