Der Über-Investor mit dem losen Mundwerk

Twitter, Facebook – und jetzt der Fahrtenvermittler Lyft: Wo Marc Andreessen investiert, entsteht digitales Gold. Wären da nur nicht seine blinden Flecken.

Er erhält jährlich 20'000 Pitches von Jungunternehmern, die Startkapital suchen: Marc Andreessen. Foto: Reuters

Er erhält jährlich 20'000 Pitches von Jungunternehmern, die Startkapital suchen: Marc Andreessen. Foto: Reuters

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2011 publizierte Marc Andreessen einen Artikel mit dem Titel «Warum die Software die Welt frisst». Darin beschrieb er seine Vision: «In den nächsten zehn Jahren wird es zwischen herkömmlichen Unternehmen und den Software-basierten Firmen zu epischen Schlachten kommen. Der Ökonom Joseph Schumpeter würde mit seinem Begriff der kreativen Zerstörung stolz darauf sein.»

Acht Jahre später steht fest, dass Andreessen recht hatte. Amazon hat traditionelle Buchläden zerstört, Airbnb zerstört Arbeitsplätze in der Hotellerie, Uber und Lyft zerstören das Taxigewerbe.

Der Weise der Tech-Elite

Die Verlierer kümmern Andreessen wenig, ihn interessieren nur die Gewinner. Unternehmen wie Twitter, Facebook oder aktuell Lyft: Er hat es dank geschickten Investitionen in solche Zerstörer der alten Wirtschaft zum Milliardär geschafft. Viele Jungunternehmer im Silicon Valley betrachten ihn als den Weisen der Tech-Elite.

Dabei fing alles sehr bescheiden an. «Zum Teufel mit den Buchläden», sagte er einmal mit Blick zurück auf eine Jugendzeit im ländlichen Wisconsin, wo seine skandinavischen Vorfahren Äcker pflügten und weit und breit kein Buch zu kaufen war. Aber der Junge war wissensdurstig. Er brachte sich eine der ersten Programmiersprachen bei und beteiligte sich an der Entwicklung eines ersten Internet-Browsers. Daraus entstand Netscape, der erste erfolgreiche Browser, dessen Verkauf 1995 ihm 53 Millionen Dollar einbrachten.

Millionär mit 23: Netscape-Gründer Marc Andreessen 1995. Foto: Reuters

Andreessen war 23 Jahre alt und schon berühmt. Er blickte, auf einem goldenen Thron sitzend, selbstsicher vom Titelblatt des «Time»-Magazins. Diese Fotografie sollte seine weitere Karriere perfekt vorwegnehmen. Andreessen überstand den Börsencrash von 2000 unbeschadet und begann rasch, in eine neue Generation von Unternehmern zu investieren, die so waren wie er: überzeugt von sich und den Segnungen der digitalen Technologie – und absolut furchtlos. Skype, Facebook und Twitter waren solche Firmen, die Andreessen nicht nur mit Kaptal unterstützte, sondern auch mit aktiver Beratung. Als er zusammen mit Ben Horowitz eine Venture-Capital-Firma gründete, liefen ihr scharenweise Unternehmen zu. Facebook-Chef Mark Zuckerberg profitierte viel von Andreessen, dafür durfte der Investor im Verwaltungsrat Einsitz nehmen.

Das Beispiel von Lyft zeigt, dass Andreessen und Horowitz auch die zweite grosse Innovationswelle nicht verpasst haben. Die beiden gehörten zu den ersten Investoren in den Fahrvermittlungsdienst, als das Unternehmen erst mit 275 Millionen Dollar bewertet wurde. Ihr Einsatz hat sich nun mit dem Börsengang auf mehr als eine Milliarde Dollar verzehnfacht. Lyft ist erst ein Anfang. Airbnb, Pinterest und Lime Scooters planen in den kommenden Monaten ebenfalls den Börsengang; und in jedem Fall dürfte Andreessen mit seiner Investition mindestens mit dem Zehnfachen profitieren.

«Die Ausbreitung des Internets trennt die Menschen in zwei Kategorien: jene, die den Computern befehlen, und jene, denen von Computern befohlen wird».Marc Andreessen

Bei öffentlichen Auftritten ist Andreessen kaum zu bremsen. Auf kurze Fragen gibt er lange Antworten ohne erkennbaren Selbstzweifel. Eine Zeitlang breitete er seine stramm libertären Einsichten auf Twitter aus, bevor er sich 2016 völlig überraschend von dort zurückzog. Der Nachfrage schadete das aber nicht. Er erhält nach eigenen Angaben jährlich 20'000 Pitches, also Vorschläge von Jungunternehmern, die Startkapital suchen. Davon kommt nur etwa ein Dutzend in die engere Auswahl. Wer es aber schafft, kann mit einer intensiven Betreuung durch Andreessen rechnen, die weit über ein finanzielles Engagement hinausgeht. Es war diese Betreuung zum Beispiel, die Airbnb in den Anfangszeiten über ein PR-Debakel hinweghalf und die Basis für den Börsengang legen sollte. Es ist bis zu einem gewissen Grad der Andreessen-Bonus, der Firmen wie Lyft und Airbnb zu ausserordentlich hohen Bewertungen verholfen hat, obwohl beide weitab von der Profitschwelle stehen.

Andreessen sitzt mitten drin in einem fein austarierten Netz von Investoren, Firmengründern und Beratern im Silicon Valley. Viele dieser Beziehungen reichen zurück in die Anfänge des Techbooms vor 40 Jahren. So stark das Netz ist, so weist es doch blinde Flecken auf. Frauen sind noch immer stark untervertreten; und bei keinem einzigen der geplanten Börsengänge spielt eine Frau eine wichtige Rolle. Dass dies aber ein typisches Silicon-Valley-Problem wäre, verneint er.

Die Hälfte des Vermögens in gute Zwecke investiert

Auch bestreitet er, dass Computer und Roboter Arbeitsplätze vernichten würden. «Diese Panik kommt alle 25 bis 50 Jahre auf. Stets befürchten die Leute, dass Maschinen alle Arbeitsplätze zerstören. Doch passieren tut das nie.» Er verweist darauf, dass die Arbeitslosigkeit weltweit den tiefsten Stand je und das Einkommen im Schnitt den höchsten Stand erreicht haben. Gerne gibt er zu, ein Daueroptimist zu ist. Die Beherrschung der Welt durch den Computer sei genauso wenig zu stoppen wie früher das Auto. «Die Ausbreitung des Internets trennt die Menschen in zwei Kategorien», doziert er, «jene, die den Computern befehlen, und jene, denen von Computern befohlen wird.»

Wäre er ein Skeptiker, hätte er nie in Firmen wie Lyft investiert, und er wäre nicht Milliardär geworden. Dieser Reichtum aber bringt aus seiner Sicht auch eine soziale Verpflichtung. Er will 50 Prozent seines Vermögens für gute Zwecke einsetzen, so etwa in die digitale Ausbildungsplattform Udacity. Seit 2012 haben sich gemäss «Forbes» mehr als zehn Millionen Studenten weltweit Bildungskurse belegt. «Praktisch jedermann mit einer Internetverbindung kann sich auf diese Weise die Fähigkeiten aneignen, die es für einen Job der Zukunft braucht», sagt Andreessen. Wer das nicht begreifen wolle, bleibe eben stecken, so wie er nie im Silicon Valley erfolgreich geworden wäre, hätte er die Äcker in Wisconsin nicht hinter sich gelassen.

Erstellt: 02.04.2019, 18:16 Uhr

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